So langsam rücken die Ferien immer näher, wogegen die Regenzeit kein Ende zu kennen scheint. Nach wie vor schüttet es am Nachmittag regelmäßig wie aus Eimern. Doch dieses Wetter lädt die Deutschschülerinnen und mich gerade zu dazu ein, den Deutschraum fast durchgängig zu belagern. Nach der mündlichen Prüfung geht es nun Richtung Grammatik, Lese- und Hörverstehen sowie dem Prüfen der Schreibfähigkeit. Insbesondere der Grammatikteil besorgt die Mehrheit der Schülerinnen, was bei dem Schwierigkeitsgrad der deutschen Grammatik auch kaum verwunderlich ist. Nicht selten komme ich an Punkte, an denen ich eine Weile brauchte, um eine bessere Erklärung als "Naja, das klingt einfach richtig" zu entwickeln.
Mittlerweile ist Frau Kwena übrigens wieder zurück und das war auch höchste Zeit. Seit dem vergangenen Wochenende waren einige Schülerinnen verdächtig ruhig und ich hatte mich schon gewundert. Eigentlich hatte sie für die Mädchen am Dienstagabend vor der letzten Deutschprüfung eine Überraschung geplant, aber bevor diese genossen werden konnte, gab es erst einmal ein Krisengespräch. Ich hörte aufmerksam und beeindruckt zu, als Frau Kwena die Sache direkt ansprach und den Mädchen erklärte, dass ihre Deutschklasse schon immer eine Familie gewesen ist und dass in einer Familie immer versucht wird, Konflikte zu klären. Außerdem wies sie darauf hin, dass es keine Vorteile bringe, Wut oder andere negative Emotionen in einer Prüfungsphase mit sich herumzutragen. Schließlich würden diese Emotionen immer aufkommen, sobald man die andere Person sieht. Was genau das Problem war, wurde nicht angesprochen, aber letztendlich hörten wir, wie sich einige Mädchen bei der Klasse entschuldigten. Anschließend wurde ich noch Zeugin einer von Frau Kwenas ganz besonderen Strategien: Zwangsumarmungen. Sie bat alle Schülerinnen einmal die Runde im Klassenraum zu machen und die anderen Schülerinnen zu umarmen. Was zuerst als lächerlich und peinlich abgetan wurde, wurde doch dann schnell zu einer ziemlich herzlichen Situation, die die Gesamtstimmung deutlich nach oben korrigierte. Die gelöste Stimmung wurde dann genutzt, um die Überraschung zu genießen: Einen Kuchen in der Farben der deutschen Flagge mit der Aufschrift "Viel Glück meiner Deutschschülerinnen!". Ich hatte dann die ehrenvolle Aufgabe den Kuchen anzuschneiden und in 24 Stücke zu teilen. Das Verzehren konnten wir dann noch mit einer angenehmen Art der Prüfungsvorbereitung verbinden. Die Texte fürs Leseverstehen in der Deutschprüfung sind in der Regel Märchen der Gebrüder Grimm. Also suchte ich acht Märchen aus, von denen ich glaubte, dass sie in einer Prüfung auftauchen könnten und las eine englische Zusammenfassung vor. Lange hatte ich mich nicht mehr mit Sternentaler, Rotkäppchen, Tischlein deck dich und Co. auseinandergesetzt. Anschließend blieb ich noch bis zum späten Abend und beantwortete Fragen.