Donnerstag - Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, Dreiundzwanzig...
Die restliche Woche passierte nicht mehr viel, alle gingen wieder ihren Arbeiten nach. David hatte begonnen an seinem Haus weiterzubauen. Er plante neben dem kleinen Haus für seine wachsende Familie ein größeres Haus zu bauen. Dafür war das Fundament schon gelegt. Was aber noch erwähnenswert ist, ist die Wetterlage, die sich hier in der letzten Woche verändert hatte. Nachdem die erste Zeit auf der Insel zwar ab und zu am Abend Regen fiel, hatten jetzt die schweren Gewitter eingesetzt. Donnerstagnacht kündigte ein fast sturmartiger Wind ein herannahendes Gewitter an. Und dann begann mein Kopfkino einzusetzen: Wir sind nahe dem Ufer, es gibt keinen Blitzableiter auf dem Dach und was passiert eigentlich, wenn ein Blitz in ein Haus ohne Blitzableiter einschlägt. Die Bäume um uns herum sind nicht allzu hoch. Was mich ein wenig beruhigte, war die Tatsache, dass neben uns ein Höhenzug war, der die Blitze abfangen könnte. Trotzdem war es abends und abends sind alle Gedanken dramatischer. Es war Schlafenszeit und ich lag hellwach im Bett. Ich horchte wie die Abstände zwischen Blitz und Donner immer kürzer wurden. Drei Sekunden bedeuten etwa einen Kilometer. Plötzlich wurde es taghell und ich begann zu zählen: Einundzwanzig... RUMS! Das Gewitter war jetzt fast genau über uns. Der Regen prasselte mit einer enormen Lautstärke aufs Dach. Ich kuschelte mich in meine Decke. Nach etwa einer halben Stunde war es dann überstanden. Wir hatten überlebt! Nur noch sanft tröpfelte der Regen gegen das Fenster. Mit dieser Geräuschkulisse konnte ich mich langsam anfreunden. Bis das Adrenalin meinen Körper vollständig verlassen hatte, dauerte es noch ein bisschen, aber bald begab ich mich ins Land der Träume. In den nächsten Tagen sprach ich mit den anderen über meine Angst und sie erklärten mir, dass es schon einige Anschläge gegeben hatte, aber hauptsächlich auf dem Berg oder in
Strommasten. Auch David gestand mir, dass er früher bei Gewittern immer unters Bett gekrochen ist. Seine größte Angst sind Blitze. Aber der Umgang der Familie ähnelte dem Umgang der Lehrkräfte in Mukumu mit Gewittern: ein tiefer Glaube, dass Gott es schon richten wird, lässt alle vollkommen ruhig schlafen. Von dieser Gewissheit und Ruhe würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden...
Silvester/Neujahr
Ein Blick auf den Kalender lässt das Herz von ordnungsliebenden Menschen höherschlagen. Weihnachten am Sonntag, Silvester am Sonntag und der erste Tag im Jahr ein Montag - perfekt. Auch wir feierten Silvester, aber für mich war es - wie auch Weihnachten - auch etwas anders als sonst. Am Vormittag beschloss ich, Mama Beatrice in die Kirche zu folgen, schließlich stand auch heute wie jeden Sonntag Gottesdienst auf dem Programm. Mama Beatrice nimmt sich, wie ich schon beschrieben habe, immer zurück und ist sehr bescheiden. Da zurzeit sehr viele Gäste im Haus sind, sieht sie es als ihre Aufgabe, alle Gäste zu versorgen und dann erst ihren Wünschen nachzugehen. Alle anderen im Haus sehen das als selbstverständlich, was unter anderem eben auch an den stark patriarchisch geprägten Ansichten liegt. Mich wühlt das regelmäßig auf. Es war schon 12.00 Uhr als wir zum Gottesdienst aufbrachen und den Weg Richtung Kirche antraten. Kirchen sind auf dem Land in der Regel Ein-Raum-Gebäude. Die Menge an Kirchen, die ich bisher gesehen habe, ist beachtlich. Daran kann ich meiner Meinung nach gut ablesen, welch eine zentrale Rolle der Glaube in Kenia spielt. Leider war der Großteil des Gottesdienstes schon vorbei. Aber Mama Beatrice erklärte mir, dass es trotzdem wichtig ist, da zu sein, weil sie Kopf der Gemeinde ist. Übrigens ist die Beziehung zu Mama Beatrice in den letzten Wochen immer enger geworden. Wir müssen oft lachen - auch wegen der Sprachbarriere. Das erinnert mich immer an meine Familie und wie Mama immer gesagt hat, wie sie sich am Anfang mit Sanna (ihrer Schwiegertochter aus Schweden) unterhalten hat - und zwar mit vollem Körpereinsatz. So ähnlich machen das Mama Beatrice und ich auch immer. Für uns beide war das nichts Besonderes, wir verstanden uns eben einfach - auf welchem Weg auch immer. Dass das von außen seltsam klingen könnte, merkten wir erst, als der Weihnachts-Besuch über unsere Konversationen schmunzelte. Aber was gibt es Schöneres, als dann einfach gemeinsam zu lachen?
