Von Abenteuerlust und Ungewissheit

Jeder Neuanfang bringt gegensätzliche Emotionen mit sich. Auch die Vorbereitungen auf meine Reise nach Kenia waren wieder einmal geprägt von gemischten Gefühlen.

25. September 2023

Meine Entscheidung, dass ich unbedingt wieder ins Ausland möchte, hatte ich eigentlich schon direkt nach meiner Wiederankunft aus England (Praxissemester als Teil des Studiums) gefasst. Ein Jahr später (und zwei Semester) später ist es nun so weit. Und trotzdem ist es immer wieder spannend zu beobachten, wie nahe freiheitliche Abenteuerlust und beängstigende Ungewissheit zusammenliegen. Man kann eben nicht alles planen, aber das ist auch gut so. Wie ich in meinen bisherigen Reiseerfahrungen erleben durfte, sind die ungeplanten Dinge, immer die, die am meisten Potential in sich verbergen.
Es gab so einige Dinge, die für mich während der Vorbereitung Neuland waren. Wie beantragt man für Kenia ein Visum? Welcher Mückenschutz ist der beste? Wo bekomme ich eine Gelbfieber Impfung? Das meiste Vergnügen bereitete mir aber wahrscheinlich, den Antrag auf mein Urlaubssemester einzureichen. Der Gedanke ein komplettes halbes Jahr für mich zu haben und es vollständig selbst gestalten zu können, stimmte mich schon sehr glücklich.
Interessanterweise nahmen die Vorbereitungen - anders als bei England - nur einen relativen geringen Teil meiner Zeit ein, was in Anbetracht der langen Prüfungsphase sehr vorteilhaft war. Ich begann ungefähr im Februar 2023 konkret zu planen. Afrika stand fest, aber das konkrete Zielland noch nicht. Wegen schon bestehender Kontakte einer Bekannten meines Bruders und weiterer Gründe (siehe Kurz&Knackig) fiel die Entscheidung auf Kenia. Ich erhielt die Kontaktdaten von David - meinem Mentor und Lehrer an meiner zukünftigen Praktikumsschule. Im Juni unterzeichnete die Schule den Praktikumsvertrag und legte meinen Aufgabenbereich fest:

"Es wird erwartet, dass die Praktikantin Mathematik und Physik entsprechend dem kenianischen Lehrplan unterrichtet. Weiterhin wird erwartet, dass sie die Deutsch lernenden Schülerinnen unterstützt - insbesondere bei der Entwicklung ihrer mündlichen Sprachfertigkeit - und ihnen im Rahmen ihrer Vorbereitungen auf die Abschlussprüfungen die deutsche Kultur näherbringt. Auch andere Aufgaben, die die Schule festlegt (wie beispielsweise sportliche Aktivitäten), das freie Interagieren mit den Lernenden und das Bereitstellen von sonstig notwendiger Hilfe wird Teil ihres Aufgabenbereichs sein."

Die Organisation des Visums, das Buchen der Flüge und das Abschließen der Versicherungen konnte ich dann in den letzten zwei Monate erledigen. Beim Packen musste ich übrigens darauf achten, keinerlei Plastiktüten zu verwenden, da in Kenia dafür ein striktes Verbot besteht. Ansonsten standen am Abend vor der Abreise der 22,3 kg schwere Koffer und mein 7,9 kg schwerer Rucksack zur Abreise bereit. 

Der Heckmeck mit der Arbeitserlaubnis und sooo viel Aufregung (Nachtrag nach Ankunft in Nairobi)
Einen kleinen Einschub wollte ich geben, weil natürlich nicht alles vollkommen wie am Schnürchen lief. Während der Vorbereitung gab es eine Sache, die mich noch verrückt machen sollte: 
Lange Zeit hatte ich auf meiner To-Do-Liste auch den Punkt "Arbeitserlaubnis" stehen. In Kenia ist es verpflichtend für alle arbeitenden Menschen (egal ob bezahlt oder unbezahlt) eine Arbeitserlaubnis zu besitzen. Bei einem Verstoß durch Eingewanderte werden diese abgeschoben. Die strengen Regelungen hatte Kenia mit dem "Kenya Citizenship and Immigration Act" 2011 beschlossen. Grund dafür ist unter anderem, dass kenianischen BürgerInnen nicht die Arbeit weggenommen wird.
Ich war mir also bewusst, dass ich eine Arbeitserlaubnis brauchen würde. Also tat ich alles dafür, diese auch zu bekommen. Nach der 1000. Mail und dem unzähligsten Anruf, gab ich jedoch auf. Ins Portal, in welchem man die Arbeitserlaubnis zu beantragen hatte, konnte ich mich nicht einloggen. Die notwendigen Dokumente hatte ich besorgt, aber ich konnte sie nicht einreichen. Irgendwann beschloss ich dann, dass es also reichen muss, die Arbeitserlaubnis vor Ort in Kenia zu beantragen.
Und dann machte ich einen großen Fehler am Abend vor der Abreise: Ich laß noch einmal nach. Da stand dann auf so einigen Websites, dass eine Einreise mit Arbeitsabsicht in Kenia nur mit Visum UND Arbeitserlaubnis möglich sei. Ich bekam eine halben Herzinfarkt. Sollte die ganze Reise nun doch ins Wasser fallen? Im Rückblick weiß ich: Wenig Schlaf und ein bisschen Stress sind keine gute Kombination, um sich nochmal genauer über solche Details zu informieren. Vor allem nicht am Abend vor der Abreise. Der Fakt, dass ich nichts mehr machen konnte, machte mich fertig. Zum Glück war meine Mitbewohnerin zu Hause und beruhigte mich, indem sie mir zuhörte und mir hoffnungsvoll zuredete. Wir gingen das Worst-Case-Szenario durch und kamen zum Schluss, dass auch das irgendwie machbar wäre - meine Lieblingsstrategie mit Sorgen umzugehen.
Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass diese Sorge übertrieben war. Jegliche Gedanken, die ich mir machte, waren vollkommen umsonst. Meine Horrorszenarien, wie ich aus Frankfurt erst gar nicht loskomme oder im Flughafen in Nairobi wieder zurückgeschickt werde sind nicht im Ansatz eingetreten. Die Sicherheitskontrollen liefen vollkommen problemlos ab - eine Arbeitserlaubnis wurde nicht einmal erwähnt.
Aus solchen Situationen lernt man so viel. Wie stressresistent bin ich? Wie stressresistent bin ich mit Schlafmangel? Wie kann man sich am besten ablenken, wenn man sowieso nichts mehr machen kann? Aber vor allem: Welche lieben Menschen habe ich in meinem Umfeld, die die Fähigkeit besitzen, mich aufzufangen? Schlussendlich hätte ich wieder einmal mehr darauf vertrauen sollen, dass am Ende schon alles gut wird. Aber hiermit sei es genug zu Ungewissheiten zu den richtigen Reisedokumenten.
Hier geht's zum Bericht vom Abreisetag.

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