Auf einmal mittendrin

Von einem vollen Terminkalender, einer interessanten Erkenntnis zur Schulkultur, Samosa-Day und einem akademischen Tag

05. bis 11. Februar 2024 (Woche 19)

Irgendwie hatte ich nicht so richtig realisiert, wie schnell ich seit Beginn des Schuljahres tatsächlich in den Status "Lehrerin" übergegangen bin. Ich glaube, ich sehe mich immer noch mehr als die Studentin, aber für die Schülerinnen bin ich ein vollwertiges Mitglied der LehrerInnenschaft. So sehr ich mich über diese Rolle freute und ich mehr und mehr darin aufgehe, merke ich auch, wie so ein voller Arbeitstag sich tatsächlich anfühlt. Bisher hatte ich nur Praktika, die nie Vollzeit waren und während meines Praktikums in England hatte ich zwar auch volle Tage, aber irgendwie hat das Kollegium mich auch immer eine Studentin gesehen und mir nie die "volle Verantwortung" übertragen. Dafür war ich in England auch dankbar. Hier ist das irgendwie anders. Mir wird alles direkt zugemutet. Auf eine 40-Stunden-Woche komme ich gerade locker. Mein Tag ist voll und das fühlt sich gut an, denn bei allem, was ich tue, lerne ich enorm viel dazu. Dass ich mit dem Start des neuen Schuljahres eine eigene Klassen bekomme, stand nie zur Debatte, sondern wurde einfach angenommen. Den Schulstoff betreffend bekam ich den Lehrplan und einen sogenannten "Scheme of Work" (Stoffverteilungsplan) digital zugeschickt. Rael erklärte mir aber, dass dieser Plan eigentlich nur für die Ablage ist. Jede Lehrkraft versucht den Lehrplan für das Schuljahr entweder im ersten oder spätestens im dritten Trimester abzuschließen. Als ich das erfuhr, musste ich noch etwas umplanen und mir meinen eigenen Plan erstellen. Ich überlegte mir, dass wöchentliche Abgaben eine gute Idee wären, um in Physik den Überblick über den Lernfortschritt der Schülerinnen zu behalten. Ansonsten hieß es von nun an ganz klassisch: Learning by doing (Lernen durch Handeln). Obwohl ich das Lehramtsstudium Physik oft kritisiere, weil man viel zu viel lernt, was man nie wieder in der Schule braucht, gibt es doch einen Vorteil: Die 4 Jahre Studium zeigen zumindest den Effekt, dass man sich sehr schnell in Dinge einlesen kann und ich mich auf Stunden in meiner 9. Klasse kaum inhaltlich vorbereiten muss. Es geht eher darum, zu überlegen, wie man die Dinge am besten erklärt und wie man die Schülerinnen aktiviert (insbesondere weil meine Physikstunden in der Regel am Nachmittag nach dem Mittagessen stattfinden). Ich entscheide mich oft für Gruppenarbeit, was in dieser Schule gar nicht so üblich ist.

In der Schule gibt es immer etwas zu tun. Neben dem Vorbereiten und Halten meiner Stunden vertrete ich ab und an andere Lehrkräfte. Zum Beispiel habe ich nun auch Mathematikstunden in der 11. Klasse übernommen. Außerdem gibt es die sogenannten "Remidials" (Förderunterricht) am frühen Morgen (06.50-07.50 Uhr) und am Abend (18.30-19.30 Uhr), die ich für meine Klassen übernehme. Zudem kommen die Schülerinnen zur entsprechenden Lehrkraft, um eine Nachhilfe einzufordern, wenn sie Stunden verpasst haben. Schließlich kommen natürlich aber auch Freizeitgespräche mit den Deutschschülerinnen hinzu oder kleinere Aufträge, wie z.B. Prüfungsfragen zu digitalisieren, da Laptops nicht für alle KollegInnen zum Alltag gehören. Und die übrige Zeit füllt sich dann mit Korrekturen von Hausaufgaben oder Kurztests, die z.B. in Mathematik jeden Tag durchgeführt werden. Diese Woche hat Milli außerdem ein Deutschprojekt vorgestellt, welches vom Goethe-Institut durchgeführt wird. Dabei können Schülerinnen durch Einreichen eines kurzen Videos und eines Aufsatzes (natürlich auf Deutsch) eine Reise nach Deutschland gewinnen. Ich darf die Schülerinnen bei diesem Projekt begleiten. Auf jeden Fall fühlt es sich aber insgesamt unglaublich gut an, ein Teil eines Kollegiums zu sein und dem Schulalltag nachzugehen. Das Bild zeigt einen meiner Kollegen Tristan (Mathelehrer) und mich (in Schuluniform) auf dem Weg zum Sportfeld.

