Anschließend beteten die Mädchen noch individuell, bis die PrüferInnen dann endlich (etwa 30 Minuten später) ankamen. Übrigens sind bei jeder Prüfung auch zwei SoldatInnen dabei, die alles überwachen. Ich muss sagen, dass ich mich nicht wirklich an die zwei Gewehre im Raum gewöhnen konnte. Aber hier ist das eben so Tradition. Ich überreichte der Prüferin eine Liste mit den Namen der Prüflinge. Und dann wurde ich auch schon weggeschickt. Als eine Deutschlehrerin durfte ich während der Prüfung nicht anwesend sein. Ich begab mich also in den Deutschraum, um auf die frisch geprüften Mädchen zu warten. Eine Prüfung dauert in der Regel ca. 30 Minuten.
Gespannt erwartete ich Simi, die als erste auf der Liste stand. Als sie durch die Tür kam, fiel sie mir in die Arme. Geschafft! Die 3 Fragen, die zur Auswahl standen, betrafen
1. die Tradition von Altenheimen in Europa (die es in Kenia nicht gibt),
2. die verbindende Macht einer Muttersprache und
3. den öffentlichen Transport in Kenia.
Das klang machbar. Nun hieß es warten, bis alle Schülerinnen wieder zurück waren. Auch war bisher keine Zeit gewesen, Ellah, die heute Geburtstag hatte, ein kleines Ständchen zu singen. Das holten wir dann auch noch nach. Für die restlichen Prüfungen mussten wir dann alle gemeinsam im Deutschraum verbleiben. Eine der Prüferinnen saß vor dem Raum und überwachte, dass wir den Raum nicht verließen. Uns wurde sogar das Mittagessen in den Deutschraum gebracht. Der Grund: Personen, die über die Prüfungsinhalte Bescheid wissen, könnten versuchen zu den noch nicht geprüften Schülerinnen Kontakt aufnehmen. Gegen halb 4 war es dann endlich geschafft. Alle Schäfchen waren zurück! Und niemand sah traurig aus.
Jetzt durfte ich auch wieder zur Bibliothek. Die Prüferin, die übrigens auch eine gute Freundin von Frau Kwena ist, war immer noch da und auch für ein Gespräch bereit, denn sie hat einiges zu berichten. Frau Kwena hatte den Mädchen geraten, sich anschließend mit der Prüferin zu unterhalten und sie nach ihrem bisherigen Leben zu befragen.
Esther Mureke-Kuria ist eine kenianische Deutschlehrerin, die sich Freiwilligenarbeit auf die Fahnen geschrieben hat. Vor 12 Jahren hatte sie begonnen, Deutsch an einem Gefängnis nördlich von Nairobi zu unterrichten. In unserem Gespräch erzählte sie uns, dass ihre Mutter sie motivierte, die Gefängnisinsassen zu unterstützen. Weiterhin initiierte sie ein Projekt, in dem SchülerInnen an weiterführenden Schulen im Gefängnis unterrichten. Esther berichtete uns von wunderschönen Momenten, in denen Insassen ihr für ein neu gewonnenes Leben dankten. Sie motivierte die Mädchen und auch mich mit ihren Geschichten, wie sie einige ihrer Schüler bei einem Wettbewerb anmeldete und sie diesen gewannen. Durch ihr Engagement ermöglichte sie Reisen für ihre Schüler und sich in die USA, auf die Philippinen, Korea, etc. Die bisherige Krönung ihrer Arbeit war der internationale Duke of Edinburgh-Preis, der ihr im Dezember 2021 überreicht wurde. 100 Menschen auf der Welt, die Freiwilligenarbeit leisten, wurden mit diesem Preis geehrt. Ihre Präsenz war inspirierend. Sie motivierte die Mädchen, indem sie ihnen versicherte, dass es nicht viele Ressourcen braucht, um freiwillig Arbeit zu leisten. Insbesondere junge Menschen haben die Ressourcen Zeit und Energie und können diese Ressourcen investieren, um Gutes zu tun. Neben ihrer inspirierenden Art erzählte sie ihre Geschichten in einer unglaublich ansprechenden, begeisternden und extrem lustigen Weise. Sie brachte uns mehrmals zum Lachen und zum Staunen.