Das versteckte Volk

Nachdem ich so richtig schön ausgeschlafen hatte, startete ich meinen Tag mit einem Joggingausflug an der Küste Reykjavíks. Am Nachmittag schwang ich mich wieder auf den Sattel und radelte nach Hafnarfjörður, wo Elfen, Feen und Trolle für Bewohner der Stadt gehalten werden. Dort entdeckte ich auch das Wahrzeichen meiner Tour.

21. August 2019

Als ich heute Morgen meine Augen öffnete, realisierte ich, dass es keinen Grund gab, übermäßig schnell aufzustehen. Also ließ ich mir Zeit. Ein entspannter Morgen ist schon etwas Herrliches. Nach einem ebenso entspannten Frühstück entschloss ich mich dazu, eine kleine Joggingrunde Richtung Hafen zu unternehmen. Sie führte mich immer an der Küste entlang - genau dort, wo ich vor zwei Monaten an meinem ersten Tag meinen ersten Spaziergang genossen hatte. Doch mein morgendlicher Ausflug sollte mir noch einen anderen Nutzen bringen: Ich kam am Hostel vorbei, in dem ich meine ersten Nächte verbracht hatte und wo ich meinen Fahrradkarton zurückgelassen hatte. Ich wollte prüfen, ob dieser noch immer an seinem Platz war. Und das war er. Das hatte also problemlos geklappt. Super! 
Zurück auf dem Campingplatz genoss ich eine Dusche und gegen 12.00 Uhr bereitete ich mir mein Mittagessen zu. Nun war ich gesättigt und bereit für meinen kleinen Ausflug zum 10 Kilometer weiter südlich gelegenen Hafnarfjörður. Hätte ich mir nicht bewusst gemacht, nun die Grenze zu einer neuen Stadt zu überschreiten, wäre ich wahrscheinlich davon ausgegangen, mich noch in Reykjavík zu befinden. Der Übergang von der Hauptstadt zur sogenannten "Stadt der Lava" ist fließend.  Denn berühmt ist Hafnarfjörður vor allem für das rund 8000 Jahre alte Lavafeld, auf dem die Stadt erbaut wurde sowie für die märchenhaften Bewohner dieses Lavagebietes. Die Seherin und sogenannte "Elfenbeauftragte" Erla Stefánsdóttir behauptet, schon seit ihrer Kindheit Kontakt zu Feen, Elfen, Trollen und Zwergen zu haben. Sie entwickelte sogar eine Karte von Hafnarfjörður, auf der sie die Lage der Häuser und Burgern des versteckten Volkes in Lavahöhlen und -hügeln gekennzeichnet hat. Nach einem Besuch des Stadtparks Hellisgerði könnte man jedoch tatsächlich von der Existenz der fantastischen Wesen überzeugt werden. Wenn sich Trolle und Elfen hier nicht wohlfühlen, wo dann? Sobald man das Tor zu diesem Stadtpark durchschreitet, vergisst man, sich in einer Stadt zu befinden. Die Unebenheiten aufgrund der Lavahügel sorgen nicht für eine klassische Stadtparkidylle, sondern lassen eine mystische, märchenhafte Stimmung aufkommen. Die niedrigen Bäume strecken ihre dicken Wurzeln über die schmalen Wege und Treppen. Hier und da musste ich ein paar Äste und Zweige zur Seite biegen, um mir meinen weiteren Weg zu ermöglichen. In der Mitte des Parks angekommen, zeigte sich mir ein kleinerer Brunnen mit einer goldenen Skulptur in dessen Mitte. Gespeist wurde dieser Brunnen von einem winzigen Wasserfall, der sich seinen Weg hinab von einem kleinen Hügel bahnte. Umringt wurde dieses Szenario von den vielen violetten Blumen, die wahrscheinlich von den Elfen höchstpersönlich gepflanzt wurden. 
