Das erste Wochenende
in Mukumu

Von einer scheinbaren Explosion, KFC, dem Kauf eines Kühlschranks und einem zrrr zrrr

30. September / 01. Oktober 2023

Samstag.

Wieder ein erstes Mal: Diese Nacht hat mich das erste Mal eine kenianische Mücke gebissen! Mein Fuß lag ein kleines Stückchen zu nah am Netz und das Biest ließ sich nicht lang bitten. Es hatte meinen großen Zeh erwischt. Mein paranoides, sich im Halbschlaf befindendes Ich rechnete direkt mit Malaria. Aber wenn die Mücke tatsächlich den Erreger getragen hätte, würde es noch 6 bis 10 Tage bis zum Ausbruch der Krankheit dauern. Als ich aufwachte, musste ich über mich selbst lachen. In der Nacht wirkt alles oft so viel dramatischer. 

Wieder schlief ich bis gegen 11. Ich brauchte immer noch deutlich mehr Schlaf als normalerweise. 
Nach dem Frühstück wollte mir David etwas zeigen. Er führte mich in das nahegelegene Waldstück und erklärte mir, dass er hier oft entspannte und ein Buch lese. Und er hatte recht, es war ein schönes Stückchen Wald. Wir setzten uns auf den Boden und unterhielten uns. Wir sprachen über Davids Familie, die auf einer Insel im Viktoriasee lebt (Insel Mfangano). Außerdem erfuhr ich, dass Ende November die Schule erst einmal vorbei ist und Ferien sind. Im Januar geht es erst wieder weiter. Den freien Monat möchte David mit mir auf der Mfangano Island verbringen.

Hier ein bisschen visuelle Unterstützung für die Kartenliebhaber unter uns:

Mobirise

Im Wald sprach ich dann die Sache mit der Miete an. Ich hatte David ziemlich zu Beginn der Organisation des Praktikums gefragt, wie viel Miete ich ihm zahlen soll. Am Telefon hatte er nur gelacht und gesagt: "Don't worry, sister" ("Mach dir mal keine Sorgen, Schwester."). Er erklärte mir das gleiche noch einmal im kleinen Waldstück. Sein Kind hat er nach Linda (Hintergrund siehe Kurz&Knackig) benannt. Jede Freundin von Linda sei auch seine Freundin. Auch Lilian hatte mir von der Willkommenskultur in Kenia erzählt. In erster Linie basiert diese auf Nächstenliebe. Aus Liebe zum Menschen, nimmt man diesen auf und hilft ihm, so gut und lange man kann. Und natürlich gibt es den festen Glauben, dass, wenn man gibt, man auch bekommt. Hier zeigt sich deutlich, der christliche Hintergrund der KenianerInnen. David und Lilian sind nicht die einzigen, die diese Willkommenskultur leben. 
Im Gespräch kamen wir auch darauf zu sprechen, dass David schon länger den Plan hatte, einen Kühlschrank zu kaufen. Er wollte das morgen erledigen. Dann könnten wir auch meine SIM-Karte besorgen. Für mich hörte sich das sehr gut an, weil ich den unbegrenzten Zugang zum Internet tatsächlich ganz schön vermisst hatte. Und das nicht, um Videos zu schauen, sondern um die grundlegendsten Dinge zu tun: Familie und FreundInnen zu schreiben und Dinge zu recherchieren. Bisher hatte ich entweder das WLAN an öffentlichen Orten (Flughafen, ...) genutzt oder Lilian um einen Hotspot gebeten. Doch der beste Anbieter (Safaricom) ist auch der teuerste, weshalb die meisten KenianerInnen günstige Datenpakete kaufen. Damit bekommen sie für eine Stunde Zugang zum Internet. Ich freute mich also darauf, bald eine eigene SIM-Karte zu haben.
Wir sprachen auch noch über das Klima in Kenia und David gab mir den Tipp, in den nächsten Tagen so viel Zeit wie möglich draußen zu verbringen. Im Haus zu sitzen würde nichts bringen, weil ich mich dann nicht an das neue Klima gewöhnen würde und mein Immunsystem auch nichts aussetzen würde.Das passte ziemlich gut, denn ich hatte nicht vor, im Haus zu sitzen. Nachdem wir eine Weile im Wald waren, bekam ich das erste Mal ein bisschen das Gefühl angekommen zu sein. 
Anschließend setzte wieder meine Müdigkeit ein und ich legte mich hin für einen Mittagsschlaf. Auch Linda und Lilian ruhten sich im Haus aus. Also schlief ich ganz gemütlich ein, um wenig später von einem ohrenbetäubenden Knall geweckt zu werden. Ich war hellwach. Mein Herz klopfte so sehr, dass ich es spüren konnte. Eine Explosion? Eine Bombe? Was war passiert? Ich lief zu Lilian und klopfte an der Tür. Sie öffnete. Auch sie war wach geworden. Im Gegensatz zu mir, schaute sie aber recht entspannt aus. "Yeah, that was just thunder." ("Das war nur Donner."). Wow! Ich hatte schon ordentliches Donnergrollen in Deutschland gehört und auch das kann klingen, als hätte es eine Explosion gegeben, aber sowas wie hier hatte ich noch nie erlebt. Insbesondere, weil es nicht regnete und auch kein Wind ging, ließ der Gedanke an Donner bei mir auf sich warten. Fünf Minuten später schüttete es wie aus Kübeln. 
Den Abend verbrachten wir dann ziemlich entspannt im Haus, aßen gemeinsam und gingen dann ins Bettchen.

Sonntag.

