Adieu Mfangano

Vom frühen Vogel, einer Wanderung auf dem Itone, einer weiten Reise über den Victoriasee und dem Abschied von der Insel

08. bis 14. Januar 2024 (Woche 15)

5.20 Uhr wachte ich auf. Wieder einmal hatte sich eine Grille ihren Weg ins Haus gebahnt und sorgte nun dafür, dass ich hellwach im Bett lag. Aber tatsächlich war das kein Problem, denn zehn Minuten später hätte sowieso mein Handywecker geklingelt. Martin und ich hatten lange geplant einmal einen Sonnenaufgang zu beobachten und zu fotografieren. Oft mussten wir diesen Plan verschieben, weil wir entweder verschliefen oder das Wetter zu schlecht war. Aber heute war der perfekte Tag. Draußen war es noch dunkel, also nutzte ich die Zeit und setzte mich raus, um den noch sichtbaren Sternenhimmel zu beobachten. Die Venus strahlte hell und auch das Kreuz des Südens war gut zu beobachten. Es war vollkommen still. Dann wurde es langsam heller und die ersten Vögel begannen zu zwitschern. Ich saß da und genoss, wie der Tag langsam begann. Dann kamen schon die Arbeiter, die am Haus von Gabriel werkeln. Sie weckten Martin auf, um nach dem Schlüssel zum Depot mit Werkzeugen zu fragen. Nach 10 Minuten waren wir dann auf dem Weg zum See, um einen direkten Blick auf den Sonnenuntergang zu bekommen. Was ich dann beobachten durfte, ist schwer in Wort zu fassen. Also folgen hier die entsprechenden (unbearbeiteten) Bilder der Serie "Ein Sonnenaufgang auf Mfangano"


Im Anschluss an unsere Fotosession, ging ich direkt zum Peace Resort, wo ich eine Menge junger Menschen sitzen sah. Es schien, als würden sie auf etwas warten. Erst später realisierte ich, dass heute der Tag war, an dem die Ergebnisse der KCSE-Abschlussprüfungen veröffentlicht werden würden. Auf einmal war ich selbst ganz schön gespannt. Schließlich würde ich dann auch erfahren, ob ich mich für meine Deutschschülerinnen freuen kann. Zuerst war die Seite überlastet, aber dann explodierte die Lehrkräfte-Gruppe auf WhatsApp mit Screenshots von Ergebnissen der Schülerinnen. Im Vergleich zum Vorjahr gab es eine Verbesserung. Die Schule erreichte einen Schnitt von 7.53 (B-), was in Deutschland einem Schnitt von 2,3 entspricht. Die Deutschschülerinnen bestanden allesamt und erreichten einen Gesamtschnitt von 10.25 (B+). Ganz besonders stolz war ich auf Ella, die sich durch meine Nachhilfe gequält hatte. Sie erhielt im Fach Deutsch die Note B-. Ich schrieb mit Milli hin und her und sie teilte mir mit, wie zufrieden sie sei. Insbesondere weil die Schule im Jahr 2023 viele Schwierigkeiten durchstehen musste, freute sie sich, dass trotzdem ein solches Ergebnis erreicht werden konnte. 
Am Mittwoch ging es früh zum WaterBus und Richtung Festland. David und ich wollten die restlichen Materialien für das Hühnerhaus besorgen. Auch Lilian, Linda, Davids Bruder Gabriel und seine Frau, Night, kamen mit. In Mbita angekommen, fuhren wir zum nächsten Baumarkt und kauften Maschendraht und eine Art Eisengitter für die Außenverkleidung. Anschließend verabschiedeten sich Lilian, David und Linda. Sie hatten noch etwas in Homa Bay zu erledigen. Während auch Gabriel noch etwas zu tun hatte, suchten Night und ich uns eine Möglichkeit zu frühstücken und genossen spanisches Omelette mit Milchtee. Weil man nicht aufs Festland fährt, ohne eingekauft zu haben, besuchten wir noch den nächsten Supermarkt und besorgten Dinge, die auf der Insel nicht so leicht zu finden sind bzw. dort deutlich teurer sind (z.B. Waschmittel, Margarine, Kartoffeln, ...). Anschließend ging es dann mit dem WaterBus zurück zum Haus. Ich ließ den Tag langsam ausklingen und las noch ein bisschen während die Sonne sich gen Horizont bewegte.

