Back to School

Von einem wohlig warmen Gefühl, langen ersten Tagen, einer Woche ohne Strom und den Abaluhya Football Club Leopards.

15. bis 21. Januar 2024 (Woche 16)

Heute war es so weit! Ich durfte meine eigene Lehrkräfteuniform tragen! David hatte sie mir in den Ferien besorgt und ich hatte mich schon lange darauf gefreut, auch offiziell als ein Teil der Schule aufzutreten.

Mobirise

Schon bevor ich am Morgen das Schulgelände betrat, realisierte ich, dass ich heute mehr Menschen als gewohnt begegnen könnte. Auf meinem Weg zur Schule sah ich eine Reihe von privaten Fahrzeugen, die auf der Wiese gegenüber der Schule abgestellt worden waren. Am Schuleingang bestätigte sich mein Eindruck, denn dort tummelten sich eine Menge Menschen. Die Aufnahmewoche der Form 1 Schülerinnen hatte begonnen.
Als ich dann das Lehrkräftezimmer betrat, fühlte es sich ein bisschen an, wie nach Hause kommen - ein wohlig warmes Gefühl. Obwohl ich ja nur knapp zwei Monate in der Schule gewesen war, hatte ich mit den meisten KollegInnen schon eine gute Beziehung aufgebaut. Mein erster Tag zurück in der Schule bestand also aus vielen herzlichen Begrüßungen. Ich traf direkt Milli und wir quatschten ein bisschen über die Ferien. Nach einem Tee im Lehrkräftezimmer hatte ich mich mit Rael verabredet. Wir trafen uns auf der großen Wiese, wo normalerweise die Schulversammlungen stattfanden. Dort waren nun mehrere weiße Zelte aufgebaut. Hier fand die Aufnahme der neuen Form 1 Schülerinnen statt. Die restlichen Schülerinnen der Form 2-4 absolvierten Eingangsprüfungen in den Klassenräumen. Rael und ich waren bei der Annahme dafür verantwortlich die Bezahlung (500 KSH) für die Beschriftung aller Gegenstände, die die Schülerinnen neu erhielten entgegenzunehmen und eine Rechnung auszustellen. Anschließend schickten wir sie zum nächsten Zelt. 
Irgendwann war dann der Ansturm so groß, dass an einer anderen Stelle Personal benötigt wurde und die stellvertretende Schulleiterin schickte mich zur Entgegennahme der Bezahlung für die Schuluniform. Hier handelte es sich um deutlich mehr Geld pro Schülerin, nämlich 16,000 KSH (ca. 100 Euro). Die Eltern bezahlten für die Krawatte, Blusen, Röcke, Beinwärmer, Anorak, ... . Gegen Mittag standen lange Schlangen vor den Zelten und wir kamen kaum hinterher, die Rechnungen zu schreiben. Alles lief handschriftlich, kaum etwas wurde digital erledigt. Lediglich die Bezahlung der Uniform konnte auch mit M-PESA (dem kenianischen Bezahlsystem) erfolgen. Bald war es schon 17.00 Uhr und Rael und ich wollten uns etwas zu essen besorgen. Es hatte angefangen zu regnen und wir ließen uns von einem tuc tuc nach Khayega bringen. Dort wollten wir Samosa, eine meiner Lieblingsspeisen, besorgen. Man kann sie mit frittierten Maultaschen vergleichen, die mit Erbsen gefüllt sind, aber etwa so groß sind wie Hörnchen. Beim Shop unseres Vertrauens aßen wir paar der Köstlichkeiten und nahmen noch ein einige mit in die Schule. Für 6 Stück zahlt man 60 KSH (ca. 40 Cent).

