Erstes Mal Inselluft

Vom Beginn der Weihnachtszeit, der ersten Woche auf der Mfangano Insel, einem herzlichen Empfang und einer beeindruckenden Frau

04. bis 10. Dezember 2023 (Woche 10)
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Weihnachtsschmuck
in einem Supermarkt in Kakamega


Seit dem ersten Dezember kehrt auch hier in Kenia die Weihnachtszeit ein. In den Supermärkten ist jetzt der erste Weihnachtsschmuck zu entdecken. Trotzdem muss ich sagen, dass bei mir absolut keine Weihnachtsstimmung aufkommt, egal wie viele Weihnachtslieder ich mir anhöre oder Schneebilder ich mir aus Deutschland ansehe. Hier sind es nach wie vor 24 °C und auf der Insel sollte es wahrscheinlich noch wärmer sein... Interessant eigentlich, dass es scheinbar in meinen Körper einprogrammiert ist, Weihnachten mit Kälte zu verbinden. Aber noch ist ja ein bisschen Zeit bis zum Fest.
Nach unserer Rückkehr aus Mombasa stand schon die nächste Reise vor der Tür. David war schon gar nicht mehr zu Hause und wir hatten das Haus am Sonntagmorgen in einem leeren Zustand erreicht. Da am Sonntag aufgrund von Reiseerschöpfung und einem langen Erholungsschlaf (bis vier am Nachmittag, Schlafrhythmus ade!) an Auspacken oder neue Reisevorbereitungen nicht zu denken war, verzögerte sich die Abreise ein wenig. Am Montag hieß es dann Wäsche waschen, Sachen packen und das Haus putzen, um es in einem guten Zustand zu verlassen. In der Zwischenzeit war Miriam (Ophilos Freundin) vorbeigekommen. Wir entschieden, unsere Kochkünste zu vereinen und buken Eierkuchen. Später besuchten wir dann noch den Markt, um ein paar Erledigungen zu machen.
Am Dienstag ging es dann um 8 Uhr morgens los. Zuerst brachte mich Ophilo bis Kisumu, wo wir einen Freund von David trafen, dessen matatu mich dann bis Mbita bringen würde. Dort würde ich dann die Fähre zur Mfangano Insel nehmen, wo mich David abholen würde.

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Reise von Mukumu nach Sena (Centre) auf der Mfangano Island

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Die Bezahlung des Fährtickets für den WaterBus war online über das in Kenia so verbreitete Bezahlsystem MPesa möglich. Den Account dafür hatten wir zu Beginn meines Aufenthalts eingerichtet. Auf der Fähre sprach ich mit ein paar Menschen, denen Davids Name ein Begriff war. David hatte mir schon angekündigt, dass in den Dörfern der 40.000-EinwohnerInnen-Insel niemand lange unbekannt bleibt. Die Überfahrt war ganz schön windig, aber zugleich wunderschön. Die Sonne schien und das Wasser des Victoriasees glitzerte von allen Seiten. 

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Motorradfahrt von Sena Centre zum Grundstück von Davids Familie


Nach dem Anlegen an der kleinen benachbarten Insel Takawiri, erreichten wir dann Mfangano Island, wo ich David schon am Ufer stehen sehen konnte. Von dort ging es dann direkt mit dem Motorrad zum Grundstück von Davids Familie. Wieder einmal spürte ich Urlaubsgefühle. Es war warm, die Sonne strahlte noch, obwohl sie bald untergehen würde. Die Brise auf dem Motorrad kühlte angenehm. Rechts von uns verdeckte ein ungefähr 400 Meter hoher Hügel die Sicht in den Norden, der sich horizontal zur Küste in die Länge streckte. Er war von Bäumen und Büschen überzogen. Ab und zu sah man ein paar felsige Abschnitte, wo solche Vegetation keine Chance hatte.

