Hagelschauer, Nachtwache und Kindheitserinnerungen

Von einem überraschendem Unwetter, einer langen Nacht, einer bühnenreifen Comedyshow und "Girl Time" im Klassenzimmer 

29. Januar bis 04. Februar 2024 (Woche 18)

Es ist die zweite Woche nach den Ferien und ich musste mit Schrecken feststellen, dass meine letzten zwei Monate in Kenia angebrochen sind. Diese Woche beschloss ich, die Menge an sportlichen Aktivitäten wegen des vielen Sitzens wieder etwas hochzuschrauben. Also ging ich diese Woche jede Woche aufs Feld und spielte entweder mit den Mädchen Fußball, Basketball oder Volleyball oder ich lief ein paar Runden für mich. Am Mittwoch hatten die Athletinnen keine Lehrkraft, weil diese verhindert war, also leitete ich spontan das Training. Die Übungen waren etwas Fußball-inspiriert, aber die Mädchen waren zufrieden. Irgendwann kamen dann auch noch andere Lehrkräfte und wir setzten das Lauftraining zusammen fort. Ich stellte fest, wie schön diese Abwechslung ist und wie gut es mir tat, mich nach einem Tag voller Sitzen zu bewegen. Besonders Spaß machte mir das Fußballtraining mit den Mädchen. Nach dem Sport ging ich dann zum Haus, duschte (immer noch kalt, da es noch immer keinen Strom im Haus gibt) und dann ging es zurück zur Schule. Der strukturierte Ablauf meines Tages sorgte aber dann auch dafür, dass ich oft schon gegen 21.30 Uhr im Bett lag und direkt einschlief. 

Aber da ich jetzt meinen gesamten Tag in der Schule verbrachte, fand ich nun auch endlich Zeit, unseren kleinen Nachwuchs im Lehrkräftezimmer zu filmen:


Während meiner Zeit hier in der Schule hatte ich Ophilo öfter dabei beobachtet, wie er manchmal abends in die Klassenräume ging, ein bisschen Small Talk mit den Schülerinnen führte, ein paar Witze riss und dann "Gute Nacht" sagte bevor er nach Hause ging. Irgendwie fand ich das schön und hatte mir angewöhnt auch eine Klasse abends zu besuchen. Meine Wahl war zufällig. Der Klassenraum lag auf meinem Weg zum Schultor. Also ging ich nun jeden Abend zur Klasse 3 East und lernte sie keinen. Schnell entwickelte sich eine Art Dynamik. Ich versuchte mir ihre Namen zu merken und die Mädchen fragte mich aus über meine Familie, meine FreundInnen, meine Kultur, Europa, Deutschland. Sie erzählten mir von ihrer Kindheit, wo sie herkommen, was ihr Name bedeutet, ihre Lieblingssongs und Lieblingstänze, usw. Es gab immer etwas zu lachen und immer etwas zu bequatschen. Irgendwie war es einfach schön. Diese Woche beschlossen wir dann letztendlich einen Plan für das Wochenende zu machen: Sie wollten meine Haare flechten und mir Cornrows verpassen... Also machten wir einen Termin: Sonntag, 15.00 Uhr sollte das Flechten beginnen.


Am Donnerstag hielt mich dann ein Gewitter davon ab, direkt wieder zur Schule zurückzukehren. Als ich mich dann in die Dusche begab, wunderte ich mich aber dann doch über die Geräuschkulisse. Den Starkregen und dessen Lautstärke, wenn er aufs Dach prasselt, war ich mittlerweile gewohnt. Aber das hier? Das war neu. Es hörte sich an, als würde irgendwas einschlagen. Als ich aus dem Küchenfenster schaute, wurde ich aufgeklärt: Hagel. Das hatte ich hier noch nicht erlebt. Als ich dann zur Schule zurückkehrte, nahm ich ein kurzes Video auf, das festhalten sollte, wie groß die Hagelkörner waren und wie die Wiese jeden Tag von Starkregen überflutet wird: 




Auch in der Schule hatte das Unwetter so seine Auswirkungen gehabt. Statt Laubblättern, fallen in Kenia aber eben Palmenblätter von den Bäumen herunter.

Die Schule hatte für die Abschlussklasse ein Programm erstellt. Jeden Tag war ein anderes Fach mit Abenddiskussion von 22.00 Uhr bis 22.30 Uhr an der Reihe. Am Abend Donnerstagabend leitete ich dann eine "Abenddiskussion" in Deutsch mit den Schülerinnen. Es ging um den "Infinitiv mit zu". An solchen Abenden bin ich immer und immer wieder von der Disziplin der Schülerinnen beeindruckt. Es gibt kein Meckern oder Gähnen. .

