Konjunktiv, Zeitformen und Wortstellung 

Von zwei Wochen, in denen die Schule zu meinem zweiten zu Hause wurde und ich gaaanz viel über die deutsche Grammatik lernte.

16. bis 27. Oktober 2023 (Woche 3 und 4)

Das Titelbild entstand am Montag, dem 16.10. Es spiegelt ziemlich gut wider, wie die letzten zwei Wochen aussahen, die ich in diesem Bericht zusammen fassen möchte.

Woche 3
In meiner dritten Schulwoche wurden jeden Tag mindestens zwei Prüfungen geschrieben und wenn gerade mal keine Prüfung war, wurde entweder gegessen, geschlafen oder für die nächste Prüfung gelernt. Für uns Lehrkräfte hieß das: Prüfungsblätter zusammentackern, Prüfungen austeilen, Prüfungen beaufsichtigen, Prüfungen einsammeln und Prüfungen korrigieren. Und das in Dauerschleife. Die Schule wurde zu unserem zweiten zu Hause. Das ist aber auf keinen Fall so eintönig, wie es klingen mag. Ich habe nämlich mittlerweile (neben Ophilo) noch eine Kollegin ins Herz geschlossen. Ihr Name ist Rael und wir verstehen uns blendend. Zusammen fühlt sich das Korrigieren dann nur noch halb so langwierig an und es gibt immer was zu lachen. So entstand dieses Video neulich im Mathematik-Fachraum als ich versuchte, Rael den deutschen Ausdruck "Prost" beizubringen...


Außerdem wollte ich noch einen Aufsatz teilen, den eine Schülerin der 9. Klasse in Vorbereitung auf die Prüfung schrieb. Sie beschreibt ihren Tagesablauf in der Mukumu Mädchenschule auf Deutsch:

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In Woche 3 gab es außerdem einen "großen" Moment für mich: Frau Kwena muss für eine Woche nach Nairobi reisen und dort eine Art Bewertungstraining für die mündlichen Deutschprüfungen (Form 4) absolvieren und anschließend zu anderen Schulen fahren und dort als Prüferin agieren. Bis nächste Woche Freitag sollte ich also jetzt "Chefin" des Deutsch-Fachbereichs sein. Nach einem kurzen Übergabegespräch am Mittwochabend bekam ich dann offiziell die Schlüssel überreicht. Die Deutschstunden, die ich anschließend halten durfte, drehten sich hauptsächlich um die häufigsten Fehler in der Deutschprüfung (Form 1 und Form 2), die mittlerweile schon geschrieben war. Insgesamt fokussierte ich mich nun auf die Deutschschülerinnen und war weniger im Mathematik- und Physikfachraum zu finden.
Am Freitag durfte ich dann noch eine Prüfung mit der Deutsch-Abschlussklasse durchführen. Mit den Mädchen hatte ich mittlerweile eine beinahe freundschaftliche Beziehung aufgebaut. Trotzdem respektierten sie mich auch als ihre Lehrkraft. Für sie war das die letzte schulinterne Prüfung. Ab dann sollten nur noch KCSE-Prüfungen folgen. Das Leseverständnis wurde übrigens mit dem Märchen vom gestiefelten Kater geprüft. Nach der Prüfung erfuhr ich von den Mädchen, dass diese Geschichte ein absolutes Rätsel für sie war. Problematisch war vor allem, dass die Mädchen kein Wörterbuch verwenden dürfen und nicht wussten, was ein "Kater" ist. Und insgesamt wirkte die Geschichte auf sie sehr verwirrend: Irgendein Wesen trifft einen König und ist dann plötzlich in einem Schloss mit einem Magier, einem Elefanten und einer Maus...?! Die Prüfung beendete dann aber auch schon die Woche und ich nahm für das Wochenende ein bisschen Arbeit mit nach Hause. Zusammen mit Ophilo verbrachte ich den Freitagabend mit Korrigieren.
Das Wochenende teilte ich in einen (fast) schulfreien Tag (Samstag) und einen Schultag (Sonntag). Am Samstag stand der wöchentliche Waschtag an... Natürlich möchte ich euch meinen Handwäsche-Fortschritt nicht vorenthalten:


