Mein Fokus in den letzten Wochen des Trimesters lag auf dem Deutschunterricht. Insbesondere beschäftigte ich mich viel mit der diesjährigen Abschlussklasse, bestehend aus 20 Schülerinnen. Die Deutschprüfung besteht aus drei Teilen:
Mündliche Prüfung
- lautes Lesen eines Textes
- 10-minütige Präsentation zu einer gesellschaftlichen/kulturellen Frage
Schriftliche Prüfung (Teil 1)- Hörverstehen (4 Dialoge, zu denen Fragen beantwortet werden sollen)
- Aufsatz (Verfassen eines Aufsatzes, 220-250 Wörter)
Schriftliche Prüfung (Teil 2)
- Grammatikteil (Grammatikfragen aller Art)
- Leseverstehen (Zwei Texte, zu denen anschließend Fragen beantwortet werden sollen)
Was die Deutschschülerinnen insbesondere mit mir üben wollten, war der mündliche Teil. Dies kam mir wiederum zugute, weil ich so die Antworten der Schülerinnen zu Fragen wie den folgenden erfuhr:
- Was würdest du tun, wenn du Präsidentin wärst?
- Würdest du aus Kenia auswandern? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wohin und warum?
- Welchen Einfluss hatte die COVID-19 Pandemie auf die Bildungslandschaft?
- In welchem Land in Afrika würdest du am liebsten leben?
- Welche Bedeutung hat Wasser für das Leben der Menschen?
- Deine Freundin/dein Freund leidet an HIV/AIDS. Wie kannst du ihr/ihm helfen?
- Ist Geld das Wichtigste im Leben? Warum/warum nicht?
- Du hast bei einem Aufsatzwettbewerb eine Reise nach Deutschland gewonnen. Wie bereitest du dich darauf vor?
- Wie kann man das Problem der Korruption in Kenia lösen?
- Der Präsident meint, dass Kenianer und Kenianerinnen mehr über die Sehenswürdigkeiten in ihrem Land wissen sollten. Was meinst du dazu?
- Jugendliche aus aller Welt haben eine gemeinsame Kultur. Was meinst du dazu?
- Ein Junge gehört zum Vater, ein Mädchen zur Mutter. Was meinst du dazu?
- Ist es besser in der Stadt oder auf dem Land zu wohnen?
- Was kann man gegen den Klimawandel tun?
- Was das Leben der Menschen früher friedlicher als heute?
Ich erfuhr, dass die meisten der Mädchen in Nairobi Medizin studieren wollen, um Krankenschwester, Ärztin oder Anwältin zu werden. Nur wenige erreichen dieses Ziel tatsächlich, da für ein Medizinstudium, die Bestnote in den Abschlussprüfungen erreicht werden muss. Wichtig ist es den Mädchen, später viel Geld zu verdienen, um ihrer Familie helfen zu können. Ihr größter Wunsch wäre es, einmal nach Deutschland zu reisen oder dorthin auszuwandern. Generell bewundern sie die Lebensweise der Menschen in Industrieländern. Das Bild dieser Länder wird ihnen hauptsächlich durch TikTok vermittelt. Die Mädchen lieben es, zu tanzen. Ansonsten listen sie Filme schauen, singen und kochen als ihre Hobbys. Wenn sie nicht nach Europa auswandern, würden die meisten der Schülerinnen gerne in Südafrika leben wollen, weil es das am weitesten entwickelte Land in Afrika ist.
Zudem gab es insbesondere zwei Themen, die die Mädchen immer wieder mit mir diskutierten wollten: die Liebe zum Fleisch und die Liebe zu Gott.
Die Liebe zum Fleisch
Die Idee des Vegetarismus ist für die Mädchen vollkommen unverständlich. Warum sollte man auf etwas verzichten, was so köstlich ist? Besonders in Kakamega ist Huhn eine Delikatesse. Ich erklärte meinen Standpunkt, aber ich konnte mit keinem meiner Argumente zu den Mädchen durchdringen. Im Gegenteil schauten sie mich mitleidig an, wenn ich ihnen erklärte, dass kein Tier für mich sterben sollte. Gott habe den Menschen Nutztiere zum Essen gegeben, erwiderten die Mädchen, womit ich zu meinem zweiten Punkt komme...
Die Liebe zu Gott
Da es sich um ein katholisches Mädcheninternat handelt, ist der Glaube fest in den Alltag der Schülerinnen eingebunden. Jeden Tag wird gemeinsam und individuell gebetet. Vor Prüfungen versammeln sich die Mädchen gemeinsam, um zu singen und zu beten. Jeden Mittwoch findet eine Messe statt, an der die gesamte Schule teilnimmt. Die Schulleiterin ist eine Nonne. Weil ich mich derzeit als Agnostikerin bezeichnen würde, bin ich beeindruckt davon, wie sicher die Mädchen im Glauben stehen. Auch die Lehrkräfte wissen von meinem Standpunkt und suchen fast täglich das Gespräch mit mir. "God exists!" ("Gott existiert!") ist die Meinung, von der sie mich überzeugen wollen.
Wer weiß, ob ich bei diesen beständigen Einflüssen nicht vielleicht als fleischliebende Christin zurück nach Deutschland komme... ;)