Die Sache mit den Phrasen

Was Island mir beibrachte...


Für mich persönlich war die Zeit nach dem Abitur gar nicht so einfach. Auf einmal war alles so neu. Ein völlig neuer Lebensabschnitt hatte begonnen, die Gleise, auf denen ich vorher gefahren war, lösten sich auf und es lag ein Meer voller Möglichkeiten vor mir. Ich trieb eine Weile darin - ohne wirkliche Orientierung. Schließlich will ich mit meinem Leben auch wirklich etwas anfangen. Diese Zeit schien wie eine Stellschraube für meine gesamte Zukunft zu sein.
Für mich war es deshalb auch die einzig richtige Entscheidung, eine Pause nach dem Schulabschluss einzulegen. In Island betrachtete ich manchmal das Meer und es fühlte sich an, als würde die Zeit stillstehen. Mir zuerst einmal klarzumachen, was mir wirklich wichtig ist und was ich tatsächlich will, legte den Grundstein dafür, überhaupt über die Zukunft nachdenken zu können.
Und genug Zeit, um nachzudenken, hatte ich allemal. So schwebten während des Radfahrens so einige Gedanken durch meinen Kopf. Sie blieben manchmal länger und manchmal kürzer. Und seltsamerweise kamen mir ab und an Sprichwörter in den Sinn, die perfekt zu den erlebten Situationen passten. Manchmal musste ich sogar schmunzeln, weil sie so klischeehaft klangen. Es gibt ja so einige Redewendungen, Binsenweisheiten und Phrasen in unserem Wortschatz. Häufig werden sie schnell als platt abgetan, weil man sie zu oft gehört hat oder weil der Inhalt schon längst bekannt ist. Aber irgendwie merkte ich, dass in ihnen auch ein tieferer Sinn steckte, sobald ich diese Allgemeingültigkeiten für mich auslegte. Und je länger ich über diese scheinbar platten Aussagen nachdachte, desto häufiger konnte ich so manch tiefere Bedeutung in ihnen entdecken. Schon der Beginn der Reise lehrte mich so einiges.
Meine Gefühle in der ersten Wochen meines Abenteuers werde ich wohl nie vergessen. Alles begann so wunderbar und vielversprechend in Reykjavík. Und dann ging auf einmal alles schief. Erst riss die Kette, dann war der Reifen platt und kurze Zeit später brach die Hinterachse. Alles allein regeln zu müssen, niemanden zu haben, auf den man sich zur Not verlassen kann, Angst zu haben, es nicht zu schaffen - das alles nahm mich ganz schön mit. Island war für mich die erste längere Zeit, in der ich nicht zu Hause wohnte und die erste Reise völlig allein. Das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, ist zum einen wirklich beängstigend, aber wohl auch das Gefühl, das mich selbstständiger und unabhängiger werden ließ. Als ich dann kurz nach den Rückschlägen mit dem vollständig reparierten Fahrrad wieder im Bus auf dem Weg zu meinem geplanten Campingplatz saß, hätte ich mich eigentlich wunderbar fühlen müssen. Alles war gut gegangen. Aber ich fühlte eigentlich nur das ganze Gegenteil. Auf einmal begann ich an allem zu zweifeln und spielte sogar mit dem Gedanken, die Tour nur bis zur Farm fortzuführen und danach anderweitig weiterzureisen. Doch das wäre ein großer Fehler gewesen. Gerade weil die Pannen gleich zu Beginn passierten, hatten diese - wenn ich es im Nachhinein bewerte - einen wahnsinnigen Einfluss auf die ganze Reise. Schließlich plagte mich ab diesem Zeitpunkt jeden Tag die Befürchtung, es könne wieder etwas schiefgehen und diese Furcht wurde mit zunehmender Distanz zur Hauptstadt immer größer. Nur Reykjavík besitzt eine große Auswahl an Fahrradläden und nur hier kann man alle Arten von Pannen beheben. Doch "aller Anfang ist schwer" und es ist "noch kein Meister vom Himmel gefallen." In einer Gesellschaft, in der alles immer sofort und gleich erledigt werden muss, scheint keine Zeit mehr für eine Testphase zu sein, in der man sich einfach nur ausprobieren kann. Kaum einer macht sich mehr bewusst, dass nicht alles sofort funktionieren muss. Vielleicht fehlt uns heute auch immer mehr die Geduld, weil vieles so erfolgsfixiert geworden ist. Wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, dann ist es eben die Arbeit und Zeit nicht wert. Dieses Verhalten erinnert fast an die Sturheit eines kleinen Kindes, doch vor allem der Weg zum Erfolg kann doch bereichernd sein. Auch das Scheitern gehört eben dazu und gerade "aus Fehlern lernt man." So schnell würde ich nicht wieder eine ungeplante Abkürzung nehmen. Und im Nachhinein war das Erleben der Pannen, wohl das Ereignis, an dem ich in dieser Reise am meisten gewachsen bin. Als ich dann an der Farm ankam, war ich mir wieder sicher: Ich würde die ganze Ringstraße mit dem Fahrrad bereisen. Dinge, die einiges von uns abverlangen, die uns herausfordern und für die wir vielleicht auch leiden müssen, belohnen uns letztendlich am meisten. Denn zu wissen, dass man etwas geschafft hat, dass man dem Aufgeben widerstanden hat und auf sich selbst stolz sein kann, belohnt mehr als jegliches Materielle.