Mobirise

Am Abend baute ich meine Beziehung zu Baby Maya (Davids Nichte) aus. Neben der unglaublich wichtigen Fähigkeit des Lippenflatterns durfte ich ihr außerdem beibringen, wie man ein "High Five" und "Low Five" gibt. Gleichzeitig lernte ich, wie man ein Baby am besten transportiert, wenn man nebenbei kochen möchte:

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Am Donnerstag erfüllte ich mir dann noch einen weiteren Wunsch: eine Wanderung auf dem Höhenzug, der übrigens Itone heißt. Da wir recht spontan entschieden hatten, die Wanderung heute durchzuführen und es schon 10.00 Uhr war, fragte Martin seinen Freund Paul an, um uns mit seinem Motorrad auszuhelfen. Kurze Zeit später befanden wir uns zu dritt auf dem Motorrad (Paul, Martin und ich) auf der Ringstraße Richtung Osten. Etwa 15 Minuten nachdem wir Sena durchquert hatten, erreichten wir eine Kreuzung und bogen auf die Straße ab, die uns auf den Höhenzug bringen würde. Ziel war es den Airtel-Repeater zu erreichen, der vom See aus deutlich sichtbar ist. 

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Die Fahrt hoch auf den Höhenzug dauerte etwa 40 Minuten und ab und an stiegen Martin und ich, wie bei der Rundreise zuvor, ab und gingen zu Fuß weiter, weil die Straße zu steil war. Die Aussicht wurde mit jeder Minute beeindruckender. Leider war es jedoch etwas bewölkt und neblig und man konnte deshalb nur einen Teil des Festlandes sehen. Wir passierten schwere Baufahrzeuge, die täglich weiter am Ausbau der Straßen auf Mfangano arbeiten. Irgendwann erreichten wir einen Punkt, an dem es mit dem Motorrad nicht weiterging. Dort trafen wir Grivin, Josef und Wambua, die sich bereit erklärten, uns den Weg zu zeigen. Dann wanderten wir gemeinsam los. Wir durchquerten kleinere Wäldchen, liefen über Wiesen und folgten schmalen Wegen, die von Büschen begrenzt waren. Ab und an machten wir Halt an einem Mangobaum, um uns mit den Früchten zu stärken. Außerdem durchquerten wir Grundstücke, auf denen Häuser mit Strohdächern standen und Martin erklärte mir, dass die kleineren Häuschen für das Lagern von Lebensmitteln (z.B. Mais) genutzt werden. Mittlerweile sind diese Lagerhäuschen aber durch Säcke ersetzt, die heute den Schutz vor Insekten und anderen Tieren bieten. Bald lag dann ein kleinerer Wald vor uns, der aber von Weitem schon mysteriös aussah. Ich erfuhr dann, dass sich in der Mitte des Waldes, namens Tutu Forest, ein Schrein in Form eines Felsens befindet und dass im Wald eine 50-Meter-lange Schlange leben soll, die sich aber nur in sehr seltenen Fällen blicken lässt. Als wir den Wald betraten, stellte ich zuerst fest, wie unglaublich dunkel es hier war. Die Bäume wuchsen in allen möglichen Formen in die Höhe und gestatteten dem Tageslicht kaum Eintritt. Wir erreichten bald den besagten Schrein, kletterten auf den Felsen und sahen die Höhlen, die frühere BewohnerInnen der Insel als Unterschlupf und Heiligtum nutzten. Außerdem wurden hier Tiere geopfert, wenn längere Zeit kein Regen gefallen war. Wenig später hatten wir den Wald durchquert und die Schlange hatte sich uns nicht gezeigt. Wir wanderten weiter Richtung Osten, um nach ca. 30 Minuten dann den Airtel-Repeater zu erreichen. Dieser wurde 2013 von Airtel, dem zweitwichtigste Mobilfunkanbieter neben Safaricom, erbaut und sorgt seitdem auf der Insel für gute Internetverbindung. Als wir am Booster angekommen waren, hatte sich das Wetter mittlerweile von neblig und bedeckt zu sonnig und warm entwickelt. Die vorherige Sorge, dass es bald gewittern könnte, war damit also erst einmal vom Tisch. Nach einer Rast nahe des Repeaters traten wir den Rückweg an. Unsere drei Begleiter erzählten uns, dass es neben dem Wald Tutu noch einige weitere Schreine in der Nähe gibt. Weiterhin gab es auch hier Höhlenmalereien zu sehen, die sich aber leider etwas zu weit weg befand. Wieder am Motorrad angekommen, verabschiedeten wir uns von unseren Gefährten und fuhren wieder nach Hause. 


Am Freitag wurde ich in den frühen Morgenstunden von David geweckt, denn gegen 10.00 Uhr wurden wir schon auf dem Festland zur Beerdigung von Davids Großmutter erwartet. Für 1,5 Stunden sollten wir mit einem motorisierten Boot mit insgesamt ca. 35 Passagieren über den Victoriasee schippern. Auf dem Bild unten ist ein ähnliches Boot zu sehen. Am Morgen machte ich mir noch ein wenig Sorgen, weil ein ziemlich strenger Wind wehte und mich Wellen bei einer Bootstour doch ein wenig beängstigen. Doch als wir zum Strand gingen, hatte sich der Wind aber gelegt und ich konnte beruhigt ins Boot steigen. Zu Beginn unserer Reise fiel noch leichter Nieselregen, aber dafür lag eine Plastikplane bereit, die über allen Passagieren ausgebreitet wurde. Der leichte Regen prasselte auf die Plane, Betty und Linda saßen neben mir und waren kurz vorm Einschlafen.


Während der Überfahrt unterhielt mich mit Night über Beerdigungen in Kenia und sie meinte, dass diese Veranstaltungen immer gut besucht sind. Viele BesucherInnen kämen aber nicht nur wegen der Person, die verstorben ist, sondern wegen des Essens, das auf jeder Beerdigung frei zur Verfügung steht. "Eine Beerdigung ohne Essen wird nicht besucht" meinte Night. Außerdem erklärte sie mir, dass nur die reichen Menschen, die Besuchendenzahl begrenzen würden. Auch der Dresscode wäre dann anders. Während auf der "Durchschnittsbeerdigung" bunte Kleidung getragen wird, auch weil neue Kleidung teilweise teuer ist, tragen Besuchende von Beerdigungen reicher Menschen (wie z.B. PolitikerInnen) schwarze Kleidung. Nach etwa einer halben Stunde waren die Regenwolken verschwunden und wir konnten wieder Sonnenschein genießen. Bei guter Musik lehnte ich mich über die Reling und ließ meinen Arm herunterhängen. Ab und zu streiften ein paar Wellen meine Hand. Wieder einmal realisierte ich, wie dankbar ich bin, diese Momente erleben zu dürfen. Nach einer vollkommen ruhigen und wellenlosen Überfahrt erreichten wir Katawa (schwarzes Kreuz auf der Karte) gegen 11.30 Uhr, mit der üblichen kenianischen Verspätung. Mit dem Motorrad ging es dann in etwa 10 Minuten zur Beerdigungsstätte. Der Sarg stand unter einem separaten Zelt bereit, damit sich alle Besuchenden verabschieden konnten. Wir setzen uns unter eines der vier Zelte, die eine Art Bühne eingrenzten. Dort wurden in den ersten zwei Stunden hauptsächlich Reden gehalten. Außerdem wurde eine Art Faltblatt verteilt mit Informationen über die Verstorbene. Darin war zu lesen, dass ihre zehn Kinder fünfzig Enkelkinder geboren haben und sie zum Zeitpunkt ihres Todes achtzig Großenkelkinder hatte. Das sind Zahlen, die für mich unglaublich schienen. Nachdem auch David ein paar Worte gesagt hatte, gab es Essen. Anschließend wurde getanzt und der Sarg vom Zelt auf die Bühne gebracht. Bevor die tatsächliche Beerdigung stattfand, reisten wir wieder ab, weil wir nicht in der Dunkelheit über den Victoriasee reisen wollten. Davids Großmutter wurde am späten Abend auf dem anliegenden Grundstück begraben. In den ländlichen Gegenden ist es üblich, die eigenen Familienmitglieder auf dem eigenen Grundstück zu begraben. Nur wenn eine Familie kein ausreichend großes Stück Land besitzt, werden Friedhöfe benutzt. Beispielsweise liegt Davids Vater auch auf dem Grundstück auf Mfangano begraben. Gegen 19.00 Uhr abends erreichten wir die Anlegestelle in Mfangano.

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Schwarzes Kreuz - Katawa

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Beerdigung in Katawa

Am Samstagmorgen durchkreuzte ein starker Regenfall unsere Reisepläne und wir entschieden deshalb, noch einen Tag länger auf der Insel zu bleiben. Das passte eigentlich auch ganz gut, weil wir dann in der gewonnenen Zeit noch das Hühnerhaus fertigstellen konnten. Am Abschiedsabend besorgte Night noch Kartoffeln und wir kochten gemeinsam Bratkartoffeln nach deutschem Rezept.

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Am Sonntag war es dann so weit. Früh am Morgen traten wir den Rückweg an. Ein letzter Blick auf den See und ich merkte, dass ich die Insel und das Leben hier ganz schön vermissen würde... Kwa heri, Mfangano!

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Mit dem WaterBus ging es nach Mbita. Von dort aus hatte Lilian ein privates Fahrzeug gebucht und gegen 18.00 Uhr erreichten wir mit reichlich Gepäck wieder Mukumu. Morgen sollte es dann wieder in die Schule gehen, also gingen wir alle früh ins Bett, denn die lange Fahrt hatte uns alle ganz schön erledigt.

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