Nachdem ich diesen magischen Ort verlassen hatte, erreichte ich bald den schönen Hafen, um den sich hufeisenförmig bunte Häuser angesiedelt hatten. Dort erfuhr ich, dass dieser Ort auch eng mit der deutschen Geschichte verknüpft ist. 1470 begannen Kaufleute der Hanse aus Lübeck auch nach Island zu segeln. Es kam zu einer Konkurrenz mit England und einem Streit um die besten Häfen. 1475 beschreiben Quellen auch den Disput um den Hafen von Hafnarfjörður. Die Deutschen entschieden den Streit für sich, weil sie friedlicher agierten und günstigere Produkte offerierten. Bis zum 16. Jahrhundert konnte Hafnarfjörður als deutsche Stadt angesehen werden. 1602 verbannte der dänische König dann jedes andere Land von der Insel und vereinigte das Handelsmonopol auf Dänemark. Zudem veranlasste er, alle Gebäude, die durch die Hanse erreichtet worden waren, zu vernichten. So wurde das Band zwischen Deutschland und Island vorerst gekappt. Vom Hafen aus fuhr ich Richtung Zentrum und plötzlich sah ich links von mir eine Art Holzturm. Ich musste schmunzeln und dachte noch "Das gibt`s ja nicht. Kugelbake, bist du das?". Einen Moment später las ich auf dem Schild daneben tatsächlich die Aufschrift "Kugelbake". Während der Nordseetour, die ich mit Mama und Papa durchzog, war das unser Zielsymbol. "Bei der Kugelbake in Cuxhafen haben wir es geschafft!" hieß es immer. Und jetzt stand ich da, am Ziel meiner Tour - wieder an einer Kugelbake. Ohne Worte...
Mein Weg führte mich weiter zu dem seit 1984 geschützten Naturgebiet Hamarinn. Dieser Felsen entstand durch einen eiszeitlichen Gletscher, der sich vor etwa 300.000-500.000 Jahren aus dem Südosten Richtung Meer bewegte. Auf dem steinigen Boden konnte man sogar Einkerbungen durch das Gewicht des Gletschers erkennen.
Nun führte mich meine Tour weiter in die Hafnarfjarðarkirkja. Hier unterhielt ich mich für eine Weile mit einem Mitarbeiter der Kirche über das Thema Glaube in Island und erfuhr, dass trotz der hohen Mitgliedszahlen vermutlich nur die Hälfte der Isländer tatsächlich an Gott glaubt. Zudem erklärte mir der Mann noch einiges zur Geschichte der Kirche.
Nun war ich schon fast am Ende meines Rundganges angelangt. Im Zentrum der Stadt warf ich noch einen Blick auf die Einkaufsmeile und den großen Platz vor dem Rathaus der Stadt. Dann trat ich meinen Rückweg an, für den ich etwa eine Stunde benötigte. Wieder einmal machte ich mir den enormen Kontrast bewusst, der zwischen der Hauptstadt Islands und so manch anderen Gegenden der Insel auftrat. Reykjavík hat gerade mal ein Viertel so viele Einwohner wie Dresden und doch kommt man sich vor, wie in Berlin. Die Häuser sind dicht aneinandergereiht und ein Netz aus mehrspurigen Straßen durchspannt die Stadt. Wenn ich jetzt an die winzigen Dörfer in den Ostfjorden denke, glaube ich kaum mehr, dass ich mich im selben Land befinde.
Zurück auf dem Campingplatz verbrachte ich den Abend im Essensraum. Hier unterhielt ich mich mit einer Südkoreanerin und später mit zwei netten Mädchen aus dem Münchener Umland. Die beiden waren erst vor kurzem angekommen und planten nun ihren 3-wöchigen Trip. Als ich so von meinen Erfahrungen erzählte, wurde mir langsam wirklich bewusst, dass diese 2 Monate bald schon enden würden. Ich hatte so viel erlebt, so viel gesehen und so viel dazugelernt - über Island und über mich selbst. Irgendwie fand ich es spannend, die beiden bei ihrer Planung zu begleiten. Ich stand am Ende meiner Reise, sie am Anfang. Als die beiden schlafen gingen, setze sich eine Französin zu mir, die wie ich erfuhr eine Radtour an der Südküste plante. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile.
Bald war es dann auch Zeit, sich auf die Isomatte zu legen. Morgen würde eine Bustour zur Halbinsel Reykjanes auf meinem Plan stehen, welche 8.30 beginnen sollte. Ich bin sehr gespannt, gerade weil ich solche Massenreisen eigentlich nicht unbedingt favorisiert hatte.
Bis Morgen!

Stadtpark Hellisgerði in Hafnarfjörður

Nachtlager
Tjaldsvæði í Laugardal, Campingplatz Reykjavík

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