In der Kirche saß ich in der letzten Reihe. Ich wollte erst einmal beobachten. Doch auf mich wurde direkt reagiert, denn die Frau vom Pfarrer begann den Gottesdienst für mich zu übersetzen. Es wurde viel gesungen, getanzt, geklatscht. Das hatte ich ja schon beim Abschlussgottesdienst in Mukumu mitbekommen. Aber hier war alles noch ein bisschen freier. Alles folgte einem Ablauf, aber trotzdem war der Gottesdienst sehr individuell - im Gesang, im Tanz und vor allem im Gebet. Der Pfarrer hielt eine kurze Predigt zur Geschichte von Noah und dem Wal. Ich erinnerte mich daran, wie sich meine Einstellung zu Predigten gewandelt hatte. Als ich klein war, waren sie der langweiligste Part des Gottesdienstes. Wenn alle standen, konnte man wenigsten Menschen beobachten, wenn gesungen wurde, konnte man mitsingen, wenn gebetet wurde, konnte man mitmurmeln, aber die Predigt? Das war das langweiligste der Welt. Der Pfarrer redete, redete und redete und ich sehnte mich eigentlich immer nur nach dem Ende. Erst mit 16 oder 17, als ich nur noch spärlich in die Kirche ging, begann ich so richtig zu verstehen, dass man um eine Predigt für sich zu nutzen, nicht christlich sein musste. Die Moral war letztendlich immer sehr universell. Auch bei dieser Geschichte von Noah. Zum Schluss lud uns der Pfarrer zum Silvester-Gottesdienst ein. Im Laufe des Tages nahm ich mir Zeit, einen ausführlichen Rückblick aufs Jahr zu dokumentieren. Das hatte ich schon im letzten Jahr gemacht und die Antworten zu vergleichen bereitete mir Freude. Mein Aufenthalt hier machte mich noch viel dankbarer für die vielen Reisen und Erlebnisse, die ich genießen durfte, wo doch so viele Menschen, diese Möglichkeiten in ihrem Leben nie haben werden.
Gegen 20.30 Uhr begaben wir uns zur Kirche, die sich etwa 5 Minuten zu Fuß von uns entfernt befand. Wir nahmen in der kleinen Kirche Platz. Der Pfarrer und seine Frau leiteten den Gottesdienst. Als wir hereinkamen, spielte schon Musik und Mama Beatrice nahm das als Anlass direkt ein wenig zu tanzen. Was ich schon beim Gottesdienst am Mittag gemerkt hatte: Auf mich wirkte die Kirche für Mama Beatrice wie eine Art Flucht, ein Platz, wo sie einfach sein kann, wie sie ist. Ich bewunderte ihre Art, sich so bedingungslos frei fühlen zu können. Dann begann ein etwa 1,5-stündiger Teil mit individuellen Präsentationen. Es wurde auf die Spontanität der Besuchenden gesetzt: Wer Lust hatte oder etwas auf dem Herzen hatte, kam nach vorne auf die Bühne und präsentierte. Etwa 9 Präsentationen füllten diese Zeit und sie kamen von Herzen. Ich hatte ein ganz anderes Gefühl als in Deutschland bei solchen Dingen. Oftmals (nicht immer!) ist die Atmosphäre in Deutschland geprägt von Erwartung von Perfektion und Schamgefühlen. Hier ging es nicht ums Präsentieren, sondern um eine Nachricht an Gott. Die meisten Präsentationen waren unvorbereitet und spontan. Wenn man den Text kannte, wurde mitgesungen. Schiefe Töne gehören einfach zum Prozess dazu - fertig. Kinder sind die besten Beispiele für diese wunderbare Präsentationskultur. Zwischen durch wurden Lieder gesungen und bestaunte die kleine Maya (7 Monate alt), die trotz der Lautstärke friedlich auf einer Decke auf dem Kirchenboden schlief.
Anschließend folgte eine zwanzigminütige Predigt des Pfarrers - "to keep it short and sweet" ("um es kurz und knackig zu halten"). Bei einer solchen Predigt hätte ich als Kind nicht abgeschaltet. Die meisten Teile wurden nicht gesprochen, sondern leidenschaftlich ins Mikrofon geschrien (keine Übertreibung). Und dann antwortete die Gemeinde mit einem beherzten: AMEN! Der Pfarrer interpretierte zwei Verse:
Jesaja (43:18-19)
Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.
2. Moses (14:14)
Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.
Ich hatte das Gefühl, dass insbesondere der erste Vers ein gutes Motto für ein neues Jahr sei. Dann begann der Pfarrer das Herunterzählen: Drei, zwei, eins... Hätte ich einen Lautstärkemesser dabei gehabt, wäre das Maximum erreicht gewesen. Es wurde geschrien und gerufen, gesungen, gepfiffen, getrommelt. Mama Beatrice packte eine Trillerpfeife aus und spätestens dann war ich mir sicher, einen dauerhaften Hörschaden erlitten zu haben. Aber es passte alles. Das neue Jahr wurde eben mit aller Energie begrüßt. Anschließend sagte der Pfarrer noch ein paar Worte und dann begannen sich alle ein frohes neues Jahr zu wünschen. Wir blieben noch eine Weile und gegen dreiviertel eins traten wir den Rückweg an. Ein klarer Sternenhimmel und es war viel los auf der Straße. Menschen standen in Gruppen, feierten und unterhielten sich. Hier und da schwenkten Kinder Stahlwolle in Loopings und zeichneten Funkenkreise in die dunkle Nacht. Weil alles so anders war als sonst, musste ich mich beinahe daran erinnern, dass wir Silvester feierten. Und dann war da ja noch eine Besonderheit: Ich durfte zwei Stunden eher ins neue Jahr starten als meine Familie und meine FreundInnen. Also wartete ich noch bis 02.00 Uhr und rief dann Alica an, um ihr und meinen beiden Geschwistern wie jedes Jahr ein frohes Neues zu wünschen. Mama Beatrice hatte mit mir gewartet und freute sich, die Gesichter auf dem kleinen Bildschirm zu betrachten. Als es aus dem Hintergrund rief "Happy New Year" antwortete sie voller Freude. Es war ein schöner Start ins neue Jahr.
In diesem Sinne wünsche ich von Herzen ein neues Jahr voller Freude, neuen Erlebnissen und Zeit für die Gesellschaft von Familie und FreundInnen!