In meinen Pausen kam immer wieder mit Jacky (Klasse 11) ins Gespräch. Wir sprachen über die verschiedensten Dinge und ich fragte oft zur Schulkultur. Unter anderem hatte ich die Fehlerkultur in der Schule beobachtet und auch mit Rael darüber gesprochen. Die Strenge der Lehrkräfte gegenüber der Schülerinnen wirkt sich auch darauf aus, wie die Schülerinnen auf Fehler der Lehrkräfte reagieren. Macht eine Lehrkraft Fehler, wird sie schnell nicht mehr von den Schülerinnen respektiert. Das ist weniger in den Sprachen der Fall, sondern eher in den (strengeren) Fächern, wie Mathematik und Physik. Jacky erklärte mir, dass es für sie eine Art "ausgleichende Gerechtigkeit" ist. Wenn Lehrkräfte sich ständig so perfekt darstellen und Perfektion von Schülerinnen erwarten, dann erwarten Schülerinnen auch Perfektion von den Lehrkräften. Und tatsächlich hatte ich das in meinen Hospitationsstunden vor den Ferien auch schon beobachtet. Fehler werden von Lehrkräften nicht eingestanden, sondern vertuscht. Wird eine Frage gestellt, die die Lehrkraft nicht beantworten kann, wird vorgegeben, dass genau das als Hausaufgabe geplant war. Diese Systematik ist aber natürlich von der Schülerschaft durchschaut. Also eigentlich sind diese Machtspielchen ein einziges Schauspiel.
So richtig lernte ich meine Physikklasse erst diese Woche kennen. Ich hatte die erste größere Hausaufgabe übers Wochenende gestellt und den Abgabetermin auf Montag gelegt. Als ich am Montagnachmittag auf meinen Schreibtisch schaute, lagen da jedoch nur 5 Bücher. In meiner Klasse sitzen 27 Schülerinnen. Also fragte ich meine Schülerinnen am Dienstag, was los ist und wo das Problem liegt... Stille. Ich versuchte, herauszubekommen, ob ich irgendetwas nicht beachtet hatte oder ähnliches... Stille. Niemand sagte etwas. Da wir in dieser Stunde Fragen einer vergangenen Prüfung besprechen wollten und viele die Prüfungsfragen in ihrem Klassenzimmer vergessen hatten, bat ich sie diese zu holen. Eine Schülerin blieb sitzen. Ich versuchte nun mein Glück bei ihr und fragte noch einmal. Und mit der Antwort hatte ich nicht gerechnet: "Wir haben Angst, dass Sie uns züchtigen." Wahnsinn. Zuerst dachte ich, sie würde scherzen. Dann hielt ich eine kleine Rede vor der Klasse und erklärte, wie ich meinen Unterricht hier gestalten will. Anschließend kam heraus, dass es Kommunikationsprobleme gab und nicht alle über die Abgabe Bescheid wussten oder nicht wussten, wo sie die Hausaufgabe abgeben sollten - teils mein Fehler. Ich realisierte, wie froh ich war, dass ich als Schulkind in einer anderen Atmosphäre lernen durfte.
Diese Woche musste Milli eine Prüfung mit den Form 1 Schülerinnen durchführen, um auszusortieren. Seit Olaf Scholz in Kenia angekündigt hat, die Chancen für kenianische Arbeitskräfte in Deutschland zu verbessern, wollen viele Eltern, dass ihre Töchter Deutsch lernen. Normalerweise hat Milli maximal 60 Schülerinnen in ihrer Klasse. Dieses Jahr sind es 180. So musste sie aussortieren. Ich korrigierte die Prüfung mit ihr zusammen und wir hatten unseren Spaß als wir durch die Antworten gingen: