Eine andere Welt

Heute hieß es früh aufstehen, weil ich den frühesten Bus aus Húsavík nehmen wollte. Die Strecke bis zu meinem heutigen Tagesziel war nicht sonderlich weit, aber die Temperaturen in Island erreichten heute ihren Höhepunkt. 24°C und pralle Sonne sorgten für eine schweißreiche Etappe. Doch dafür war das erreichte Ziel umso schöner.

29. Juli 2019

Nach einer recht kurzen Nacht wurde ich heute Morgen 5.00 Uhr vom Handywecker aus dem Schlaf geholt. Innerhalb einer halben Stunde hatte ich das Zelt und meine restlichen Sachen zusammengepackt. Die verbleibende Zeit nutzte ich für eine morgendliche Dusche und ging danach entspannt zur Bushaltestelle. Pünktlich 06.31 Uhr fuhr der Bus dann los und brachte mich sicher zurück nach Laugar. Dort hingen die dunklen Wolken bedrohlich tief am Himmel und als ich aus dem Bus ausstieg, begannen große Tropfen auf die Straße zu fallen. Ich beeilte mich, zum Campingplatz zu kommen und sortierte dort mein Gepäck, sodass die ursprüngliche Ordnung wieder vorhanden war. Nachdem mein Packesel startbereit war, genehmigte ich mir noch einen Kaffee und entspannte eine Weile im Aufenthaltsraum. Gegen 8.00 Uhr startete ich dann die neue Etappe und diese begann - wer hätte es gedacht - mit einem Berg. Doch zum Glück ist jeder Berg in Island unterschiedlich und dieser überraschte mich in der Hälfte mit der Existenz eines kleinen Sees namens Másvatn. Die Sonne schien und ich machte eine kleine Pause an diesem schönen Örtchen.
Die Fliegen, die mich schon vorgestern ab und zu beehrten, hatten es offenbar heute wirklich auf mich abgesehen. Ich versuchte mit Mückenspray die Plage einzudämmen, aber die kleinen Biester ließen sich nicht abschrecken. Lediglich bei einer Geschwindigkeit von über 20 km/h suchten die Insekten das Weite, aber dieses Tempo in Island erreichen geschweige denn halten zu können ist eher selten. Irgendwann ließ ich einfach locker. Wenigstens hatten sie nicht die Absicht zu stechen.
Nachdem der Berg hinter mir lag, konnte ich mein Ziel schon erkennen: Mývatn (deutsch: Mückensee... welch Ironie). Das Ufer dieses Sees ist so zerfurcht, dass man von Weitem vermuten könnte, es wäre nicht ein einziger See, sondern mehrere kleine Teiche. Trotz der flachen Lage des Gewässers erhoben sich in der Umgebung einige hohe Berge. Ich fuhr eine Weile direkt am See entlang. Zeitweise verwandelte die Straße sich in einen Schotterweg und ich musste vorsichtiger und langsamer fahren. Die letzten fünf Kilometer blies mir der Wind ins Gesicht. Doch letztendlich erreichte ich endlich den lang ersehnten Campingplatz. Die Sonne und das gute Wetter ließen mich das erste Mal ein wirkliches Urlaubsgefühl entwickeln. Für ein solches Gefühl war ich die erste Woche zu nervös gewesen. Die Arbeit auf der Farm war nie zu anstrengend. Trotzdem würde ich diese Zeit dort nicht als Urlaub bezeichnen. Aber jetzt, jetzt hatte ich irgendwie Ruhe und die Gewissheit, dass ich Zeit habe. Da war kein Stress, kein Druck mehr. Nur Sonne, ein See und mein Zelt.
Ich beschloss, zu Hause anzurufen, um dieses Gefühl mit jemandem zu teilen. Mama ging sofort ran und hatte ein offenes Ohr für mich. Ein bisschen Heimweh hat wohl noch niemandem geschadet. Nach dem Telefonat beschloss ich, das Zelt aufzubauen, um meine Sachen darin zu verstauen. Denn ich wollte ja noch die Gegend erkunden. Ich machte mich also im Anschluss bereit für eine Besichtigungstour. Die nette Frau an der Rezeption hatte mir bei meiner Ankunft eine Karte des Sees gegeben, auf der die Sehenswürdigkeiten um das Gewässer verzeichnet waren. Die Dinge, die ich unbedingt sehen wollte, steuerte ich gleich als Erstes an. Zu Beginn zog es mich zu der Höhle Grjótagjá, die eine besonders beliebte Anlaufstelle ist, aber leicht abseits der Ringstraße liegt. Hier treffen die Kontinentalplatten Europas und Amerikas aufeinander und die Verwerfungszone ist an der Oberfläche sichtbar. Die Aktivität der Platten wird deutlich, wenn man weiß, dass das Wasser in der Höhle vor ein paar Jahren noch angenehm zum Baden war. Heute ist das Wasser aufgrund der geothermalen Aktivität so heiß, dass an Baden nicht mehr zu denken ist.
Wieder zurück auf der Hauptstraße kam ich wenig später am blauen See vorbei. Die helle blaue Farbe strahlte schon von Weitem und ich bestaunte eine Weile diese Attraktion. Währenddessen traf ich zwei junge Frauen aus Bremen, die sich gerade auf den Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit machten. Ich fragte, ob sie mich netterweise mitnehmen könnten, da der Weg über einen Berg führte. Sie stimmten sofort zu und ich ließ mein Fahrrad am See stehen. Sie setzten mich direkt vor dem Hochtemperaturgebiet Hverarönd ab und ich schaute staunend auf die Landschaft, die vor mir lag. Genau so stellte ich mir einen anderen Planeten vor. Überall zischte es und es traten weiße Dampfsäulen aus den Erdspalten hervor. Rot-, Gelb- und Brauntöne waren vorherrschend im Gebiet, welches direkt am Fuß des Berges Namafjall liegt. In heißen Schlammtöpfen blubberte eine graubraune kochend heiße Masse vor sich hin. Ich kam mir vor wie in einer anderen Welt. Immer wieder stieg mir der extreme Schwefelgeruch in die Nase. Da diese Bergoberfläche keinerlei Schatten bot, entschloss ich mich nach einer halben Stunde den Rückweg anzutreten. Ich hielt den Daumen raus und 3 Franzosen nahmen mich wieder mit zum See. So langsam war mein Energiespeicher an seinem Ende angelangt und ich kehrte zum Campingplatz zurück. Danach kaufte ich ein paar Lebensmittel ein und entschied dabei, mir im Küchenareal des Campingplatzes ein paar Nudeln zu kochen. Nach meiner Rückkehr vom Supermarkt duschte ich zuallererst und wusch ein paar Sachen. Der Sonnenschein und die leichte Brise waren perfekte Bedingungen, um Wäsche zu trocknen.
Ich war davon ausgegangen, dass die Küche auch mit Töpfen ausgestattet sei. War sie aber nicht. Aber auch dieses Problem war schnell gelöst, da ein paar freundliche Mitcamper mir ihren Kochtopf liehen. Ich genoss also mein Abendessen und legte mich dann bald schlafen. Ich glaube, ich habe mir einen Sonnenbrand geholt...

Höhle Grjótagjá
Blauer See
Geothermalgebiet Hverarönd

Nachtlager
HLÍÐ FERÐAÞJÓNUSTA, Campingplatz Mývatn

AI Website Generator