Mobirise

In meinen Pausen kam immer wieder mit Jacky (Klasse 11) ins Gespräch. Wir sprachen über die verschiedensten Dinge und ich fragte oft zur Schulkultur. Unter anderem hatte ich die Fehlerkultur in der Schule beobachtet und auch mit Rael darüber gesprochen. Die Strenge der Lehrkräfte gegenüber der Schülerinnen wirkt sich auch darauf aus, wie die Schülerinnen auf Fehler der Lehrkräfte reagieren. Macht eine Lehrkraft Fehler, wird sie schnell nicht mehr von den Schülerinnen respektiert. Das ist weniger in den Sprachen der Fall, sondern eher in den (strengeren) Fächern, wie Mathematik und Physik. Jacky erklärte mir, dass es für sie eine Art "ausgleichende Gerechtigkeit" ist. Wenn Lehrkräfte sich ständig so perfekt darstellen und Perfektion von Schülerinnen erwarten, dann erwarten Schülerinnen auch Perfektion von den Lehrkräften. Und tatsächlich hatte ich das in meinen Hospitationsstunden vor den Ferien auch schon beobachtet. Fehler werden von Lehrkräften nicht eingestanden, sondern vertuscht. Wird eine Frage gestellt, die die Lehrkraft nicht beantworten kann, wird vorgegeben, dass genau das als Hausaufgabe geplant war. Diese Systematik ist aber natürlich von der Schülerschaft durchschaut. Also eigentlich sind diese Machtspielchen ein einziges Schauspiel.
So richtig lernte ich meine Physikklasse erst diese Woche kennen. Ich hatte die erste größere Hausaufgabe übers Wochenende gestellt und den Abgabetermin auf Montag gelegt. Als ich am Montagnachmittag auf meinen Schreibtisch schaute, lagen da jedoch nur 5 Bücher. In meiner Klasse sitzen 27 Schülerinnen. Also fragte ich meine Schülerinnen am Dienstag, was los ist und wo das Problem liegt... Stille. Ich versuchte, herauszubekommen, ob ich irgendetwas nicht beachtet hatte oder ähnliches... Stille. Niemand sagte etwas. Da wir in dieser Stunde Fragen einer vergangenen Prüfung besprechen wollten und viele die Prüfungsfragen in ihrem Klassenzimmer vergessen hatten, bat ich sie diese zu holen. Eine Schülerin blieb sitzen. Ich versuchte nun mein Glück bei ihr und fragte noch einmal. Und mit der Antwort hatte ich nicht gerechnet: "Wir haben Angst, dass Sie uns züchtigen." Wahnsinn. Zuerst dachte ich, sie würde scherzen. Dann hielt ich eine kleine Rede vor der Klasse und erklärte, wie ich meinen Unterricht hier gestalten will. Anschließend kam heraus, dass es Kommunikationsprobleme gab und nicht alle über die Abgabe Bescheid wussten oder nicht wussten, wo sie die Hausaufgabe abgeben sollten - teils mein Fehler. Ich realisierte, wie froh ich war, dass ich als Schulkind in einer anderen Atmosphäre lernen durfte.

Diese Woche musste Milli eine Prüfung mit den Form 1 Schülerinnen durchführen, um auszusortieren. Seit Olaf Scholz in Kenia angekündigt hat, die Chancen für kenianische Arbeitskräfte in Deutschland zu verbessern, wollen viele Eltern, dass ihre Töchter Deutsch lernen. Normalerweise hat Milli maximal 60 Schülerinnen in ihrer Klasse. Dieses Jahr sind es 180. So musste sie aussortieren. Ich korrigierte die Prüfung mit ihr zusammen und wir hatten unseren Spaß als wir durch die Antworten gingen:


