Prayer Day und Zeit für Geschichten

Von einem emotionalen Wochenende, in dem ich das erste Mal an einem kenianischen Gottesdienst teilnahm und alles einen rosa Anstrich hatte.

28. und 29. Oktober 2023

Samstag.
Ich habe mich lange nicht mehr so sehr in meine Abiturzeit zurückgesetzt gefühlt wie am heutigen Tag. "Prayer Day" (Gebetstag) ist eine Art Abschlussveranstaltung der Schulzeit in der weiterführenden Schule. Anders als in Deutschland findet die Veranstaltung aber vor den Prüfungen statt, da der Zweck der Veranstaltung das Beten für die Prüflinge und gute Ergebnisse ist. Das Motto für den Tag (und das komplette Abschlussprogramm): "Wie Phönix aus der Asche" hat einen gewissen Hintergrund. Die Schule in Mukumu hat im Jahr 2023 einige Schwierigkeiten erleben müssen. Unter anderem ist ein Feuer in einem der Gebäude ausgebrochen und viele Schülerinnen haben all ihre Schulsachen verloren. Deshalb entschieden sich die Schülerinnen für dieses Motto. Außerdem wird für jede Abschlussklasse ein Notendurchschnitt festgelegt, der angestrebt wird. Hier in Kenia wird das britische Notensystem genutzt, dass von der Bestnote A bis zum schlechtesten Note E reicht. Diese Noten entsprechen den Punkten von 12 bis 1. In diesem Jahr soll der gesamte Jahrgang einen Durchschnitt von B+ (9.6 oder mehr) erreichen.
So ergibt sich der Motivations-Cheer der Abschlussklasse, der auch in der Kirche während des Gottesdienstes präsentiert wurde: "Who are we? - We are the Phoenix! We rise from the ashes to excellence! 9.6 is achievable without apology." ("Wer sind wir? - Wir sind Phönix! Wir steigen aus der Asche auf zu Spitzenleistungen! 9.6 ist ohne Kompromiss erreichbar!"). Dieser Cheer ist auch weiter unten im Video zu sehen.

Der heutige Tag war vollgepackt mit Programmpunkten. Neben dem anfänglichen Gottesdienst sollten Reden gehalten werden, Kerzen angezündet und ein Kuchen angeschnitten werden. Im Anschluss sollte es Präsentationen der Klassen in der Halle der Schule geben. Als ich am Morgen im Lehrkräftezimmer ankam, war schon Hochbetrieb. In der Mitte des Raumes stand ein großer Korb mit rosa Schleifen, die sich alle Lehrkräfte ansteckten. Das Farbthema des heutigen Tages konnte nicht übersehen werden. Außerdem gab es wie jeden Morgen Frühstück: Tee und Mandazi (super lecker). Mandazi ist frittierter Teig und ist wohl am besten mit Kräppelchen vergleichbar.
Die restliche Zeit bis zum Gottesdienst konnte aber natürlich auch für zahlreiche Bilder genutzt werden...



Für den ersten Programmpunkt versammelten sich aber alle Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen in der nahegelegenen Kirche für den Gottesdienst. Das kurze Video soll einen Einblick geben. Mir fiel auf: Deutsche Gottesdienste sind viel zu steif!


Nach dem Gottesdienst, sehr vielen Bilder, Interviews (durch die lokalen Medien) und der Verabschiedung von den Eltern machten sich alle wieder auf dem Weg zur Schule. Aber bevor die Schülerinnen wieder in die Schule durften, wurden sie durchsucht. Es dürfen z.B. nicht übermäßig viele Früchte und Süßigkeiten mit in die Schule gebracht werden. Glückwunschkarten und Dekoration sind aber erlaubt.
Auf dem Schulgelände machten wir noch ein paar Bilder. Mit Rael war ich des Öfteren ins Gespräch über die Hühner hier in der Gegend gekommen. Ich fand es immer noch sehr witzig (und auch schön), dass die Hühner hier einfach überall frei herumliefen. Wir sprachen außerdem darüber, wie schwer oder leicht es ist, ein Huhn zu fangen... So entstand das obige Bild. Anschließend war es Zeit für das Mittagessen. Lehrkräfte und Schülerinnen aßen getrennt voneinander. Am Essen wurde nicht gespart und alles schmeckte herrlich: Kohl, Chapati, Ugali, Kohl, Eier und Huhn.


