Nach dem Abitur habe ich so manche Sommertage durchgängig in der Hängematte unter dem Kirschbaum verbracht. Im Zug mitten in Hamburg musste ich genau an diesen Moment denken. Den größten Teil der Strecke hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon hinter mich gebracht.
Aber vielleicht sollte ich von vorn beginnen...
Heute Morgen wachte ich mit einer Mischung aus wahnsinniger Vorfreude und Aufregung aber auch einem Hauch von Bedenken, dass nicht alles klappen könnte, auf. Aber zum Glück ist ja bekanntlich auf die Mama immer Verlass und so frühstückten wir entspannt gemeinsam, bereiteten das Lunchpaket für die Reise bis Hamburg vor und fuhren letztendlich zusammen zum Bahnhof Meißen. Da sollte die Reise nun endlich starten.
Pünktlich 09.49 Uhr stieg ich mit einem Teil meines Gepäcks in den Zug. Ehrlich gesagt beherrschten mich zu diesem Zeitpunkt noch die vielen Bedenken, die mir durch den Kopf schwirrten.
Was, wenn die Bahn meinen großen Fahrradkarton nicht mitnehmen will? Was mache ich, wenn mein Gepäck nun doch zu schwer für den Flug ist? Habe ich auch wirklich nur Dinge eingepackt, die im Flugzeug erlaubt sind? So richtig loslassen und alles auf mich zukommen lassen - das konnte ich schon bei der Abiturprüfung nicht.
In Dresden angekommen wartete mein Papa mit meinem Fahrrad, das in einen Karton (mit angeschraubten Rollen am Boden) verpackt war und dem restlichen Gepäck auf mich. Wir hoben das Fahrrad in den Zug und dann war ich auf einmal allein auf großer Reise.
Wenn alles gut gehen würde, sollte ich kurz nach 15.00 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof angekommen sein. Danach würde ich dann in die S-Bahn 1 einsteigen und mit dieser 16.00 Uhr den Flughafen erreichen. Dort müsste ich dann nur noch das Terminal 1 finden und dann würde alles gut werden.
Die erste Entspannung trat ein als die nette Zugbegleiterin (M. Müller -> eine wirklich nette Frau!) vollkommen verständnisvoll auf meinen 90x130x25 cm großen Karton reagierte. Gemeinsam überlegten wir dann, wo wir das Fahrrad am besten unterbringen könnten und sie unterbreitete mir sogar den Vorschlag, das Fahrrad im Reserveabteil einzuschließen. Mein Fahrrad genoss also den Luxus, 6 Plätze allein besetzen zu dürfen, während ich mit 5 weiteren Personen und Gepäck im 6er-Abteil saß. Aber mein Fahrrad und ich sind ein Team, also hab ich meinen Neid unterdrückt. Die Reise nach Hamburg verlief problemlos, das Aussteigen war auch keine Schwierigkeit. Das Bewegen mit 3 Taschen und einem Fahrradkarton auf Rädern hingegen gestaltete sich dann schon schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich sag es mal so: Es ist möglich, aber es muss jetzt nicht jeden Tag sein.
Aber wie ich schon anfangs sagte: Ich war nicht einsam. Ich habe den Satz: "Kann ich dir irgendwie helfen?" wohl noch nie so oft an einem Tag gehört. Damit war das Problem des kaputten Aufzugs am Gleis in Hamburg auch kein Problem mehr. Ich bekam sofort Hilfe und pünktlich 16.00 Uhr erreichte ich den Flughafen.
Dieser war vollgestopft mit Menschen (man bedenke: Beginn der Sommerferien). Trotzdem bahnte ich mir meinen Weg zur Information und bekam dort schnell Hilfe. Das Vorhaben war jetzt klar:
1. Fahrrad einchecken und zum Sperrgepäck bringen.
2. Reisegepäck einchecken
3. Kontrolle des Boardingpasses/Sicherheitskontrolle
4. Boarding
5. Am Gate warten
Klingt einfach, ist es aber nicht. Es gab wohl organisatorische Probleme bei einem Flug nach Paris und deshalb stand ich am Eurowingsschalter hinter 20 aufgeregten Franzosen, die lautstark ihre Meinung zum Besten gaben... Die Bedenken wurden dadurch nicht besser. Aber was hatte ich doch in der S-Bahn für ein Zitat des Tages von Theodor Fontane gelesen?
"Die Tränen lassen nichts gewinnen; wer schaffen will, muss fröhlich sein."
