Der erste Schultag

Vom Gefühl, anders zu sein und einem beeindruckenden Schulgelände

29. September 2023

Heute war es also tatsächlich so weit. Obwohl ich mich immernoch in der Übergangsphase befinde und das wahrscheinlich auch noch eine Weile andauern wird, fühlte ich mich bereit, meinen Arbeitsplatz für die nächsten 6 Monate kennenzulernen.
Ich stand gegen 8.00 Uhr auf. David war zu diesem Zeitpunkt natürlich schon wieder 3 Stunden in der Schule. Gegen 10.00 Uhr kam er zurück zum Haus und holte mich ab. Dann gingen wir gemeinsam den kurzen Weg bis zur Schule. Er erklärte mir, dass er mich zuerst zu Schulleiterin bringen würde. Dann könnte ich mich vorstellen. Auf einmal war ich doch ein bisschen nervös – schließlich ist die Schulleiterin eine Nonne und unsere Weltbilder sind vermutlich sehr verschieden.
Meine Nervosität war unbegründet. Sister Jane Mmbone Amukoya war vollkommen entspannt. Sie hieß mich an der Schule willkommen und ich bedankte mich, für die Möglichkeit des Praktikums an dieser Schule. Sie fragte mich, was meine Wünsche und Absichten sind und wir unterhielten uns eine Weile über Deutschland und Kenia. Wir entschieden gemeinsam, dass ich erstmal im Fach Deutsch anfangen sollte. Die einzige Deutschlehrerin Frau Kwena wurde gerufen und brachte mich in den Deutschraum. Ihr Deutsch war beeindruckend. Deutschland hat sie schon 3-mal besucht. Das letzte Mal war sie im Winter dort und das hatte sie erstmal abgeschreckt, meinte sie. Viiiel zu kalt! Ich verstand erst wirklich, was sie meinte, als in der Schule der erste Regen fiel (ein warmer Sommerregen) und alle Lehrkräfte und Schülerinnen meinten, dass es jetzt total kalt sei, aber mir diese knapp 20° als ziemlich angenehm und sommerlich vorkamen. Natürlich muss ein deutscher Winter dann ein absoluter Schock sein. 

Aber hier erstmal ein paar Fakten, die ich zur Schule gelernt habe:

The Sacred Heart Girls' Mukumu High School

One heart, one mind, determined to excel.
(Ein Herz, ein Geist, entschlossen herauszustechen)

2000

Schülerinnen

90

Lehrer und Lehrerinnen

37

Klassen

11

Stunden pro Tag
(je 40 Min)

20000

Quadratmeter Schulgelände

7600

Meter Entfernung nach Kakamega (nächste Stadt)

1959

gegründet von den Ursulinen
(Ordensgemeinschaft)


Die Schule hier in Mukumu ist eine weiterführende Schule. Das bedeutet aber nicht das gleiche wie in Deutschland. Zu beachten ist nämlich, dass die Grundschule in Kenia bis zur 8. Klasse geht und danach die High School folgt. Ab dann wird von "Forms" gesprochen. Das ist quasi ein Äquivalent zu unseren Jahrgängen. Es gibt also Form 1 bis 4, die unseren Klassen 9 bis 12 entsprechen. Dann wird in die unterschiedlichen Klassen unterteilt. An der Schule hier in Mukumu sind die Jahrgänge jeweils 9- oder 10-zügig. So ergeben sich die 37 Klassen insgesamt. In jeder Klasse gibt es dann 50 bis 60 Schülerinnen, die übrigens auch tatsächlich alle in einem Raum unterrichtet werden.
Aber genug Organisationskram. Weiter ging es dann mit der Aufsicht einer Prüfung. Ca. 50 Schülerinnen schrieben ein Sprachentest (manche in Deutsch, manche in Französisch) und ich durfte beaufsichtigen. Neben diesen beiden Sprachen werden übrigens noch Englisch und Kiswahili unterrichtet. Nach 2 Stunden war dann Mittagszeit. Es gab Ugali, was man am besten als eine Art Brei beschreiben kann. Er wird aus Maismehl und Wasser gemacht. Das Ganze dauert keine 10 Minuten und ist anscheinend das Lieblingsessen der KeniaerInnen... Ich muss gestehen, dass ich die Begeisterung für Ugali (noch) nicht nachempfinden kann... Aber immer, wenn wir auf das Lieblingsessen zu sprechen kamen, wurde als Antwort zu 80% Ugali und zu 10% Chapati genannt. Chapati kann man ziemlich gut mit Eierkuchen vergleichen. Zum Ugali gab es eine Art Rührei mit Zwiebeln und Kohl und Fleisch. Ich verzichtete aufs Fleisch und nahm dafür Spinat. Ich glaube, um mich an das Essen zu gewöhnen, brauche ich noch eine Weile...

Chapati

Ugali


Anschließend durfte ich das erste Mal am Deutschunterricht teilnehmen. Frau Kwena hatte mir beim Mittagessen erklärt, dass die Deutschprüfungen bald anstünden und sie meine Unterstützung gut gebrauchen könnte, gerade was die mündlichen Fähigkeiten betrifft. Weil ich ja die "Neue" war, gab uns Frau Kwena die komplette Stunde Zeit, uns kennenzulernen. Ich durfte Fragen zu Kenia stellen und sie fragten mich Dinge zu Deutschland. Wir unterhielten und auf Englisch, schließlich ist das für die Schülerinnen leichter. 