Am Samstagnachmittag schaute ich kurz in der Schule vorbei um anschließend mit Ophilo und ein paar anderen Kollegen zum Fußball schauen in eine Bar in der Nähe von Mukumu zu gehen. Es spielte Arsenal vs. Chelsea und die beiden Mannschaften gingen mit einem spannenden 2:2 auseinander. Nach einem zu Beginn recht langweiligem Spiel wurde die Stimmung in der zweite Hälfte durch einen Elfmeter und ein Comeback von Arsenal doch noch angeheizt.. Diese grenzenlose Begeisterung für Fußball und das leidenschaftliche Mitfiebern für ein Team kam mir bekannt vor...
Am Sonntag begab ich mich am Mittag dann wieder in die Schule. Schließlich war die mündliche Prüfung nun nicht mehr weit. Mittwoch sollte es schon so weit sein... Besonders eine Schülerin beschäftigte mich: Ellah. Sie zeigte im schriftlichen Bereich durchschnittliche Ergebnisse, traute sich aber absolut nicht zu sprechen. Das machte es für sie auch recht schwierig, mit den ihren Klassenkameradinnen zu lernen. Da das Deutschniveau im Klassenraum sonst ziemlich hoch war (und damit auch der Druck) vermutete ich, dass sie hauptsächlich Angst hatte, Fehler vor den anderen Mädchen zu machen. Für die letzten 7 Tage hatte ich ihr jeden Abend Nachhilfe gegeben und sie hatte sich mir ein wenig geöffnet. Ein kleines Highlight für mich war der Moment als sie beim Deutsch-Kesha letzte Woche vor der gesamten Klasse eine Präsentation hielt. Auch in der finalen Phase kurz vor der Prüfung wollte ich unsere Nachhilfestunden nicht unterbrechen und auch für den Rest der Mädchen stand ich für Fragen zur Verfügung.
Aber natürlich sind auch Pausen wichtig. Und wahrscheinlich könnte es nicht klischeehafter sein, aber wiederkehrende Gesprächsthemen sind Haare und Frisuren. Die Mädchen erklären mir immer wieder, wie sehr sie sich Muzungu-Haar  wünschen würden. Es ist so weich und einfach zu händeln. Sie erklärten mir, dass Afrohaar sehr steif ist, nicht sehr lang wird und die meisten Frauen mit Afrohaar deshalb auf Extensions setzen. Zudem sei es nicht so leicht zu pflegen. Ich erzählte ihnen, dass ich ihre geflochtenen Frisuren bewundere. Sie erinnern mich an die Haare einer meiner Lieblingsschauspielerinnen Dua Saleh aus der Netflix-Serie Sex Education. Also entschieden die Mädchen, mein Haar auch zu flechten (siehe Bild rechts). Leider ist mein Haar zu dick, um die sogenannten "Cornrows" ("Getreidereihen") zu flechten, die man im linken Bild bei (der sehr müden) Audrey sehen kann.

Audrey's "Cornrows" 


Woche 4
Diese Woche sollte es so weit sein: Die Deutschschülerinnen sollten ihre erste von drei Deutschprüfungen ablegen. Deshalb verbrachte ich von nun an meine gesamte Zeit im Deutschraum und lernte zum Beispiel, dass ein analytischer und ein synthetischer Konjunktiv existiert.
Eine kleine Unterbrechung gab es am Dienstag, weil ein Physiklehrer mich zu einem Fußballspiel eingeladen hatte. Das halbjährliche Spiel gegen die Lehrer-Mannschaft einer benachbarten Internatsschule (Mukumu Jungenschule) stand an. Als ich auf dem Fußballplatz ankam, saßen schon ein paar Kollegen auf der kleinen Tribüne. Noch vor einer halben Stunde hatte es stark geregnet und der Platz sah dementsprechend bewässert aus. Wir wärmten uns ein bisschen auf, denn nach kenianischer Zeit sollte das Spiel nicht wie angekündigt um 3, sondern um 4 starten. Als die gegnerische Mannschaft dann den Platz betrat, wurde mir bewusst, dass mich meine Kollegen etwas überschätzt hatten. Die Spieler waren alle männlich und im Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Dementsprechend fühlte sich auch die Spieldynamik an. Ich gab mein Bestes, ließ mich aber dann nach der ersten Halbzeit auswechseln. Selbst das Fußball-Bootcamp mit drei großen Brüdern während meiner Kindheit konnte mich nicht auf dieses Spiel vorbereiten. Aber ich schaute anschließend gerne zu, wie unsere Mannschaft letztendlich den Sieg errung.