Mobirise

Rael war diese Woche ToD (Teacher on Duty), was bedeutet, dass sie von morgens um 18.00 Uhr bis abends um 18.00 Uhr in der Schule sein muss. Zusätzlich zum normalen Lehrkräftealltag kommen für sie noch zusätzliche Aufsichten rund um die Uhr dazu: Aufsicht, wenn die Schülerinnen aufstehen, Aufsicht beim Frühstück, beim Mittag und Abendessen. Dieser Job ist hart und rotiert deshalb auch im Kollegium jede Woche. Ich merkte, dass Rael ganz schön gestresst war und versuchte ihr die ein oder andere Korrektur abzunehmen. Viel schien das aber nicht zu ändern. Wir kommunizierten also hauptsächlich digital, weil für Treffen in Präsenz kaum Zeit war. Einmal bekam ich von ihr folgendes Bild geschickt:
Mobirise

Schon während des Fußballspiels hatten wir gesehen, dass Hühner in der Kultur der Luhyas eine große Rolle spielen. Sie sind eben die "Wahrzeichen" des Luhya-Stammes. Dieses Bild soll nun deutlich machen, was ein ideales Geschenk für Luhya-Frauen zum Valentinstag ist.

Am Freitag war es dann geschafft: Wochenende! Für Freitagabend gab es jedoch schon Pläne. Kurz vor Schulbeginn war die Mutter einer Lehrkraft (Martha) verstorben, die mich am Anfang besonders unterstützt und integriert hat. Wie ich schon zuvor beschrieben hatte, ist die Besucherzahl bei kenianischen Beerdigungen nicht so begrenzt, wie man das von deutschen Beerdigungen kennt. Es geht weniger darum, ob man die verstorbene Person kennt, sondern eher darum, die Trauernden in ihrem Leid zu begleiten und nicht allein zu lassen. Rael riet mir, einfach zur "Night Vigil" mitzukommen. 

Am Freitagabend ging es los. Da fast 30 Lehrkräfte zu Martha fuhren, war der Schulbus organisiert worden. Nach fast zwei Stunden Fahrt kamen wir gegen 22.00 Uhr auf dem Grundstück von Marthas Familie an. Der Ort, wo sie herkommt, liegt in der Nähe der Stadt Busia. Wir waren fast an der ugandischen Grenze. Als wir ausstiegen, war es die Luft schon ziemlich kühl. Auch wenn es tagsüber immer sehr warm ist, kühlt es sich in der Nacht dann doch beachtlich ab, weshalb mir David auch geraten hatte einen Schal, eine Mütze und zwei Pullover einzupacken. Er sollte Recht behalten. Auf dem Grundstück waren schon ca. 100 bis 150 Menschen versammelt. Zuerst begrüßten wir gemeinsam Martha und versammelten uns  anschließend um den im Haus aufgebahrten Körper ihrer Mutter. Eine Lehrkraft sprach ein Gebet. 

Mobirise

Wir begrüßten auch die Frauen, die um den Sarg herum lagen und ruhten. Martha erklärte, dass es eine Tradition sei, dass die weiblichen engen Verwandten der verstorbenen Person in der Nacht vor der Beerdigung im Raum mit dem Sarg schlafen. Anschließend nahmen wir draußen unter zwei großen Mahagonibäumen Platz. Überall standen Stühle und auf einigen saßen schlafende Menschen. Um uns herum waren mehrere Zelte aufgebaut. Wir unterhielten uns, tranken Tee und aßen zusammen mit Martha zu Abend. Mit der Zeit änderte sich die Stimmung ein wenig, auch weil statt der Gospelmusik nun Popmusik lief. Bisher hatte ich nur selten Alkohol gesehen, aber heute stellte Martha einen Kasten Bier zu unserer Gruppe. Ich passte und auch Rael blieb nüchtern. Der Rest der Lehrerschaft begann mit der Zeit zu tanzen. Gegen 03.00 Uhr morgens beschlossen Rael und ich dann, dass wir uns im Bus schlafen legen. Ich wachte gegen 05.30 Uhr nochmal auf und hörte die Musik laufen und sah durch das Busfenster Menschen tanzen. Gegen 06.30 Uhr traten wir dann den Rückweg an und unser Busfahrer Peter, der mit uns im Bus geschlafen hatte, brachte uns heil nach Hause. 08.30 Uhr erreichten wir die Schule. Ich sagte noch David "Guten Morgen", der den akademischen Tag, der heute stattfand, begleitete. Dafür würden auch die Eltern die Schule besuchen. Ich machte mich aber direkt auf den Weg nach Hause, denn ich hatte einiges an Schlaf nachzuholen. Gegen 11.00 Uhr wachte ich wieder auf, entspannte ein wenig und kehrte dann aber zur Schule zurück. Ich hatte noch ein paar Dinge zu korrigieren und den Deutschschülerinnen versprochen vorbeizuschauen. Gegen 16.00 Uhr waren Rael und ich dann noch mit ein paar Fans von den AFC Leopards verabredet. Einer der Fanclub-Leiter, Eugene, hatte mich während des Spiels am vorletzten Wochenende angesprochen und um ein Treffen mit dem Fanclub gebeten. Wir fuhren also nach Ilesi (mittig zwischen Mukumu und Kakamega). Zuerst waren wir irritiert, weil wir mit einer größeren Gruppe gerechnet hatten. Rael hatte aber ähnliches schon vermutet und wir hatten ausgemacht, dass falls es komisch wird, wir einfach eine Aufsicht in der Schule vorschieben. Schlussendlich war das aber gar nicht nötig, denn wir verstanden uns gut. Wir sprachen zuerst viel über Fußball und auch über andere Sportarten wie Rugby, tauschten uns über den Club aus und wie lange er schon besteht (1964) und wie es mit dem Frauenfußball in Kenia aussieht. Bald gingen wir auch zu anderen Themen über und wir verbrachten einen schönen Nachmittag gemeinsam. 

