Am Donnerstag bemerkte ich außerdem, dass sich wohl endgültig mein deutsches europäisches Gefühl für Temperatur abgelegt hatte. Es hatte geregnet und es waren 19 °C und mir war bitterkalt. Auch meine KollegInnen hatten sich in dicke Anoraks eingepackt, Stiefel und Schals eingepackt. Jetzt konnte ich das viel besser verstehen. Interessant ist aber zudem, dass dieses Wetter nicht normal ist für den Monat Januar. Januar in Westkenia bedeutet eigentlich Hitze und Trockenheit. All das wirkt sich natürlich auch besonders auf die Landwirtschaft aus. Ein Lehrer erklärte mir, dass ab Januar die Felder zum Bepflanzen vorbereitet werden. Um ein großes Stück Land zu pflügen, benötigen die LandwirtInnen Zeit. Durch den starken Regen diesen Januar konnten aber aufgrund der Nässe keine Vorbereitungen betrieben werden und generell sind die LandwirtInnen deshalb in großer Sorge.
Freitag war noch kein offizieller Unterrichtstag, aber zumindest wurden die Klassen in die Klassenzimmer gerufen, um die Schülerinnenzahl zu prüfen und zu dokumentieren und andere organisatorische Dinge zu klären. Am Morgen geriet ich jedoch kurze Zeit unter Stress, weil mir auf einmal ein Physiklehrer ankündigte, ich solle in 20 Minuten eine Stunde halten. Ich hatte absolut nichts vorbereitet, wusste weder, welche Klasse ich unterrichten sollte, noch, wo sich diese befand. Ich schrieb Rael und und klagte ihr mein Leid. Sie half mir, in 5 Minuten eine Unterrichtsstunde zusammenzubasteln und anschließend erfuhren wir, dass doch keine Stunde stattfinden würde. Die kenianische Spontanität genieße ich sonst sehr, aber am Arbeitsplatz hat dieser Teil der Kultur auf mich dann weniger gute Effekte...
Und doch lernte ich daraus einiges. Rael meinte zu mir: "Es gibt eigentlich nur eine Sache, die du dir merken musst: Lass dich niemals stressen. Geh die Sache entspannt an." Dieser Rat passt nicht so wirklich ideal mit meinem Persönlichkeitstyp zusammen, aber ich beschloss, den Rat in Zukunft so gut zu befolgen, wie ich eben konnte. Das Besondere ist, dass nicht nur Rael diesem Rat immer folgt, sondern, dass man beinahe sagen könnte, dass sich dieser Lebensstil durch die ganze Gesellschaft zieht. "Hakuna Matata!" ("Es gibt keine Probleme / Mach dir keine Sorgen!") war nicht zufällig eines der ersten Worte in Suaheli, die ich nach meiner Ankunft am Flughafen hörte.
Wochenende
Am Samstag ging es dann munter weiter mit einer Besprechung in der Schule, die gegen 10.00 Uhr morgens begann. Dabei stellten die einzelnen Fächer ihre Zielsetzungen für die Form 4 Abschlussschülerinnen vor und wie sie diese erreichen wollen. Gegen Ende wurde dann ein Gesamtdurchschnitt berechnet. Letztes Jahr lag dieser bei 9.6, dieses Jahr sollte er bei 9.5 liegen. Dieser wurde mit dem angestrebten Durchschnitt der Schülerinnen abgeglichen (der zufällig auch bei 9.5 liegt). Gegen 15.00 Uhr wurde das Meeting beendet und dann gab es Mittagessen. Anschließend beschlossen Rael und ich noch ein bisschen zu korrigieren, um es nicht am Sonntag tun zu müssen. Die Form 4 Prüfungsergebnisse in Physik sollten nämlich am Montag vorliegen. Wir blieben noch bis abends in der Schule. Viel war anschließend auch nicht mehr zu tun und ich begab mich ins Haus, wo ich auf David, Lilian und Linda wartete, die einkaufen gegangen waren.
Am Sonntag, dem 7. Tag ohne Strom, beschloss ich zu Rael zu gehen und von dort ein bisschen Unterrichtsvorbereitungen zu betreiben. Schließlich sollten die Stundenpläne am Montag ausgegeben werden und dann war es möglich, dass man montags direkt die erste Stunde (08.00 Uhr) unterrichten soll. Gegen 15.00 Uhr, nach einem Chapati-Mittagessen, machten wir uns dann auf in Richtung Stadion. Über die Woche hatten wir beschlossen uns das Fußballspiel zwischen den Abaluhya Football Club Leopards und dem Nairobi City Club anzuschauen. Wir fuhren also zum Stadion, besorgten uns die Tickets (100 KSH = ca. 60 Cent pro Person) und suchten uns einen Sitzplatz auf dem gut besetzten Rang. Natürlich war ich wieder eine Attraktion, schließlich war sonst kein Muzungu anwesend. Nach einigen Selfies und einem Kind, das nun auf meinem Schoß saß, legte sich die Aufregung dann aber und das Spiel war in vollem Gange.
Am Fuß des Ranges tanzte eine Gruppe von Fans. Rael erklärte mir, dass es sich um einen bestimmten Tanz der Luhyas (einer der Stämme in Kenia, die um Kakamega angesiedelt sind), namens Isokuti, handelt. Auch die Fangesänge sind typische Gesänge aus der Luhya-Kultur. Am auffälligsten war ein Mann, der einen Helm trug, an dem zwei Maiskolben befestigt waren. Außerdem trug er eine (lebendige) Henne mit sich herum und an seinem Zepter waren zwei Packen Maismehl befestigt. So vereinigte er die "Wahrzeichen" der Luhyas und feuerte die Menge beim Tanzen an.
Dann fiel das erste Tor für den AFC. Die Zuschauenden tobten. Auch beim zweiten Tor war der Jubel nicht weniger enthusiastisch. 2:0 Entstand machte alle Fans sehr glücklich.