Bungoma und Roadwork

Von sportlichen Aktivitäten, einer Reise nach Bungoma, Bildern aus der Kindheit, einer Musik-Seelenverwandtschaft und einem
bewegenden Gespräch.

06. bis 12. November 2023 (Woche 6)

Nun war es also so weit: Die liebe Langeweile war ausgebrochen. Oder nennen wir es nicht gleich Langweile, sondern eher Routine: Ich stand morgens (recht spät) auf, machte mir meinen Kaffee und Frühstück und hörte meinen morgendlichen Nachrichtenpodcast, um auch die Geschehnisse in Deutschland mitzuverfolgen. Dann gab es eine Arbeitseinheit für meinen Onlinejob, um anschließend ein bisschen am Blog zu schreiben. Schließlich hinkte ich mittlerweile ganz schön hinterher. Dann gab es Mittag (derzeit eher deutsche Speisen z.B. Nudelsalat) und am Nachmittag spielte ich dann meist ein bisschen Fußball mit den Nachbarskindern oder SpielerInnen, die als Uni-Mannschaft trainierten. David hatte mittlerweile seine Arbeit an der Mukumu Jungenschule begonnen, wo er die nächsten drei Wochen KCSE-Prüfungen beaufsichtigte. Gesellschaft hatte ich trotzdem. Wie ich berichtet hatte, war Ophilos Bruder, Devant, zu Besuch. Gemeinsam brachten die Geschwister mit bei, wie man vernünftig Zuckerrohr isst. Das ist übrigens gar nicht so einfach. Man braucht ziemliche Kraft im Kiefer. Devant wollte sich über Ausbildungsmöglichkeiten hier in der Gegend informieren. Gleichzeitig ist er ein routinierter Fußballspieler und überzeugte mich davon, mit ihm ein bisschen "roadwork" (Lauftraining) zu betreiben. Wir liefen also Richtung Khayega immer an der Hauptstraße entlang. Drei Bedingungen bewirkten, dass ich Devant bald hechelnd hinterherlief: 
- Klima: Die "seichte" Morgensonne ist hier ungefähr so intensiv wie unsere Mittagssonne.
- Umgebung: Die vorbeifahrenden tuk-tuks und Motorräder bliesen ihre Abgase gefühlt direkt in meine Atemwege.
- Trainiertheit: Ich hatte seit 2 Monaten nicht mehr regelmäßig Sport getrieben.
Ich entschied also, dass ich hier in Mukumu für die Fitness wohl doch eher aufs Fußballspielen zurückgreifen würde.


Am Montag hatte mir Rael erzählt, dass sie diese Woche ihre Mutter in Bungoma besuchen möchte und ich fragte, ob ich sie begleiten könnte. Rael hatte zuvor erwähnt, dass sich ihre Mutter sehr freuen würde, einen 'mzungu' zu sehen. Auch Ophilo hatte Zeit, also planten wir einen Trip zu dritt. Am Mittwoch trafen Rael und ich uns um neun am Haus. Ophilo hatte in Kakamega bei Freunden übernachtet und wir trafen ihn dort. Ein Ticket für die Fahrt kostete 600 KSH (ca. 4 Euro) pro Person. Für eine bessere Einschätzung habe ich einmal die Preisliste für Fahrten mit dem matatu (Großraumtaxi) angehängt. Es ist die günstigste Art sich fortzubewegen. Tuk-tuk und Motorräder (picky-picky) sind teurer. Für längere Reisen bietet es sich an, ein matatu zu nutzen. Bilder wie das folgende sind dabei vollkommen normal. Das Huhn, das dort auf dem Schoß der Frau transportiert wird, ist vermutlich auf dem Weg zum Schlachter. 

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https://africa.itdp.org/wp-content/uploads/2013/12/Matatu-by-oldandsolo.jpg

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https://kenyanwallstreet.com/wp-content/uploads/2018/09/Uber-Tuk-Tuk.jpg


Wir waren für fast zwei Stunden unterwegs. Neben dem Blick aus dem Fenster auf das ländliche Kenia unterhielt uns insbesondere Musik. In allen Transportmitteln läuft eigentlich ständig Benga Musik und das auch in gut vernehmbarer Lautstärke (aka lauter als Gesprächslautstärke :D). Rael und ich entschieden uns aber für unsere eigene Musik mit Kopfhörern und teilten unsere aktuellen Lieblingssongs. Ganz oldschool saßen wir da - jede einen Kopfhörer im Ohr. Wir entdeckten, wie ähnlich unsere Musikgeschmäcker sind. Unsere Leidenschaft für langsame, sinnliche (und manchmal traurige) Lieder traf nicht häufig auf so viel Verständnis wie zwischen uns beiden. Unsere Gedanken zu den Vorzügen dieser Musik waren identisch. Dieser Moment lehrte mich einmal mehr, welch eine Verbundenheit durch Musik entstehen kann. In Bungoma angekommen, kaufte Rael auf dem Markt noch ein paar Lebensmittel, weil man "nicht nach Hause fährt, ohne etwas mitzubringen". Vom Markt aus waren es dann noch 10 Minuten mit dem Motorrad bis wir auf dem Grundstück von Raels Familie ankamen. Es war so ruhig hier. Ich realisierte auf einmal, wie laut es eigentlich in Mukumu ist, auch aufgrund der Hauptstraße, die sich durch die kleine Stadt zieht. Das Grundstück bestand hauptsächlich aus Garten und einem kleinen Häuschen, das in zwei Teile geteilt war. In einem Teil lebt Raels Mutter, in dem anderen ihre Cousine mit Kindern. Der große Garten sah wie ein kleines Paradies aus. Bananenbäume ragten über die anderen Pflanzen, die den kompletten Boden bedeckten. Vorm Haus spendete ein große Avocadobaum den spielenden Kindern Schatten.