Später kommentierte jemand meine Pannengeschichte mit den Worten "Na da hast du alle defekten Einzelteile gleich zu Beginn ausgewechselt." Und diese leicht humorvolle Sicht auf die Dinge stellte sich für mich als bester Umgang mit solchen Vorfällen heraus. Vermutlich ist die Fähigkeit, trotz Verzweiflung die Dinge positiv zu sehen, eine Sache, die man lernen muss. Wahrscheinlich muss man erst erfahren, dass es "immer irgendwie weitergeht" - egal was passiert. Diese Sicherheit erringt man aber immer erst im Nachhinein. Denn man geht ja auch nicht seelenruhig in die allererste Klausur. Erst wenn man weiß, dass es alles schon irgendwie machbar ist, wird man mit der Zeit ruhiger. Aber für diese Erkenntnis ist immer erst die Erfahrung nötig, dass es da ein "Licht am Ende des Tunnels" gibt oder "auf Regen immer Sonnenschein folgt."
Genauso folgt auf einen Anstieg auch immer eine Abfahrt, die ich jedes Mal unglaublich genoss. Ging es beim Anstieg einmal kaum mehr voran, war mein Motto stets: "In kleinen Schritten kommt man zum Ziel." In Island war dieses Motto durchaus wörtlich gemeint, denn an so manchen Bergen kam man nur "Schritt für Schritt" voran. Es ging langsam vorwärts, aber es ging vorwärts - und das war wichtig. Wie oft hatte ich bei Hausarbeiten immer nur die Aufgaben gesehen, die noch bevorstanden und nie beachtet, was ich schon geschafft hatte. Die kleinen Fortschritte summieren sich zu einem großen Ergebnis und sollten doch genau deshalb nicht unterschätzt werden. Im weiteren Sinne ist dieses Sprichwort wohl auch darauf zu beziehen, dass manchmal die kleinen Dinge eine nicht zu unterschätzende Bedeutung besitzen und man den Blick öfter mal auf das Detail richten sollte. Mir fiel auf, dass mich häufig die kleinen, unberührten Schönheiten Islands mehr faszinierten als die großen Touristenattraktionen. Denn der winzige Stadtpark in Hafnarfjörður beeindruckte mich mehr als die großen Sehenswürdigkeiten des Golden Circle. Wieso sollte man auch nach immer Größerem streben? Schließlich bringt uns das in einer endlich großen Welt zu keiner Zufriedenheit. Die Schönheit jedoch im Detail und auch im Kleinen zu sehen, bringt uns wahrscheinlich schon eher voran. Viel zu selten erfreuen wir uns doch an "den kleinen Dingen des Lebens" . Wir sehen das, was nicht klappt, anstatt uns über all das zu freuen, was funktioniert.
Ich war wirklich dankbar für jeden Tag, den ich auf Island verbringen durfte. Zugegeben, manchmal lief es nicht so rund. Und musste ich mich durch die isländischen Bedingungen kämpfen, war ich gelegentlich wirklich frustriert. Doch allein zu reisen, hatte eine ungeahnte Wirkung auf mich, die man zu Hause nie hätte simulieren können. Sobald man von Menschen umgeben ist, die einen schon das ganze Leben lang begleiten und helfen, so verlässt man sich auf sie. Man muss sich dessen gar nicht wirklich bewusst sein. Es ist wie ein natürlicher Instinkt, ein tiefes Gefühl von Sicherheit. Doch ist man allein auf Reisen, hat man nur sich selbst. Und dann "macht Not erfinderisch". Plötzlich entwickelte ich Ideen und Pläne, auf die ich vielleicht gar nicht gekommen wäre, wenn mich jemand begleitet hätte...
Doch egal, wie selbstständig und unabhängig ich mich fühlte, letztendlich kann man nie in die Zukunft sehen. Mein perfektionistisches Ich würde das zu gern manchmal tun. Zu groß ist teilweise, die Befürchtung, zu scheitern. Aber wenn Island mir eine Sache wirklich beigebracht hat, dann ist es Vertrauen, in die Zukunft zu haben. Denn wie sagt man so schön? "Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende." Unglaublich oft saß ich während meiner Reise im Zelt, schmiedete meine Pläne und ich dachte mir: "Hoffentlich wird das alles gut gehen." Und es ging gut. Alles. Ich glaube bei allem, was ich in diesen 2 Monaten erlebt und gesehen habe, ging mir diese Tatsache am meisten nach. Letztendlich hatte alles funktioniert. Mir war alles auf eine unvergleichliche Art und Weise zugefallen.