Der nächste Programmpunkt fand in der Halle in der Schule statt. Das Programm dort umfasste die Abschlussrede der Schülerinnensprecherin sowie Reden der Schulleiterin, der Klassenleiterinnen und einiger Vorstandsmitglieder. Weiterhin fanden das Anschneiden der Kuchen (Für jede Klasse gab es einen Kuchen) und die Präsentationen der einzelnen Klassen (Gesang, Tanz, ...) statt. Alles in allem war es ein gelungenes Programm mit vielen schönen Beiträgen. Und was passierte nach dem Programm? Man kann es erahnen... mehr Bilder!


Zum Bild rechts unten gibt es übrigens noch eine Geschichte, die ich bisher noch nicht erwähnt habe. Dafür muss man sich an den Sporttag mit Form 4 erinnern. Als wir mit den Bussen vom Ausflug zurückfuhren, durften die Mädchen im Supermarkt noch einkaufen gehen. Natürlich dürften die Mädchen aber nichts mitnehmen, was in der Schule verboten ist (wie z.B. Kuchen oder jegliche andere gebackene Speisen). Dies hat den Grund, dass zuvor schon Fälle aufgetreten waren, bei denen Schülerinnen gebackene Speisen so lange aufgehoben hatten, bis sie schlecht geworden sind und dann wurde die Schule beschuldigt. Am Tag des Ausflugs hatte ich meinen Rucksack mitgenommen und Barbara (das Mädchen auf dem Bild unten rechts neben mir) hatte angeboten ihn für mich zu tragen. Das war an sich erst einmal nichts Ungewöhnliches (dachte ich zumindest). Auch als wir vom Supermarkt zurückkamen, hatte sie noch immer meinen Rucksack auf. Kurz bevor wir auf das Schulgelände einbogen und aus dem Bus ausstiegen, beichtete mir Barbara, dass sich in meinem Rucksack zwei Kuchen befanden und sie bat mich, diese für sie in die Schule zu schmuggeln. Wow. Das war keine einfache Situation. Wo ziehe ich meine Grenze in der Loyalität zu den Schülerinnen? Letztendlich entschied ich mich aber streng zu sein, schließlich hat die Regel einen Grund. Ich erklärte ihr meinen Standpunkt und bat sie die Kuchen aus meinem Rucksack zu entfernen. Eine andere Lehrerin sah die Kuchen und konfiszierte diese. Anschließend wusste ich nicht, wie ich mich fühlen sollte. War ich zu streng gewesen? Mein Hauptargument im Moment im Bus war jedoch, dass ich noch nicht lange an der Schule war und dementsprechend noch nicht wusste, inwiefern die Regeln auch dehnbar sind. Anschließend sprach ich mit Barbara und ich erklärte ihr meine Gründe und dass ich nicht sehr erfreut war, dass sie mich in diese Situation gebracht hatte. Sie verstand das, entschuldigte sich und von diesem Moment musste sie mit dem neuen Spitznamen "Smuggle Girl" (Schmuggel-Mädchen) leben. Im Nachhinein konnten wir noch oft über die Situation lachen und zum Prayer Day entschieden wir, dass wir unbedingt ein gemeinsames Bild brauchten.


Sonntag.
Am Sonntag begab ich mich am Vormittag wieder in die Schule, um mit den Deutschschülerinnen zu arbeiten. Am Nachmittag kehrte ich zum Haus zurück, um dort David zu finden, der sich gerade mit drei Nachbarskindern vor dem Haus unterhielt. Als ich hinzukam, erzählte mir David, dass die Kinder super GeschichtenerzählerInnen seien und sie mir eine Geschichte erzählen wollen. Als sie mich sahen, waren sie aber zu schüchtern, also fragte mich David, ob ich eine Geschichte erzählen könnte. Weil mir nichts Besseres einfiel, erzählte ich das Märchen vom gestiefelten Kater. Anschließend erzählte David mehrere Geschichten. Die Geschichten drehten sich um einen Hasen und eine Hyäne und sind mit unseren Fabeln zu vergleichen. Nur fanden diese Fabeln eben in Afrika statt. Eine ähnliche Geschichte (in englischer Sprache) ist hier zu finden. Von diesen Geschichten gibt es endlos viele Varianten und sie werden hier in Kenia oft erzählt und auch gelehrt. Irgendwann fing es dann an zu regnen und wir zogen ins Haus um. Dort unterhielt uns David dann mit einigen Rätseln und Trickfragen. Und um noch einmal auf das Thema Hühner zurückzukommen: Das mutigste Huhn ist auch eine regelmäßige Besucherin im Haus. Anscheinend wollten sie auch miträtseln...

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