Links von uns waren Grundstücke mit Zäunen abgegrenzt. Dahinter sah man das Wasser schimmern. Obwohl man "nur" die kenianischen 6 % des Gewässers überblicken konnte, kam mir der See wie ein Meer vor. Nun wurde mir langsam bewusst, welche enorme Größe der drittgrößte See und zweitgrößte Süßwassersee der Erde mit sich brachte - mit seiner Oberfläche könnte er ganz Bayern überdecken. Nach ca. 10 Minuten, gegen sechs abends, waren wir endgültig angekommen. Hier also ist David mit seinen Geschwistern groß geworden und hier hatte Linda ihr Projekt "Kencef" gestartet. Zuerst traf ich Beatrice, Davids Mama. Ich würde sie aber nie bei ihrem Namen nennen, denn in diesem Haus war sie für alle "Mama". In der kommenden Woche würde ich verstehen warum. Außerdem traf ich Collins und Betty, zwei Kinder, die hier zusammen mit Davids Mutter lebten. Leider machten mir Kopfschmerzen dann schnell bewusst, wie lang die Reise war und dass ich mich wohl wieder auf ein neues Klima einzustellen hatte. Also hieß es erst einmal etwas essen und dann schnell ins Bett. Beatrice führte mich in einen Extraraum im Haus, der von nun an mein Zimmer sein sollte.
Am nächsten Tag sah ich die Ausmaße des Grundstücks. Es zieht sich wie ein Streifen vertikal zur Straße ansteigend Richtung Hügel. Insgesamt sind drei fertige Häuser auf dem Grundstück sowie ein Fundament für ein angehendes Haus von David. Im (größten) Haupthaus, das rosa und weiß angestrichen ist, wohnt Davids Mama. Weiter unten ist David angesiedelt und nebenan wohnt sein Bruder George. Das Haus des dritten Bruders Gabriel steht auf dem benachbarten Grundstück, das auch der Familie gehört.

Am Mittwoch konnte ich es dann nicht mehr abwarten, ich wollte endlich im See baden gehen. Also machten David und ich einen Spaziergang entlang des Strandes. Schnell klebte tiefschwarzer Sand an unseren Füßen und Beinen. Der Strandabschnitt war sehr schmal, denn er wurde auf der Festlandseite von hochwachsenden Bananen- und Mangobäume begrenzt, die in eingezäunten Gärten wuchsen. David zeigte auf einen Baum, der halb im Wasser stand und erklärte, dass der Wasserstand des Sees geschwankt hatte. Manche Bäume sind abgestorben, weil sie überschwemmt wurden. Der spezifische Baum, auf den Davids Finger zeigte, beherbergte mehrere elegante weiße Vögel und deren Nester.

Ein paar Minuten später bogen wir in einen der Gärten ein, denn David wollte mir die Bananenbäume zeigen, die er mit Linda vor einigen Jahren gepflanzt hatte. Mittlerweile war dieser fast 4 Meter hoch gewachsen.
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Dann war es so weit, ich begab mich in den Victoriasee. Das Wasser war angenehm warm und die leichten Wellen versuchten mich zurück Richtung Strand zu schubsen. Ich drehte schwimmend ein paar Runden und genoss das erfrischende Süßwasser, das nicht wie im Meer in den Augen brannte. Beim Trocknen am Strand entdeckte David dann noch einen schönen physikalischen Effekt. Der magnetithaltige Sand wurde vom Permanentmagneten im Handylautsprecher angezogen.



Die ersten Tage auf der Insel verbrachte ich damit, mich ans Klima zu gewöhnen. Dafür saß ich oft draußen und arbeitete ein bisschen am Laptop. Die Aussicht sorgte dafür, dass mein Blick immer wieder vom Display abschweifte.
Aber wer könnte mir das schon zum Vorwurf machen...

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Leider trügt die Schönheit des Sees jedoch auch etwas. Die Lage des Sees ist aufgrund der starken Umweltbelastung durch uns Menschen in einem traurigen Zustand. Dieser Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung gibt einen kleinen Einblick in die aktuelle Lage. Seit Jahrzehnten werden industrielle Abwässer in den See geleitet.  Eine sichtbare Folge ist die "grüne Pest", die Wasserhyazinthe, die sich immer weiter auf dem See ausbreitet und den See zu ersticken droht. Das natürliche Ökosystem wurde durch das Einsetzen des Nilbarschs nachhaltig verändert und zerstört. Zahlreiche einheimische Fischarten wurden in der Folge ausgerottet, um den kommerziellen Fischfang voranzutreiben. Es gibt Organisationen und Aktionen, die versuchen, die Lage des Sees zu verbessern und doch bewirken diese Anstrengungen im Vergleich zu den jährlichen Zerstörungen zu wenig. Dabei ist die Lage prekär. Nicht nur die Menschen in den angrenzen Ländern Uganda, Tansania und Kenia sind vom See abhängig, der Victoriasee speist auch den Weißen Nil, Hauptfluss des Nils. Außerdem hat sich mittlerweile die Krankheit Billharose ausgebreitet, die über Würmer im Seewasser verbreitet wird. Nach Malaria fordert diese Krankheit die zweitmeisten Todesopfer. Je mehr ich mich belas, desto trauriger machte mich die Kurzsichtigkeit in unserem Umgang mit solchen natürlichen Schönheiten wie dem Victoriasee.

