Überraschung!

Von einer Woche, in der die letzte Deutschprüfung stattfand, wir den Deutschraum abschlossen und überrascht wurden und ich meine Kochkünste testete.

30. Oktober bis 05. November 2023 (Woche 5)

So langsam rücken die Ferien immer näher, wogegen die Regenzeit kein Ende zu kennen scheint. Nach wie vor schüttet es am Nachmittag regelmäßig wie aus Eimern. Doch dieses Wetter lädt die Deutschschülerinnen und mich gerade zu dazu ein, den Deutschraum fast durchgängig zu belagern. Nach der mündlichen Prüfung geht es nun Richtung Grammatik, Lese- und Hörverstehen sowie dem Prüfen der Schreibfähigkeit. Insbesondere der Grammatikteil besorgt die Mehrheit der Schülerinnen, was bei dem Schwierigkeitsgrad der deutschen Grammatik auch kaum verwunderlich ist. Nicht selten komme ich an Punkte, an denen ich eine Weile brauchte, um eine bessere Erklärung als "Naja, das klingt einfach richtig" zu entwickeln.
Mittlerweile ist Frau Kwena übrigens wieder zurück und das war auch höchste Zeit. Seit dem vergangenen Wochenende waren einige Schülerinnen verdächtig ruhig und ich hatte mich schon gewundert. Eigentlich hatte sie für die Mädchen am Dienstagabend vor der letzten Deutschprüfung eine Überraschung geplant, aber bevor diese genossen werden konnte, gab es erst einmal ein Krisengespräch. Ich hörte aufmerksam und beeindruckt zu, als Frau Kwena die Sache direkt ansprach und den Mädchen erklärte, dass ihre Deutschklasse schon immer eine Familie gewesen ist und dass in einer Familie immer versucht wird, Konflikte zu klären. Außerdem wies sie darauf hin, dass es keine Vorteile bringe, Wut oder andere negative Emotionen in einer Prüfungsphase mit sich herumzutragen. Schließlich würden diese Emotionen immer aufkommen, sobald man die andere Person sieht. Was genau das Problem war, wurde nicht angesprochen, aber letztendlich hörten wir, wie sich einige Mädchen bei der Klasse entschuldigten. Anschließend wurde ich noch Zeugin einer von Frau Kwenas ganz besonderen Strategien: Zwangsumarmungen. Sie bat alle Schülerinnen einmal die Runde im Klassenraum zu machen und die anderen Schülerinnen zu umarmen. Was zuerst als lächerlich und peinlich abgetan wurde, wurde doch dann schnell zu einer ziemlich herzlichen Situation, die die Gesamtstimmung deutlich nach oben korrigierte. Die gelöste Stimmung wurde dann genutzt, um die Überraschung zu genießen: Einen Kuchen in der Farben der deutschen Flagge mit der Aufschrift "Viel Glück meiner Deutschschülerinnen!". Ich hatte dann die ehrenvolle Aufgabe den Kuchen anzuschneiden und in 24 Stücke zu teilen. Das Verzehren konnten wir dann noch mit einer angenehmen Art der Prüfungsvorbereitung verbinden. Die Texte fürs Leseverstehen in der Deutschprüfung sind in der Regel Märchen der Gebrüder Grimm. Also suchte ich acht Märchen aus, von denen ich glaubte, dass sie in einer Prüfung auftauchen könnten und las eine englische Zusammenfassung vor. Lange hatte ich mich nicht mehr mit Sternentaler, Rotkäppchen, Tischlein deck dich und Co. auseinandergesetzt. Anschließend blieb ich noch bis zum späten Abend und beantwortete Fragen.


Frühmorgens kam ich in die Schule, um wieder beim Präprüfungs-Frühstück teilzunehmen. Die Mädchen schienen entspannter als vor der mündlichen Prüfungen, wahrscheinlich weil sie schriftliche Prüfungen gewöhnt sind. Der heutige Tag forderte sie aber besonders, weil zwei Prüfungen anstanden. Am Morgen wurden Hören und  Schreiben geprüft, in der Prüfung am Nachmittag um zwei standen dann Lesen und Grammatik im Vordergrund. Frau Kwena und ich bereiteten gemeinsam den Prüfungsraum vor, stellten die Stühle an ihren Platz und den CD-Player auf den Tisch im vorderen Teil des Raums. Vieles war wie während meiner Abiturprüfungen und ich erwischte mich dabei, wie meine Gedanken zum Ende meiner eigenen Schulzeit abschweiften. Nachdem dann die PrüferInnen angekommen und die Schülerinnen nach Spickzetteln durchsucht waren, lauschten Frau Kwena und ich von draußen noch den ersten Sätzen der Hörverstehensübung und wurden dann weggeschickt. Dann begab ich mich nach Hause... Und dann realisierte ich: Es sind FEEERIEN!! Nun war endlich Zeit, zu entspannen und zu kochen. Ich weichte von den Standardmahlzeiten ab und traute mich an einen Armen Ritter heran.

Mobirise

Naja... bis zum Chefkoch dauert es wohl noch ein bisschen.
Nach dieser Stärkung fuhren Ophilo und ich in die Stadt. Er stellte mir noch ein paar seiner Uni-FreundInnen vor und er zeigte mir, wo er sich vorstellen könnte, später ein Haus zu haben. Dann ging's zum Supermarkt und da es so heiß war, packte ich uns zwei Eis am Stiel mit ein. Für Ophilo war das das erste Eis am Stiel. Er meinte, dass er das von nun an jeden Tag essen möchte. Ich erzählte ihm von meinen Kindheitserinnerungen, die ich mit Eis am Stiel verband: Nach der Grundschule stand immer ein Heimweg an, der für eine halbe Stunde bergauf führte. Im Sommer war das besonders anstrengend, weshalb Mama und ich uns dann immer ein Eis am Stiel gönnten, was den Heimweg deutlich leichter machte. Ja, vielleicht bleibe auch ich nicht von ein bisschen Heimweh verschont.