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Am Abend kehrte ich dann in die Schule zurück, um den Deutschschülerinnen ein letztes Mal zu versichern, dass sie bestens vorbereitet sind und Angst vor morgen völlig unbegründet ist. Ich erzählte ihnen von meinen mündlichen Abiturprüfungen und beschrieb, was mir mit meiner Nervosität am besten geholfen hatte. Und dann hieß es: "Gute Nacht und bis morgen!"

Die erste Deutschprüfung
Am nächsten Morgen (Mittwoch) kam ich 6.30 Uhr in die Schule (Ja, ich musste mich dafür aus dem Bett quälen). Aber ich hatte die Mädchen mittlerweile sehr in mein Herz geschlossen. Wir frühstückten gemeinsam und machten Pläne für den Nachmittag. Dann war es so weit. Gegen 8 gingen wir gemeinsam zur Bibliothek, wo die Prüfung stattfinden würde.
Als 15 Minuten später immer noch niemand ankam, was ich verwundert. Schließlich galt die kenianische Verspätung eigentlich nicht für Prüfungstermine. Ich sprach mit dem stellvertretenden Schulleiter, der mir berichtete, dass sich die PrüferInnen verspäten würden. Ich berichtete das meinen Mädchen und sie wollten gerne noch eine Art Prüfungsritual durchführen. Es handelte sich um eine Art Sprechgesang in Suaheli. Der Inhalt bedeutet wörtlich so viel wie "Sobald die Prüfung startet, werden wir sie abmetzeln und töten." Die überraschende Brutalität dieser Worte sollte man aber nicht wörtlich auffassen. Die Mädchen meinten, dass die übertragene Bedeutung eher so etwas wie "Wir werden die Prüfung überstehen und die meistern!" ist.


Anschließend beteten die Mädchen noch individuell, bis die PrüferInnen dann endlich (etwa 30 Minuten später) ankamen. Übrigens sind bei jeder Prüfung auch zwei SoldatInnen dabei, die alles überwachen. Ich muss sagen, dass ich mich nicht wirklich an die zwei Gewehre im Raum gewöhnen konnte. Aber hier ist das eben so Tradition. Ich überreichte der Prüferin eine Liste mit den Namen der Prüflinge. Und dann wurde ich auch schon weggeschickt. Als eine Deutschlehrerin durfte ich während der Prüfung nicht anwesend sein. Ich begab mich also in den Deutschraum, um auf die frisch geprüften Mädchen zu warten. Eine Prüfung dauert in der Regel ca. 30 Minuten.
Gespannt erwartete ich Simi, die als erste auf der Liste stand. Als sie durch die Tür kam, fiel sie mir in die Arme. Geschafft! Die 3 Fragen, die zur Auswahl standen, betrafen

1. die Tradition von Altenheimen in Europa (die es in Kenia nicht gibt),
2. die verbindende Macht einer Muttersprache und
3. den öffentlichen Transport in Kenia.