Ganz nach dem Motto verzagte ich also nicht und stand 2 Stunden in der Schlange. Dann wurde mein Fahrrad eingecheckt und ich musste es nur noch zum Sperrgepäckschalter bringen. Bei meinem restlichen Gepäck sah es schwieriger aus. Ich hatte mich nur auf die Gewichtsgrenze (23 Kilogramm) konzentriert und leider ignoriert, dass man nur ein Gepäckstück haben darf. Ich hatte aber drei Taschen. Eine Tasche als Handgepäck macht also eine Tasche Übergepäck - nicht mit mir! Ich machte mich auf die Suche nach einer großen Tüte, um zwei Gepäckstücke zu einem zu machen. Und siehe da, ein recht junger Mann in einem kleinen Kofferladen, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Unerfahrenen zu helfen. Er sagte mir, was ich noch aus meinem Handgepäck entfernen sollte (z.B. die Heringe des Zeltes) und packte mir ein "kleines Paket", wie er es nannte. Meine folierten Fahrradtaschen, die übrigens auch als Sperrgepäck galten, weil die Maschine sie so nicht mehr erkennen würden, verfrachtete ich also auch noch ans andere Ende des Flughafens zum Sperrgepäckschalter. Dann war der Fluch des Schleppens auch erst einmal gebrochen. Jetzt kam nur noch die Sicherheitskontrolle. Das ging trotz des Werkzeuges im Gepäck ohne Probleme und schwupps, war ich am Gate. Ganz in Ruhe rief ich meinen Bruder Alex an und wir lösten noch ein Problem mit dieser Website hier (Ich glaube wir telefonierten gefühlte 2 Stunden). Und dann war es auch schon so weit. Mit ein wenig Verspätung, aber überglücklich stieg ich in das Flugzeug ein. Ein bisschen Flugangst werde ich wohl immer haben, aber ich hatte mir meinen ersten Flug allein problematischer vorgestellt. Vielleicht entspannte mich auch meine Nachbarin, die permanent schlief und das Ganze wohl schon einige Male gemacht hatte. Nach einigen Turbulenzen über Island landeten wir in Keflavík. Mein erster Eindruck?
- Herrliche Temperaturen! Eine wunderbare Erfrischung zu dem heißen Wetter in Deutschland und den hohen Temperaturen im Flieger.
- Es war 01.15 Uhr nach isländischer Zeit... Wo ist die nächtliche Dunkelheit abgeblieben?! Ich hatte vorher überall gelesen, dass es nicht dunkel wird, aber es selbst zu erleben, war dann doch noch einmal etwas anderes.
Mein Gepäck hatte ich mittlerweile schon wieder bei mir. Meinen gebuchten Bus zum Hostel hatte ich verpasst, aber ich hatte zum Glück ein flexibles Ticket gebucht. Der letzte Bus des Busunternehmens, bei welchem ich gebucht hatte, war schon weg. Also ging ich zum Schalter und die freundliche Frau stellte mir ein kostenloses Ticket für ein anderes Busunternehmen aus. Dort wurde mein Fahrrad aufgenommen. Als letzte, die in diesen Bus reinpasste, entspannte ich auf meinem Sitzplatz. Alle anderen nach mir wurden abgewiesen... Glück gehabt!
Die Fahrt bis zum Hostel lief auch problemlos und dann war ich endlich da. Hlemmur Square war tatsächlich erreicht. Ich weiß noch genau, wie ich das Hostel mit Marie zusammen in Leipzig ausgesucht hatte. Und jetzt stand ich direkt davor - mit Fahrrad und mit all meinem Gepäck. Erleichterung trat ein.
Ich checkte ein, mein Fahrrad wurde im Fahrradkeller untergebracht und dann wollte ich nur noch ins Bett.
Was soll ich sagen? Ich habe wohl noch nie einen so ereignisreichen Tag erlebt. Gefühlt hatte sich mein Adrenalinspiegel den ganzen Tag am Maximum befunden. Aber dafür schätzt man jede Sache, die gut verläuft, umso mehr.
Mein kleines Resümee zum Tag:
Allein reisen bedeutet,
aufmerksamer reisen. Ich habe viel mehr beobachtet, viel mehr meine Umwelt verfolgt.
Aber allein zu reisen bedeutet auch,
verantwortungsvoller reisen. Man kann eben nicht mal so auf Toilette, sonst müsste man das ganze Gepäck mitnehmen und das ist nicht so einfach.
Allein reisen bedeutet aber
keineswegs, allein gelassen reisen. Die vielen Menschen, die mir ihre Hilfe angeboten haben, wissen vermutlich gar nicht wie dankbar ich ihnen in diesem Moment war.
Letztendlich bin ich unglaublich froh, gut und sicher sowie mit all meinem Gepäck in Reykjavik angekommen zu sein. Welche Zufriedenheit einem doch ein warmes weiches Bett verleihen kann...