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David, Ophilo und ich blieben noch bis 19.00 Uhr in der Schule. Dementsprechend war am Abend auch nicht mehr zu tun, als Abend zu essen, die aktuellen Männerhandball-EM Ergebnisse anzuschauen und die Dunkelheit zu genießen. Die letzten beiden Abend war nämlich der Strom ausgefallen und gegen 22.00 Uhr war es dann auch schon ruhig im Haus. Die nächsten Tage liefen ähnlich ab. Gegen 08.00 Uhr ging ich zur Schule. Dann sammelte ich Geld ein und schrieb Rechnungen. Am Donnerstag begann sich die Routine dann zu ändern, weil der Strom von Eltern langsam abnahm. Etwa 600 neue Schülerinnen wurden schon aufgenommen. Aber es könnten noch ein paar Eltern folgen, denn für die meisten sind die Schulgebühren kaum zu bezahlen und sie verbringen die Tage damit, das Geld zu organisieren. Ein noch dramatischeres Beispiel erschien vor einigen Tagen im Lehrkräfte-Gruppenchat. Auf dem Zettel, den sie vor sich hält, berichtet sie, dass sie die Möglichkeit hätte an der Mädchenschule in Mukumu zu lernen, aber das Geld fehlt. Sie bittet um Unterstützung. Genau deshalb, habe ich die Spendenaktion eingerichtet, die solchen Mädchen den Zugang zu guter Bildung ermöglichen soll.

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Ab Mitte der Woche hieß es hauptsächlich die Arbeiten zu korrigieren, die von Form 2 bis 4 über die letzten Tage geschrieben wurden. Ich korrigierte in meinen drei Fächern, aber am meisten Spaß machten die Korrekturen in Mathe und Physik, weil wir dafür in der Regel alle gemeinsam in einem Raum saßen. Alle korrigierten und immer mal wieder wird von einem Kollegen oder einer Kollegin ein Witz gerissen. Diese herrliche Fähigkeit, aus Alltagssituationen die Situationskomik herauszuholen und in einen spontanen Witz zu verwandeln, hatte ich vermisst. Und vor allem konnten Rael und ich so Zeit miteinander verbringen und uns über unsere Ferienaktivitäten austauschen.
Am Donnerstag begann dann langsam der Übergang von der Eingangsphase zur Unterrichtsphase. Die Stundenpläne wurden geplant und am Freitag sollten die ersten Unterrichtsstunden stattfinden. Mittlerweile waren die meisten Form 1 Schülerinnen angekommen und es wurde folgendes Bild von ihnen in der Halle aufgenommen.

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Am Donnerstag bemerkte ich außerdem, dass sich wohl endgültig mein deutsches europäisches Gefühl für Temperatur abgelegt hatte. Es hatte geregnet und es waren 19 °C und mir war bitterkalt. Auch meine KollegInnen hatten sich in dicke Anoraks eingepackt, Stiefel und Schals eingepackt. Jetzt konnte ich das viel besser verstehen. Interessant ist aber zudem, dass dieses Wetter nicht normal ist für den Monat Januar. Januar in Westkenia bedeutet eigentlich Hitze und Trockenheit. All das wirkt sich natürlich auch besonders auf die Landwirtschaft aus. Ein Lehrer erklärte mir, dass ab Januar die Felder zum Bepflanzen vorbereitet werden. Um ein großes Stück Land zu pflügen, benötigen die LandwirtInnen Zeit. Durch den starken Regen diesen Januar konnten aber aufgrund der Nässe keine Vorbereitungen betrieben werden und generell sind die LandwirtInnen deshalb in großer Sorge. 
Freitag war noch kein offizieller Unterrichtstag, aber zumindest wurden die Klassen in die Klassenzimmer gerufen, um die Schülerinnenzahl zu prüfen und zu dokumentieren und andere organisatorische Dinge zu klären. Am Morgen geriet ich jedoch kurze Zeit unter Stress, weil mir auf einmal ein Physiklehrer ankündigte, ich solle in 20 Minuten eine Stunde halten. Ich hatte absolut nichts vorbereitet, wusste weder, welche Klasse ich unterrichten sollte, noch, wo sich diese befand. Ich schrieb Rael und und klagte ihr mein Leid. Sie half mir, in 5 Minuten eine Unterrichtsstunde zusammenzubasteln und anschließend erfuhren wir, dass doch keine Stunde stattfinden würde. Die kenianische Spontanität genieße ich sonst sehr, aber am Arbeitsplatz hat dieser Teil der Kultur auf mich dann weniger gute Effekte...
Und doch lernte ich daraus einiges. Rael meinte zu mir: "Es gibt eigentlich nur eine Sache, die du dir merken musst: Lass dich niemals stressen. Geh die Sache entspannt an." Dieser Rat passt nicht so wirklich ideal mit meinem Persönlichkeitstyp zusammen, aber ich beschloss, den Rat in Zukunft so gut zu befolgen, wie ich eben konnte. Das Besondere ist, dass nicht nur Rael diesem Rat immer folgt, sondern, dass man beinahe sagen könnte, dass sich dieser Lebensstil durch die ganze Gesellschaft zieht. "Hakuna Matata!" ("Es gibt keine Probleme / Mach dir keine Sorgen!") war nicht zufällig eines der ersten Worte in Suaheli, die ich nach meiner Ankunft am Flughafen hörte.