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Über die nächsten Tage gewöhnte ich mich an den Alltag der Familie, mit der ich nun lebte und natürlich an deren tierische BegleiterInnen. In der Nacht wurden wir vom tapferen Simba (Swahili für Löwe) beschützt und die Katze Fatoma (mittlerweile mit Nachwuchs) drehte ihre Runden, um die ansässigen Ratten und Mäuse zu vertreiben.

Gegen 5.00 Uhr morgens steht Beatrice auf und beginnt, das Haus zu putzen. Dann macht sie Frühstück für die Familie. Es gibt schwarzen Tee mit Milch gemischt, dazu Brot oder Mandasi. Den Rest des Tages kümmert sie sich um die restlichen Mahlzeiten und geht zum See, um Wäsche zu waschen und das Geschirr zu spülen. Über den Tag trifft sie sich außerdem mit Witwen und unterstützt sie emotional oder materiell, mit dem, was sie selbst gerade übrig hat. Wenn sie Zeit hat, besucht sie ihre Mutter, die schwerkrank im Krankenhaus liegt. Die Kosten für ihre Pflege sind hoch. Ihr Geld verdient sie sich mit ihren Hühnern, die sie züchtet und verkauft. Sie berichtete mir aber, dass sie aufgrund von einer Krankheit 140 ihrer Hühner mit einem Mal verloren hatte und deshalb gerade quasi bei null anfing. Zudem engagiert sie sich in der Kirche und ist Leiterin der lokalen Gemeinde. Die beiden Kinder, Collins und Betty, die mit uns leben, sind zwei Waisenkinder auf der Insel, die Beatrice bei sich aufgenommen hat. Es gibt kein Kinderheim auf der Insel, weshalb Waisenkinder auf solche herzensguten Menschen wie Beatrice angewiesen sind. Sie ist eben durch und durch eine Mama - eine beeindruckende Frau.


Ein weiterer Umstand, an den ich mich erst gewöhnen musste, war das fehlende fließende Wasser. Hier wird Regenwasser gesammelt und benutzt. Wenn nicht genug Regenwasser zur Verfügung steht, werden die Kapazitäten des Sees benutzt. So musste ich mich auch erst einmal ans Kochen ohne fließendes Wasser gewöhnen. Am Mittag und Abend kochten wir immer gemeinsam. Beatrice war, nach Rael und Miriam, nun meine dritte Lehrerin in der Kunst des Chapati-Backens. Auch Mungbohnen und Ugali standen auf dem Speiseplan.
In den folgenden Tagen tauchten dann bekannte Gesichter auf: Devant, Ophilos Bruder, der uns ein paar Wochen zuvor in Mukumu besucht hatte, kam um "Hallo" zu sagen. Wir waren von nun an Teil einer Nachbarschaft. Er lud mich ein zu einem Fußballturnier, das nächste Woche fast nebenan stattfinden würde und an dem er auch teilnehmen würde. Auch Lilian und Linda waren auf der Insel angekommen.
Am Donnerstag machten David, Devant und ich einen kleinen Ausflug, und zwar pünktlich um sechs, denn 18.20 Uhr würde die Sonne untergehen. Devants Stiefvater besitzt ein Motorrad, dass wir uns ausleihen konnten und dann ging es Richtung Westen entlang der Inselküste. Die Fahrt selbst konnte man leider nicht richtig genießen, ich verbrachte sie hinter Devant geduckt, mit geschlossenen Augen. Die "Lake Flies" (Seefliegen) versammelten sich gegen Abend in riesigen Schwärmen am See. Aber der Aufwand sollte sich lohnen...


Die restlichen Tage der Woche verbrachte ich mit arbeiten. Manchmal fuhr ich nachmittags mit Beatrice nach Sena einkaufen. Unter anderem war das Gas für den Herd aufgebraucht. Zum Waschen ging es täglich in den See und am Abend versammelte sich die ganze Familie zum Abendessen vorm Fernseher im Haupthaus. Das Leben hier ist in viele Punkten anders, aber das Familienleben unterscheidet sich eigentlich kaum von zu Hause.

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