So richtig scheint mich die Angst, dass irgendetwas schiefgehen könnte, wohl noch nicht richtig losgelassen zu haben. Diese Nacht hatte ich einen Traum, in welchem die Achse meines Vorderrades brach. Das beschreibt wohl ziemlich genau, was mich unterbewusst so beschäftigt...
Da ich gestern früh ins Bett gegangen war, konnte ich heute auch besonders früh aufstehen und starten. 6:30 Uhr klingelte mein Wecker und eine Stunde später radelte ich, von Sonnenschein und Windstille begleitet, los. Die Schotterstraße entwickelte sich bald zu einer tatsächlich befahrbaren Strecke und nach einer Weile konnte ich die Tour wieder richtig genießen. Nach einer guten Stunde Fahrt bemerkte ich, dass mich die Umgebung mittlerweile an eine Wüste erinnerte. Weit und breit war nichts außer Sand und Steine und nur sehr selten begegnete ich anderen Reisenden. Doch bald tat sich neben mir wieder der breite Strom auf, den ich schon gestern überquert hatte. Wie ich jetzt weiß, heißt dieser Fluss übrigens Jökulsá á Fjöllum und ist der zweitlängste Fluss Islands.
Durch den Gegensatz der grünenden Gegend in der Nähe des Wassers und der steinigen Einöde rechts von mir fühlte ich mich tatsächlich, als wäre dies eine Wüstengegend, in der sich eine Oase erstreckte. Als ich 9:30 Uhr in den Dettifossvegur einbog, hörte ich schon ein Rauschen. Ich folgte dem Geräusch und erblickte dann den Parkplatz vor dem Wasserfall, auf dem sich schon 6 Autos befanden. Ich konnte es kaum abwarten, mein Fahrrad abzustellen, um die Wassermassen endlich zu Gesicht zu bekommen. Und ich wurde nicht enttäuscht. Nach einem zehnminütigen Spaziergang erblickte ich den riesigen Wasserfall. Im Gegensatz zum Goðafoss erschien das Wasser des Dettifoss grau, weil durch die starke Strömung eine Menge Schlamm aufgewühlt wurde. Wieder verbrachte ich ein paar Minuten damit, zu staunen. Die Kulisse war einfach wunderschön: Die Sonne bestrahlte die aufgewirbelten Wassertropfen und so erstreckte sich direkt neben dem Dettifoss ein Regenbogen über die Schlucht. Nach einer ausgiebigen Zwischenmahlzeit mit Blick auf diesen wundervollen Ort wanderte ich wieder zurück zu meinem Fahrrad.
Die letzten 27 Kilometer führten mich über ein paar Hügel und ich konnte schon bald die Ásbyrgi-Schlucht erkennen.
Der Legende nach hat hier das achtbeinige Pferd des Göttervaters Odin einen Hufabdruck hinterlassen. Und tatsächlich konnte man von Weitem die Form eines Hufeisens erahnen. Die geologische Erklärung ist übrigens, dass der Fluss Jökulsá á Fjöllum früher einmal dort geflossen ist, wo sich jetzt die Ásbyrgi-Schlucht befindet und sich dann weiter nach Osten verlagert hat. Vor vielen tausend Jahren waren also auch an der Hufeisen-Schlucht einmal Wasserfälle zu betrachten. Diese sollen dann sogar an die Niagarafälle herangereicht haben...
Am Campingplatz angekommen, legte ich mich erstmal in mein Zelt und machte mich über eine Wanderung schlau. Schließlich war es mein Ziel, diese 3,5 Kilometer lange und 100 Meter hohe Felsenschlucht genauer zu erkunden. Im Reiseführer las ich, dass eine Wanderroute vom Campingplatz bis zur Spitze des Keils des Fußabdrucks und wieder zurück existieren würde. Nach einer dreiviertel Stunde Fußmarsch war ich am Ziel angekommen. Von hier aus konnte man tatsächlich die Form der Schlucht ausmachen und hatte einen schönen Blick auf die Umgebung. Sogar das Meer war jetzt wieder in Sichtweite.
Den Abend verbrachte ich wieder entspannt im Zelt, weil ich morgen erneut früh aufstehen wollte. Ich hatte gemerkt, dass ich mehr Ruhe habe, wenn ich eher starte. Zum einen sind weniger Autos auf den Straßen unterwegs, zum anderen komme ich auch eher an und habe mehr Zeit, Dinge zu besichtigen. Die Sache mit dem frühen Vogel eben...
Meine morgige Tour würde mich wie geplant wieder zurück nach Grímsstaðir führen, nur möchte ich diesmal die Strecke auf der anderen Seite des Flusses entlangfahren. In Grímsstaðir muss ich noch einmal übernachten, da der Bus nach Egilsstaðir nur einmal täglich fährt. Übermorgen sollte ich dann also im Osten der Insel angekommen sein.