- Wie funktioniert das Schulsystem in Deutschland?
- Welches Essen gibt es Deutschland?
- Ist Englisch in Deutschland auch eine Landessprache?
- Ist die Schule in Deutschland kostenlos?
- Welche Musik wird in Deutschland gehört?
- Muss man an deutschen Schulen auch Uniform tragen?
- Was passiert in Deutschland, wenn sich Schülerinnen nicht benehmen?
- Wie viel kostet ein Flug nach Deutschland?

Mir fällt leider nicht mehr alles ein, aber es gab Fragen über Fragen. Wir hatten viel Spaß zusammen und lachten viel über die kulturellen Unterschiede, weil sie einfach manchmal komisch sind. Erst die Schülerinnen machten mich darauf aufmerksam, dass ich die einzige Frau in der Schule sei, die Hosen trug. Das war mir bis dahin nicht aufgefallen. Schnell klärte Frau Kwena auf, dass der Dresscode für BesucherInnen nicht gelte.
Obwohl ich mich nicht so fühlte, merkte ich spätestens nach der Reaktion der Schülerinnen auf meine Antworten, dass meine Anwesenheit etwas besonderes für die Schülerinnen ist. Sie staunten über alles, was ich sagte und die deutsche Lebensweise.

Nachdem ich die Deutschschülerinnen schon kennengelernt hatte, waren diese so lieb, mir das Schulgelände zu zeigen. Die Aufregung war groß. Ein Muzungu ist in der Schule! Muzungu ist Swahili und bedeutet 'hellhäutige Person'. Alle Schülerinnen wollten mir die Hand geben und mich begrüßen. Es waren ständig Blicke auf mich gerichtet. Ich wusste nicht so richtig, was ich davon halten sollte. Ich freute mich einerseits, dass die Schülerinnen sich offensichtlich freuten, eine weiße Person zu sehen, andererseits war es auch alles vollkommen absurd. Ich dachte, dass sich so wahrscheinlich die Royals fühlen müssen. Aber eigentlich war ich doch gekommen, um von den Schülerinnen zu lernen.
Nach meiner "kleinen Rundtour" hatte ich ein Gefühl dafür bekommen, wie groß das Schulgelände eigentlich war. Neben den Klassenräumen und Laboren gibt es einen großzügigen Willkommenbereich am Eingang, Unterkünfte für die Schülerinnen (weil es sich ja um ein Internat handelt), Unterkünfte für einige LehrerInnen und die verschiedenen Fachbereiche mit den Fachräumen. Zudem gibt es eine große Halle, in der teilweise Unterricht mit über 100 Schülerinnen gleichzeitig abgehalten wird.
Nach einigen Deutschstunden mit Klasse 11 und 12 war es so langsam Abend geworden. David hatte mir Bescheid gegeben, dass ich ihn in der Halle treffen sollte. Dann würden wir gemeinsam den Rückweg antreten. Er unterrichtete gerade noch Geografie in der Halle. Es war halb 8 abends. Unterrichtet wurde mit einem Mikrofon und einem Beamer, der mit einem Laptop verbunden war. Schließlich wollten in der Halle über 200 Schülerinnen unterrichtet werden. David zeigte nacheinander verschiedene YouTube-Videos zu den Themen, die er über die Woche mit Klasse 9 behandelt hatte und kommentierte diese. Zwischendurch forderte er die Schülerinnen auf, seine Sätze in Sprechchören zu ergänzen. Es war eine lockere Atmosphäre. David brachte die Schülerinnen zum Lachen und oft durften die Schülerinnen bei der Wahl der Videos teilhaben. Ich war beeindruckt von der Disziplin der Mädchen und ihrem Durchhaltevermögen, das sie dazu brachte, von früh bis spät zu lernen. Nachdem der Unterricht vorbei war, bat mich David nach vorne, um mich vorzustellen. Ich stellte mich vor und danach fing David an zu lachen. Er erklärte mir, dass ich für die jüngeren Mädchen zu schnell gesprochen hatte. Sie hätten gerade mal meinen Namen verstanden. Sie sind kenianisches Englisch gewöhnt. Mein britischer Akzent war da sehr irritierend. Glücklich waren sie trotzdem alle und wollten mir nach dem Unterricht noch allesamt die Hand geben.
Nach dem Unterricht liefen David und ich gegen um 8 nach Hause. Die Mädchen begannen jetzt ihre Abendlernzeit. Gegen 22.30 Uhr gehen sie ins Bett - nach einem Tag voller Lernen. So läuft es die ganze Woche. Natürlich ist mir bewusst, dass die Einstellung der Mädchen nicht von ungefähr kommt. Der Druck ist hoch.
David und ich gingen nach Hause. Für ihn war es ein noch längerer Tag als für mich. Er erklärte mir, dass er abends auch unterrichten muss, sonst würde er den Lehrplan nicht abdecken können. Dann würden die Schülerinnen schlechter in den Prüfungen werden und die Schule würde schlechter dastehen. Auch für ihn scheint der Druck sehr hoch zu sein.
Dieser Tag voller neuer Eindrücke hatte bei mir Spuren hinterlassen: Ich war hundemüde. Am Haus angekommen, gab es noch Abendbrot (Chapati mit Erbsen) und dann ging es ab ins Bett.
Gute Nacht!

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