Schlimmer geht immer

Ich weiß zwar nicht, was genau mir auf dieser Reise noch passieren wird, aber langsam denke ich zu wissen, was das Wort Herausforderung wirklich bedeutet. Da fordert eine Situation, dass man wirklich alles aus sich herausholt - Alles. Und nichts anderes als eine Herausforderung war dieser Tag. Und doch gab es so einige Lichtblicke.

30. Juni 2019

Eigentlich starteten diese 24 Stunden sehr angenehm. Ich wachte im warmen Bett im Hostel auf, bereit die erste Etappe zu bewältigen. Ich packte meine Sachen zusammen, checkte aus und nun sollte die Abenteuerreise beginnen. Vorher peilte ich noch den nächsten Supermarkt an, den Google Maps mir anzeigte. Ich quälte mich also den Berg hoch, der mich zur versprochenen Essensquelle führen sollte. Und dann, dann stand ich vor einem geschlossenen Supermarkt, der offensichtlich pleite gegangen war. Nächster Fall von "Traue Google nicht blind!". Der nächste Supermarkt war aber zum Glück nicht so weit weg. In Reykjavík fand ich eigentlich an jeder Straße einen Radweg vor und so ging es recht schnell voran. Nachdem ich die Stadt verlassen hatte, sah alles ein bisschen anders aus. Ich traf die ersten Islandpferde und sollte mich ab jetzt hauptsächlich auf Landstraßen fortbewegen, die sehr befahren waren und sich als teils wirklich steil herausstellten. Aber anders hatte ich es auch nicht erwartet. Doch dann nach 1,5 Stunden Fahrt traf ich DIE Entscheidung, die alles verändern sollte - und zwar zum Negativen...
Kleiner Tipp für alle, die Island auch mit dem Fahrrad erkunden wollen: Nehmt nicht leichtfertig irgendwelche Abkürzungen. Doch genau das tat ich. Dieser kürzere Weg war zwar tatsächlich kürzer, aber deutlich beschwerlicher. Nachdem ich die ursprüngliche Route verlassen hatte, ging es erst einmal eine Weile bergab. Das war übrigens auch der Grund dafür, dass ich zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr umdrehen wollte. Ich hätte da wieder hoch gemusst. Vielleicht hätte ich bei diesem entspannten Gerolle aber auch schon misstrauisch werden müssen. Und dann lag er plötzlich vor mir: Der Móskarðshnjúkar. Ein Berg, den ich die vorherige Zeit links liegen gelassen hatte. Trotzdem hatte ich bis zu diesem Berg noch ein bisschen Weg vor mir. Und dann passierte es: Meine Kette hatte sich verhakt. Im ersten Moment rechnete ich mit nichts Schlimmeren, doch als ich genauer hinsah, entdeckte ich, dass sich einige Kettenglieder verbogen hatten. Ich richtete die Kette wieder und versuchte weiterzufahren - leider ohne Erfolg. Die Kette riss. Sofort rief ich Papa an, um ihm von meinem Unglück zu berichten. Viel konnte er, als erfahrener Radfahrer, zu einer gerissenen Kette verständlicherweise aber auch nicht mehr sagen. Es waren noch 19 Kilometer bis zu meiner Unterkunft und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht gerne aufgebe. Also beschloss ich den restlichen Weg zu schieben. Ehrlich gesagt sah der Berg auch nicht wirklich steil aus und ich nahm den Weg einfach in Angriff. Der Anfang stellte sich auch als recht unproblematisch heraus und ich hatte schnell eine gewisse Höhe erreicht. Doch nach ca. einer Stunde wurde der Weg so steinig und steil, dass ich nur noch sehr langsam vorankam. Doch ich wollte es weiterhin probieren und holte die letzten Kräfte aus mir heraus. Der Gedanke mitten im Nirgendwo wildcampen zu müssen schreckte mich aber weiterhin ab. Nach langem Zögern und mehreren Versuchen den steilen Anstieg irgendwie zu erklimmen, gab ich letztendlich auf. Jetzt waren noch Menschen hier, die wanderten und mir helfen konnten. Später vielleicht nicht mehr. Ich war am Ende meiner Kräfte. Die 23 Kilogramm Gepäck machten sich so langsam in Armen und Beinen bemerkbar. Also drehte ich um und steuerte den Parkplatz an, von dem aus die meisten Touristen ihre Wanderung begannen. Dort angekommen bat ich drei Isländerinnen um Hilfe, die mich zuvor schon beobachtet hatten. Sie erkannten meine missliche Lage sofort und boten an, mich zu einer Unterkunft zu bringen. Mein Fahrrad solle ich hier anschließen, darum könne ich mich später kümmern. Sie fuhren mich (und Hund im Kofferraum) zum nächsten Campingplatz, der sich in Mosfellsbær befand. Ich erfuhr, dass sie in Reykjavík wohnen und gerne zum Wandern zum Móskarðshnjúkar fuhren. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ich diesen Weg tatsächlich mit dem Fahrrad nehmen wollte. Normalerweise seien da nur Menschen mit Geländemotorrädern unterwegs. Aber ich hatte daraus gelernt und war diesen Frauen einfach nur unglaublich dankbar für ihre spontane Hilfsbereitschaft.
Am Campingplatz angekommen musste ich irgendwie dafür sorgen, mein Fahrrad wieder zu mir zu bekommen. In diesem Moment kamen zwei Holländer im Mietwagen angefahren. Auch sie reagierten äußerst mitfühlend, als ich meine Geschichte erzählte. "Los, wir räumen schnell das Auto aus und holen dein Fahrrad." Dass sie keinen Moment lang zögerten, hatte mich vollkommen fasziniert. Nachdem wir das Fahrrad geborgen hatten, verbrachten wir einen gemütlichen Abend zusammen. Sie erzählten mir, dass sie seit zwei Wochen zusammen die ganze Insel erkundeten und sich anfangs einen Mietwagen geliehen hatten. Die Geschichten, die sie zu berichten hatten, waren wirklich beeindruckend, aber ließen mich teilweise auch nachdenklich werden. Schließlich sagten die beiden, dass sie teilweise hunderte Kilometer keine Tankstelle finden konnten und beinahe keine Tankfüllung mehr gehabt hätten oder dass sie einmal 100 Kilometer weit fahren mussten, um etwas zu Essen kaufen zu können. Die Infrastruktur Islands sei wirklich nicht die beste - vor allem außerhalb der Hauptstadt.
Ich genoss das Miteinander mit den beiden. Wir stellten viele Gemeinsamkeiten fest - vor allem was unseren Musikgeschmack betraf. Irgendwie hatte ich gar nicht gemerkt, wie sehr ich Gesellschaft vermisste...
An diesem Abend schmiedeten wir außerdem Pläne für den nächsten Tag. Die beiden hatten geplant Reykjavík zu besichtigen und waren bereit, mich mitzunehmen, damit ich meine Kette reparieren lassen könne. 
Mein Fazit des Tages: Auch wenn es mal schlecht läuft, es läuft auch irgendwann wieder besser - nur nicht den Mut verlieren.
Ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich an einem solchen Katastrophen-Tag nur wenige Bilder gemacht habe. ;)


Nachtlager
Mosfellsbær, Campingplatz (nordöstlich von Reykjavík)

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