Da waren so viele kleine Dinge, die hätten schiefgehen können. Der Fahrradkarton hätte zum Beispiel nicht mehr im Hostel sein müssen, die letzte Panne vor Reykjavík hätte gravierender sein können, das Trampen nach dem Konzert hätte beschwerlicher sein können und es gibt noch so viele andere Beispiele. Genauso gab es die großen Dinge, die alle reibungslos funktionierten: Der Flug verlief ohne Probleme, mein Gepäck war in Hamburg und Reykjavík mit keinerlei Verspätung wieder bei mir, das Fahrrad hielt den gesamten zweiten Teil der Tour durch. Und auch hier könnte die Aufzählung noch lange weitergehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, Island würde mich zwingen wollen, zuversichtlich zu sein und mir dafür jeden Tag einen perfekten Umstand vor die Füße legen. Und wieder eine kitschige Phrase: Ich habe jetzt das Gefühl, alles schaffen zu können. Und das hat nichts mit den 1600 Kilometern zu tun. Island brachte mir bei, sich nicht einzubilden, alles in der Hand haben zu können. Genauso sollte man danach gar nicht streben. Perfektionismus kann bis zu einem gewissen Grad gut sein, zerstört aber irgendwann die Wunder dieses Lebens. "Um Wunder zu erleben, musst du an sie glauben." Es gilt doch hier letztendlich - wie so oft - einen Mittelweg zu finden. Das Leben nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, aber es auch nicht einzuengen. Spontanität und Zuversicht sollten sich mit Verantwortung und Planung in Balance halten. Das ist es, was Island mir beibrachte.
Ich kann nur sagen, dass mir diese Reise - egal von welcher Perspektive betrachtet -  einfach nur gutgetan hat. Zum einen lernte ich, mich mehr auf mich selbst zu verlassen, zum anderen verstand ich mich selbst und meine Grenzen noch besser. Die unglaubliche Landschaft Islands auf dem Fahrrad erkunden zu können, war wahnsinnig spannend und beeindruckend. Ich lernte so viel über dieses Land und über seine Menschen, von deren Denkweise wir uns meiner Meinung nach so einiges abschauen könnten. Isländer stehen viel mehr in Kontakt mit der Natur. Fragt man einen Isländer nach dem schönsten Ort Islands, ist die Antwort stets: "Hier, wo ich wohne." Sie nutzen die Natur für sich, aber nutzen sie nicht aus. Sie sind stolz auf ihr Land und gleichzeitig zufrieden. "Wir haben es schön hier." bekommt man oft zu hören. Wen wundert es dann noch, dass Studien die Isländer als die zufriedensten Menschen in Europa bezeichnen? Die Isländer wirkten auf mich wie ein harmonisches, ausgeglichenes Inselvolk, das seiner eigenen Philosophie folgt. Eine Insel, auf der die Schafe frei herumlaufen und auf der jeder jedem hilft. Als ich nach Deutschland zurückkam, hielt ich die ersten Tage tatsächlich noch unterbewusst Ausschau nach den Vierbeinern, die auf die Straße laufen könnten. So sind die Entwicklungen in Island, die den Tourismus betreffen, umso bedauernswerter. Müll wird aus den Autofenstern geworfen, Schilder werden nicht beachtet, unberührte Natur wird zertrampelt. Reisende, die die unglaubliche Natur bewundern und erhalten wollen, sind mittlerweile zahlenmäßig den Touristen unterlegen, die sich nicht wirklich für die Landschaften, sondern mehr für das perfekte Selfie interessieren. Ich hoffe, Island findet auch hier irgendwie seinen eigenen Weg.
Nach meiner Ankunft in Deutschland brauchte ich tatsächlich ein paar Tage, um zu realisieren, dass ich wieder zurück war. Die vielen Eindrücke der letzten Tage in Island und die schnelle Rückreise waren Dinge, die ich eigentlich erst verarbeiten wollte. Aber auf eine Art und Weise war ich plötzlich wieder ganz schnell im Alltag angekommen. Die Vorbereitungen des Studiums standen bevor und ich nahm mir keine Zeit, den Übergang von einer zweimonatigen Reise zurück nach Hause wirklich zu verarbeiten. Erst jetzt mache ich mir wieder bewusst, was ich erlebt habe und was ich davon behalten will. Die Reise hat mich verändert und ich hoffe, die vielen Erkenntnisse für mich zu bewahren.
Ein Isländer erklärte mir übrigens, wie er Island sieht: Die Westfjorde seien das Gehirn und das Hochland das Herz der Insel. Gerne würde ich irgendwann in der Zukunft noch einmal zurückkehren, um auch diese beiden Teile der Insel zu entdecken.
Bis dahin... Bless bless, Ísland!

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