Ansonsten gab es diese Woche mehrere Gründe zur Freude:
Nr. 1: Die Elektrizität im Haus ist zurück. Letztendlich lag der Stromausfall nicht am Stromnetz, sondern an einer nicht eingegangenen Bezahlung. Unser Haus, das Nachbarhaus und noch ein weiteres Haus zahlen gemeinsam eine Rechnung. Eines der Häuser konnte sich die Erhöhung der Stromkosten nicht leisten, also hieß es abwarten. Bis Mittwoch diese Woche: Als ich an diesem Tag am Nachmittag vom Sportplatz zurückkam und im Haus duschen wollte, hörte ich schon von Weitem laute Musik spielen. Wenn die Lautsprecher funktionieren, gibt's wieder Strom. Jey!
Nr. 2: Rael und ich haben einen Samosa-Tag eingeführt und fahren nun jede Woche Mittwoch und Freitag in unserer Mittagspause nach Khayega (5 Minuten zu Fuß, 2 Minuten mit dem Tuc Tuc) zum gleichen Straßenverkauf und besorgen uns Samosas. Mittlerweile kannten uns die Verkäufer dort auch schon und es war immer wieder herrlich, sich mit ihnen zu unterhalten. Gerade die Straßenverkäufer neigen dazu, eine humorvolle Art zu haben, bringen uns so immer wieder zum Lachen und versüßen uns unsere Mittagspause. Wir fahren übrigens an den Tagen, an denen es in der Schule Fleisch und Ugali zum Mittag gibt. Ansonsten essen wir im Lehrkräftezimmer mit.



Nr. 3: Am Donnerstag hatte ich das Glück, Tickets für ein Konzert der Sängerin Adele im August (in München) zu ergattern. Ich hatte eigentlich wenig Hoffnung, dass dieser Traum tatsächlich wahr wird.. Schließlich wollten Millionen Menschen diese Tickets kaufen und ich hatte es schon am Mittwoch versucht, aber ich landete in einer Warteschlange... Sage und schreibe Platz 137319. Als ich es am nächsten Tag noch einmal versuchte, war das Glück auf meiner Seite.

Mobirise


Nr. 4: Am Donnerstag gab ich das erste Mal ein Fußballtraining für die Mädchen. Natürlich bin ich selbst nur eine Amateurin im Fußball, aber die Schülerinnen der Form 1 hatten sich gerade erst für eine Sportart entschieden und brauchten "nur" eine Einleitung in die Basisfähigkeiten.


Wochenende

Am Samstag fand diese Woche ein akademischer Tag für die Form 3 Schülerinnen statt. Da Milli zu einer Beerdigung musste, sollte ich sie vertreten. Ich kam also am Samstagmorgen in die Schule und wartete im Deutschraum auf die Eltern der Form 3 Schülerinnen. Zuvor hatte mich Milli über die Klasse und die einzelnen Schülerinnen unterhalten. Zudem hatte ich die Mädchen natürlich auch schon selbst kennengelernt und saß des Öfteren mit im Deutschraum, wenn Milli ihre Stunden hielt. Fünf Elternteile kamen nach und nach in den Deutschraum und ich sprach kurz mit ihnen. Jedes Gespräch dauerte etwa 5 bis 10 Minuten. Nach dem zweiten Gespräch war die Aufregung verflogen und ich freute mich drauf, die Eltern kennenzulernen. 

Nachdem das geschafft war, korrigierte ich noch eine Weile und anschließend war es Zeit für ein Mittagessen. Rael und ich beschlossen, dass es Zeit war, wieder einmal Chapati zu machen.
Und dann war Zeit, ein bisschen Serien zu schauen. Nach einer langen Schulwoche ist das unser Weg, uns zu entspannen.

Sonntag hatte ich dann Zeit, meine Wäsche zu waschen. Später ging ich noch einmal mit Rael in die Schule. Wir wollten noch ein paar Korrekturen beenden. Was wir noch nicht wussten, war, dass gerade in der Essenshalle ein Theaterstück von einer Gruppe aus Nairobi aufgeführt wurde. Das Fach CRE (Christian Religious Education = Christlicher Religionsunterricht) hatte diese Veranstaltung organisiert, um einen Teil der Bibel, der den Schülerinnen erfahrungsgemäß schwerfällt, anschaulicher zu unterrichten. Wir hörten viel Jubel und Geschrei, während wir im Deutschraum saßen. Die Schülerinnen hatten also offensichtliche ihre Freude an der Idee. 

Mobirise

Am Sonntagabend stand dann noch ein Großevent an: Das Finale des Afrika-Cups (Nigeria gegen die Elfenbeinküste). Ein paar Kollegen hatten sich verabredet, das Finale in einer Bar anzuschauen. Ich entschied mich aber am Ende, nicht mitzugehen, weil die Übertragung erst 23.00 Uhr begann und wir somit frühstens 02.30 Uhr wieder im Haus wären.
Gute Nacht!

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