Wochenende
Am Samstag ging es dann munter weiter mit einer Besprechung in der Schule, die gegen 10.00 Uhr morgens begann. Dabei stellten die einzelnen Fächer ihre Zielsetzungen für die Form 4 Abschlussschülerinnen vor und wie sie diese erreichen wollen. Gegen Ende wurde dann ein Gesamtdurchschnitt berechnet. Letztes Jahr lag dieser bei 9.6, dieses Jahr sollte er bei 9.5 liegen. Dieser wurde mit dem angestrebten Durchschnitt der Schülerinnen abgeglichen (der zufällig auch bei 9.5 liegt). Gegen 15.00 Uhr wurde das Meeting beendet und dann gab es Mittagessen. Anschließend beschlossen Rael und ich noch ein bisschen zu korrigieren, um es nicht am Sonntag tun zu müssen. Die Form 4 Prüfungsergebnisse in Physik sollten nämlich am Montag vorliegen. Wir blieben noch bis abends in der Schule. Viel war anschließend auch nicht mehr zu tun und ich begab mich ins Haus, wo ich auf David, Lilian und Linda wartete, die einkaufen gegangen waren. 
Am Sonntag, dem 7. Tag ohne Strom, beschloss ich zu Rael zu gehen und von dort ein bisschen Unterrichtsvorbereitungen zu betreiben. Schließlich sollten die Stundenpläne am Montag ausgegeben werden und dann war es möglich, dass man montags direkt die erste Stunde (08.00 Uhr) unterrichten soll. Gegen 15.00 Uhr, nach einem Chapati-Mittagessen, machten wir uns dann auf in Richtung Stadion. Über die Woche hatten wir beschlossen uns das Fußballspiel zwischen den Abaluhya Football Club Leopards und dem Nairobi City Club anzuschauen. Wir fuhren also zum Stadion, besorgten uns die Tickets (100 KSH = ca. 60 Cent pro Person) und suchten uns einen Sitzplatz auf dem gut besetzten Rang. Natürlich war ich wieder eine Attraktion, schließlich war sonst kein Muzungu anwesend. Nach einigen Selfies und einem Kind, das nun auf meinem Schoß saß, legte sich die Aufregung dann aber und das Spiel war in vollem Gange.
Am Fuß des Ranges tanzte eine Gruppe von Fans. Rael erklärte mir, dass es sich um einen bestimmten Tanz der Luhyas (einer der Stämme in Kenia, die um Kakamega angesiedelt sind), namens Isokuti, handelt. Auch die Fangesänge sind typische Gesänge aus der Luhya-Kultur. Am auffälligsten war ein Mann, der einen Helm trug, an dem zwei Maiskolben befestigt waren. Außerdem trug er eine (lebendige) Henne mit sich herum und an seinem Zepter waren zwei Packen Maismehl befestigt. So vereinigte er die "Wahrzeichen" der Luhyas und feuerte die Menge beim Tanzen an. 
Dann fiel das erste Tor für den AFC. Die Zuschauenden tobten. Auch beim zweiten Tor war der Jubel nicht weniger enthusiastisch. 2:0 Entstand machte alle Fans sehr glücklich.


Nach dem Spiel trafen wir noch zwei Kollegen aus Mukumu und folgten dann gemeinsam dem Strom der Fans. Rael überredete mich, mitzutanzen. Natürlich mussten wir auch noch ein Bild mit dem Mann mit dem Maishut machen.
Anschließend ging es dann nach Hause und nach dem Abendessen direkt ins Bettchen, schließlich würde es morgen wieder früh losgehen...

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