Das klang machbar. Nun hieß es warten, bis alle Schülerinnen wieder zurück waren. Auch war bisher keine Zeit gewesen, Ellah, die heute Geburtstag hatte, ein kleines Ständchen zu singen. Das holten wir dann auch noch nach. Für die restlichen Prüfungen mussten wir dann alle gemeinsam im Deutschraum verbleiben. Eine der Prüferinnen saß vor dem Raum und überwachte, dass wir den Raum nicht verließen. Uns wurde sogar das Mittagessen in den Deutschraum gebracht. Der Grund: Personen, die über die Prüfungsinhalte Bescheid wissen, könnten versuchen zu den noch nicht geprüften Schülerinnen Kontakt aufnehmen. Gegen halb 4 war es dann endlich geschafft. Alle Schäfchen waren zurück! Und niemand sah traurig aus.
Jetzt durfte ich auch wieder zur Bibliothek. Die Prüferin, die übrigens auch eine gute Freundin von Frau Kwena ist, war immer noch da und auch für ein Gespräch bereit, denn sie hat einiges zu berichten. Frau Kwena hatte den Mädchen geraten, sich anschließend mit der Prüferin zu unterhalten und sie nach ihrem bisherigen Leben zu befragen.
Esther Mureke-Kuria ist eine kenianische Deutschlehrerin, die sich Freiwilligenarbeit auf die Fahnen geschrieben hat. Vor 12 Jahren hatte sie begonnen, Deutsch an einem Gefängnis nördlich von Nairobi zu unterrichten. In unserem Gespräch erzählte sie uns, dass ihre Mutter sie motivierte, die Gefängnisinsassen zu unterstützen. Weiterhin initiierte sie ein Projekt, in dem SchülerInnen an weiterführenden Schulen im Gefängnis unterrichten. Esther berichtete uns von wunderschönen Momenten, in denen Insassen ihr für ein neu gewonnenes Leben dankten. Sie motivierte die Mädchen und auch mich mit ihren Geschichten, wie sie einige ihrer Schüler bei einem Wettbewerb anmeldete und sie diesen gewannen. Durch ihr Engagement ermöglichte sie Reisen für ihre Schüler und sich in die USA, auf die Philippinen, Korea, etc. Die bisherige Krönung ihrer Arbeit war der internationale Duke of Edinburgh-Preis, der ihr im Dezember 2021 überreicht wurde. 100 Menschen auf der Welt, die Freiwilligenarbeit leisten, wurden mit diesem Preis geehrt. Ihre Präsenz war inspirierend. Sie motivierte die Mädchen, indem sie ihnen versicherte, dass es nicht viele Ressourcen braucht, um freiwillig Arbeit zu leisten. Insbesondere junge Menschen haben die Ressourcen Zeit und Energie und können diese Ressourcen investieren, um Gutes zu tun. Neben ihrer inspirierenden Art erzählte sie ihre Geschichten in einer unglaublich ansprechenden, begeisternden und extrem lustigen Weise. Sie brachte uns mehrmals zum Lachen und zum Staunen.


Nach diesem aufregenden Tag sollte Donnerstag ein entspannterer Tag werden. Am Morgen begann die Jahreabschluss-Lehrerkräftekonferenz, die bis zum Nachmittag andauerte. Währenddessen wurde die Schule von den Schülerinnen aufgeräumt und gesäubert. Anschließend wurden dann in der Halle die Ergebnisse der Prüfungen verkündet. Dabei wurden alle Fächer in der Ranglistenordnung genannt und die besten Schülerinnen von Klasse 9 bis 11 geehrt. Danach gab es noch einige organisatorische Dinge mitzuteilen. Die Stimmung war fantastisch. Schließlich sollte es für die Schülerinnen schon morgen nach Hause gehen. Es wurde sogar schon das ein oder andere Weihnachtslied angestimmt, weil es sich bei den kommenden Ferien u.a. auch um die Weihnachtsferien handelte.
Am Nachmittag kehrte ich wieder in den Deutschraum zurück. Dort durfte ich dann erfahren, dass die Vorbereitungen für das Wochenende fast abgeschlossen waren. Der "Prayer Day" (Gebetstag) stand auf dem Programm, an welchem die gesamte Schule (Lehrkräfte, Schülerinnen der Form 4 und deren Eltern) bei einem Gottesdienst für die Prüflinge betet und ihnen das Beste für die Prüfungsphase wünscht. Die T-Shirts für diesen Tag wurden von einer der Klassenleiterinnen organisiert und sollten diesen Abend anprobiert werden. 


Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, war es ungewöhnlich ruhig. Das lag daran, dass ein Dreiviertel der Schule nun zu Hause die Ferien genoss. Jetzt waren nur noch die Abschlussklassen übrig. Mit ihren Köpfen waren die Mädchen schon beim Prayer Day. Die Vorfreude war ansteckend und so ging ich entsprechend vorfreudig ins Bett... 

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