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Immer wieder erstaunlich,
wie die kindlichen Instinkte doch nie versiegen.


Neben diesen Pflanzen baut die Familie hauptsächlich Hirse, Zuckerrohr, Maniok und Bohnen an. Außerdem spazierten natürlich auch hier Hühner durch den Garten. Was mir zuvor unbekannt war und Rael mir an diesem Tag erklärte, war, dass Chapati eine eher feierliche Speise ist. Genauso ist es üblich ein Huhn zu schlachten, wenn es etwas zu feiern gibt. Da ich zuvor schon angekündigt hatte, eine Vegetarierin zu sein, durften die Hühner weiterleben und wir aßen gemeinsam Chapati. Dazu gab es Kohl, Kartoffel, Reis und Mungbohnen. Nach dem Essen durfte ich dann einen Blick in Raels Fotoalbum werfen. Und natürlich wurde das Fotoalbum auch erweitert und wir machten gemeinsam ein paar Bilder. Raels Großcousine und Großcousin wurden dafür vorher noch umgezogen. Anschließend war es schon Zeit, die Rückreise anzutreten, weil wir vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Mukumu sein wollten.


Neben ein paar Ausflügen in die Stadt und meiner Tagesroutine war die restliche Woche nicht weiter aufregend.
Am Wochenende lernte ich dann jedoch noch ein bisschen über mich selbst und die Kultur hier in Kenia. David und ich kamen in einem Gespräch auf die Berechtigung der LGBTQ+-Community zu sprechen und ich erwähnte, dass ich die Berechtigung als Selbstverständlichkeit empfinde und dies in Deutschland auch ein Grundrecht ist. David argumentierte aus meiner Perspektive sehr konservativ und bezog sich häufig auf die Bibel. Es fiel mir schwer, auf dieser Ebene zu diskutieren, weil in unseren Kreisen eine grundsätzliche Akzeptanz üblich ist und die Diskussionen selten so grundsätzlich ausfallen. Da auch Devant mit im Raum war und Davids Argumente unterstütze, merkte ich schnell, dass die Voraussetzungen für solch ein Gespräch recht ungünstig waren. Meine Hoffnung auf ein gewisses Verständnis meiner Positionen wurde schnell enttäuscht. Nach diesem Abend hatte ich sehr mit mir zu hadern und fühlte ein großes Bedürfnis mit Familie und FreundInnen zu konsultieren. Ich war von mir selbst enttäuscht, nicht genug überzeugende Argumente gehabt zu haben, nicht genug eingestanden zu sein für meine FreundInnen. Ich belas mich die halbe Nacht zur Situation in Kenia und zu Argumenten, die ich noch hätte bringen können. Wie so oft brachte mich ein Gespräch mit Mama wieder in einen ruhigeren Zustand. Vielleicht war meine Persönlichkeit, alles immer von heute auf morgen erreichen zu wollen, hier auf eine etwas zu mächtige Mauer getroffen. Vielleicht würde mein Gespräch ja trotzdem etwas im Kleinen bewegen. Vielleicht sollte ich durch diese Diskussion realisieren, dass ich mich in einem vollkommen anderen Kulturkreis befinde und ich die grundlegendsten Dinge nicht einfach voraussetzen kann. 
In einem späteren Gespräch mit Rael erfuhr ich, dass die Ansichten in den großen Städten (Rael hat 5 Jahre in Nairobi studiert.) schon deutlich anders sind und sich von dort aus auch schon einige Gruppen gegründet haben, die für die Rechte der LGBTQ+-Lobby kämpfen und auch immer größer werden. Trotzdem ist ein Bekenntnis zur LGBTQ+-Community nach wie vor (besonders auf dem Land) verrufen und Menschen können nicht offen ihre Sexualität leben. In Berichten ist nach wie vor von Diskriminierung, Ausgrenzung, Ausschluss aus der Familie und offiziell auch Gefängnisstrafen die Rede. Nach wie vor packt mich dieser Gedanke emotional. Aber wie ich schon in meinen vorherigen Reisen gelernt hatte, kann nicht immer alles blumig und sonnig sein. Es ist ein Auf und Ab. Die Reise nach Kenia war eine der beste Entscheidungen meines bisherigen Lebens. Da bin ich mir jetzt schon sicher. Aber um nachhaltige Erfahrungen zu machen, muss es eben auch manchmal berauf gehen.

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