Mobirise

Zufälligerweise saß auch der Senator vom Landkreis Kakamega im gleichen Restaurant. Eugene wollte uns ihn unbedingt vorstellen und so machten wir noch Bekanntschaft mit Senator (Dr.) Khalwale Boni (nicht auf dem Bild), bevor wir dann den Rückweg antraten.

Sonntag
Sonntag war es dann Zeit für ein langes Frühstück, das Waschen meiner Klamotten (einschließlich Uniform für Montag) und ein bisschen Entspannung. Gegen 13.00 Uhr begab ich mich dann zur Schule, um noch ein paar Dinge zu erledigen und pünktlich 15.00 Uhr zur Klasse 3 East zu gehen. Es dauerte über eine Stunde bis die 3 Mädchen, die am besten flechten können, mit meinen Haaren fertig waren. Die ganze Klasse war anwesend und freuten sich über den Besuch am Wochenende. Währenddessen war natürlich Zeit für Gespräche über alles Mögliche: Familie, FreundInnen, Beziehungsstatus, Datingleben, Schulsystem, Lieblingsessen, kenianische und deutsche Kultur. Ich fragte, wie lange es normalerweise dauerte, diese Cornrows zu flechten. Sie erklärten mir, dass es je nach Anzahl der Reihen variierte und die Schule die Anzahl der Reihen deshalb auch vorgibt. In der Regel dauert es nicht mehr als eine halbe Stunde. Ich erzählte ihnen davon, wie meine Mama mir früher stundenlang die Haare geflochten hat, weil ich mir die Locken, die daraus resultierten, so sehr wünschte. Sie erzählten mir davon, wie ihre Mütter oft sehr streng sind. Jacky, eine engagierte Deutschschülerin, hielt einen kleinen Vortrag zu "African Mums" und ich habe lange nicht mehr so gelacht. Die Art, wie sie erzählt, ist einfach einmalig. Ihre Gestik und Mimik unterstreicht ihre Erzählungen in einer herrlichen Art und es ist ein Fest ihr zuzuhören. Sie erklärte, wie afrikanische Mütter alles um sich herum als "Waffe" interpretieren können. Wenn du als afrikanisches Mädchen etwas falsch machst, musst du dich in Acht nehmen. Gleich könnte etwas geflogen kommen. Am häufigsten würden aber die Schlappen umfunktioniert werden. Jacky erzählte, wie absolut sinnlos es wäre, logische Argumente zu benutzten, denn Mum hätte immer recht. "Wie kann es sein, dass du so spät nach Hause kommst. Erklär mir das." "Naja, Mama ... " "Und jetzt wagst du es, deine Stimme zu erheben..?!" Es ist unmöglich, diese Performance in Worte zu fassen. Was ich sagen kann: Meine Bauchmuskeln brannten vor Lachen. Später wollten mir die Mädchen noch ihre Lieblingssongs zeigen. Insbesondere gibt es einen Song namens "Chapati", den sie gleich selbst performten.

Als die Mädchen fertig waren, war ich absolut beeindruckt. Das Ergebnis war perfekt, die Linien konnte nicht gerader sein. Die Schülerinnen meinten, dass es gar nicht so einfach war, weil meine Haare so weich seien. Das steigerte meinen Respekt für dieses Kunstwerk nur noch mehr.

Im Übrigen soll ich von der Klasse 3 East liebe Grüße an alle ausrichten, die den Blog lesen.

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