Als ich noch gemütlich schlummerte, war David schon zum Markt in Kakamega gefahren. Er kam zurück, als ich aufwachte - mit einem Haufen von Gemüse und Obst: Ananas, Mangos, Bananen, Avocados, Gurken, Kartoffeln und Karotten. David meinte, dass ich jetzt viele Vitamine bräuchte, um mein Immunsystem zu stärken - vor allem weil ich (übrigens genau wie er) kein Fleisch esse. 

Am frühen Nachmittag ging es dann, wie geplant Richtung Stadt. Neben dem Kühlschrank, wollte David auch einen Standmixer kaufen. "You can put all the fruits and zrrr zrrr" ("Da tust du alle Früchte rein und zrrr zrrr") sagte er. In der ländlichen Gegend ist es in Kenia nicht die Norm, einen Kühlschrank und/oder einen Standmixer zu besitzen, insbesondere weil es oft Stromausfälle gibt. Das Essen wird gekauft, zubereitet und gegessen und zwar auch genauso viel, wie auch gegessen wird. Wir machten uns also mit dem tuk-tuk auf den Weg nach Kakamega. Wir nahmen auch Baby Linda mit. 

Wir gingen in ein großes Einkaufszentrum. Zuerst schlenderten wir durch einen Supermarkt, der mit deutschen Verhältnissen zu vergleichen ist. Im Obergeschoss fanden wir dann einen passenden Kühlschrank und den Mixer. Die beiden Sachen wurden für uns dann ins Unterschoss getragen. Anschließend wurde ich Zeuge von David's Organisationstalent:
Nachdem wir den Kühlschrank und den Mixer gekauft und zum späteren Abholen im Supermarkt stehen lassen hatten, ging es weiter zum Schuhladen. Dort kaufte David Schuhe und auch diese ließen wir im Laden zurück. Dann aßen wir Mittag. Weiter ging's zur Bank. Dort hielt ich das erste Mal kenianische Schilling in meinen Händen. Dann kauften wir noch einen 10-Liter-Kanister Wasser für mich (Mir wurde empfohlen, lieber erstmal Wasser aus dem Supermarkt zu trinken und sich langsam an das Wasser aus der Leitung zu gewöhnen). Ein kurzer Spaziergang durch die Stadt brachte uns zum KFC. Dort kaufte David etwas für Lilian. Zurück im Einkaufszentrum luden wir mein Handykonto mit dem abgehobenen Geld auf. David dachte an alles. Aber wie wir jetzt uns drei, einen Kühlschrank, einen zrrr zrr, ein paar Lebensmittel, Schuhe und ein 10-Liter-Wasserkanister in einem Tuc-tuc nach Hause transportieren würden, war mir schleierhaft. Aber es funktionierte. David besorgte uns einen guten Tuc-Tuc-Fahrer und wir schafften alle Sachen heil nach Hause - wo ein Wille ist, das ist eben immer auch ein Weg. Das war ein Abenteuer das ich so schnell nicht vergessen werde. Linda war im Tuc-tuc natürlich wieder eingeschlafen. Doch solch ein Abenteuer machte auch sehr müde und morgen sollte es ja wieder früh in die Schule gehen... Also gute Nacht!

Jetzt folgen noch Bilder von Kakamega und ein kleines Resümee zur bisherigen Übergangserfahrung.


Kleines Resümee zur Übergangsphase

Nach den ersten sechs Tagen im neuen Klima, habe ich so langsam den Prozess durchschaut, in dem sich mein Körper an die neuen Bedingungen gewöhnt. Für mich sind viel Schlaf und viel Flüssigkeit die zwei goldenen Zutaten für einen guten Übergang. Ich fühlte mich in den letzten Tagen oft schlapp oder müde, einfach weil eines der beiden Dinge fehlte.
Zudem musste ich lernen, meinem Körper genug Zeit zu geben, sich umzustellen. Eigentlich sollte ich das schon von meinem Aufenthalt in England gelernt haben. Neuer Wohnort, neues Essen, neue Sprachen, viele neue Menschen und ein neuer Job. Oft bin ich zu ungeduldig und verlange ein bisschen zu viel von mir. Aber man kennt es wohl: Geduld ist eine Tugend. Die größte Umstellung ist wohl die Wohnsituation. Mein Zimmer hat keine Tür, sondern einen Vorhang, wodurch Baby Linda ständig Zugang hat. So ein richtiges Alleinsein gibt es nicht mehr. Manchmal gibt es kein Wasser, manchmal keinen Strom. Das macht erfinderisch und führt dazu, dass man die Gesellschaft lebt. Es wird gemeinsam gegessen und die Abende verbringen wir immer gemeinsam. 

Was mir gerade in den ersten Tagen ein wenig zu schaffen machte, war die Sorge, krank zu werden. Ich habe noch wenig Ahnung davon, was passieren würde, wenn ich ernsthaft krank werden würde. Schließlich kursieren in anderen Ländern eben andere Viren und Bakterien, auf die ich vielleicht anders reagiere als die BewohnerInnen des Landes. Vielleicht stellen sich diese Ängste auch als unbegründet heraus, aber die Sorge ist gerade ziemlich real. Aber wie ich schon im ersten Bericht beschrieben habe, sind alle Neuanfänge mit gemischten Gefühlen verbunden. Auch hier ist das wohl der Fall. Nicht alles ist schön und positiv. Klar spielen eben auch ein paar Ängste eine Rolle. An einem der ersten Abenden hatte ich sogar Zweifel, ob die Entscheidung, diese Reise anzutreten, die richtige war. Ein paar Tage später hat sich das schon wieder erledigt und ich bin absolut sicher, dass diese Entscheidung eine der besten meines Lebens ist. Aber so ist es eben - meine ganz persönliche kleine Achterbahnfahrt durch die Welt der Gefühle. Aber ich versuche mir Zeit zu geben. Mal sehen, was die nächste Woche bringen wird...

Free AI Website Creator