Am Nachmittag kam Rael vorbei und zu dritt besuchten wir dann noch den Markt in Kakamega.  Allein auf dem Markt einzukaufen ist schwierig, da meine Hautfarbe dafür sorgt, dass die Preise sich plötzlich versechsfachen. Der Plan war, nach einem Kleid zu suchen, da ich mich im nächsten Schuljahr besser an die Kleidungsvorschriften der Schule anpassen wollte. Anschließend arbeiteten wir weiter an unseren gemeinsamen Urlaubsplänen. Eine Sache wurde mir nämlich wiederholt zu verstehen gegeben: Man war nicht wirklich in Kenia, wenn man nicht Mombasa besucht hat. Die älteste Stadt Kenias liegt direkt am Indischen Ozean an der kenianischen Ostküste. Deshalb planten wir Ende November diesem legendären Ort einen Besuch abzustatten. Ferienzeit ist Reisezeit, weshalb wir Bus und Bahn früh buchen wollten.
Als ich am späten Nachmittag eine Dusche genießen wollte, hielt mir David folgendes vor die Nase.

Mobirise

Dieser offensichtlich defekte Schalter bedeutete, dass warme Duschen ab jetzt erst einmal passé waren. Da es aber sowieso immer sommerlich warm war, machte das für mich keinen großen Unterschied. Ich duschte normalerweise kalt. Aber für Menschen in Kenia sind die aktuellen Temperaturen hier winterlich, was für David und Ophilo bedeutete, schnellstmöglich einen Elektriker anzurufen. 
Am Abend konnte ich der Versuchung dann doch nicht widerstehen und ging noch einmal in die Schule. Schließlich wollte ich erfahren, wie die Prüfungen gelaufen waren. Das Fazit: Grammatik war super, schreiben und hören okay, aber das Lesen war eine Katastrophe. Ich verstand, als ich herausbekam, welche Geschichte in der Prüfung behandelt wurde: "Die Boten des Todes" von den Gebrüder Grimm. Von allen Märchen hatte ich dieses zuletzt erwartet. Ich riet den Mädchen, was ich mir selbst nach Prüfungen riet: "Jetzt ist es vorbei, du hast dein Bestes gegeben, jetzt kannst du es sowieso nicht mehr ändern."
Am Freitag derselben Woche erhielt ich noch eine Nachricht von Frau Kwena. Die Mädchen planten noch ein paar Bilder mit ihr und mir zu machen und ich sollte deshalb in die Schule kommen. Ich packte die Kamera ein und ging Richtung Schule. Als ich dort ankam, erklärten mir die Mädchen, dass sie eine Überraschung für Frau Kwena geplant haben und die Nachricht mit den Bildern nur ein Vorwand waren. Trotzdem sollte ich ein paar Bilder während der Überraschung machen. Ich freute mich, nun eine der Eingeweihten zu sein und nun warteten wir gemeinsam auf Frau Kwenas Ankunft. "Sie ist da!". Die Spannung stieg und... "Überraschung!" schallte es durch den Deutschraum. Frau Kwena wurde ein großes Paket überreicht und sie durfte raten, was sich darin befand.


Schuhe! Perfekte Größe, perfekte Farbe. Die Überraschung war geglückt. 
Und plötzlich schallte es ein zweites Mal "Überraschung!" durch den Raum. Roseanne kam mir mit freudigem Gesicht und einem Paket entgegen. Nun durfte als auch ich raten... Nach meinem Rateversuch "Fußballschuhe" durfte ich öffnen. Das war nah genug an der Wahrheit: 


Auch diese Überraschung war den Mädchen geglückt. Diese Schuhe werden zur Zeit von den "Youngstern" in Kenia getragen werden, erklärten mir die Mädchen. Jetzt fehlte nur noch ein Abschluss-Gruppenbild bevor der Deutschraum für dieses Schuljahr abgeschlossen werden würde. Von nun an standen den Mädchen noch drei weitere Wochen mit Prüfungen in anderen Fächern bevor. Ingesamt über 20 Prüfungen waren zu bewältigen. Nach Adam Riese macht das bei 5 Schultagen pro Woche an manchen Tagen sogar mehr als eine Prüfung. Ich versprach den Mädchen ab und zu noch vorbeizuschauen und zu schauen, wie es läuft. Es sollte also noch kein endgültiger Abschied sein.

Mobirise

Mein erstes Ferienwochenende bestand dann aus vielen (tierisch) schönen Kleinigkeiten. Ich entspannte viel im Wohnzimmer, während der Blick aus dem Fenster eine friedlich grasende Kuh zeigte. Natürlich wurde aber auch wieder fleißig Wäsche gewaschen. Außerdem bekam David eine große Lieferung vom Victoriasee, die Devant (Ophilos Bruder) von der Mfangano Insel nach Mukumu brachte. Es war Omena (eine Art Sardine), eine der häufigsten Fischarten im Victoriasee und zugleich Davids und Ophilos Lieblingsspeise. Im Garten waren zudem kleine Küken geschlüpft. Ich versuchte die Tatsache zur Seite zu schieben, dass auch diese niedlichen Wesen irgendwann auf einem Teller landen würden. Mit der Entspannung der Ferien setze leider auch schnell eine Erkältung ein, die mich am Sonntag ans Bett fesselte.

Offline Website Creator