Was will man mehr?

Nach einem entspannten Stadtbummel, der einen Besuch im bekanntesten Flohmarkt Reykjavíks enthielt, entschied ich mich spontan dazu, auch den Abend in der Innenstadt zu verbringen. Und so erlebte ich einen grandiosen letzten Abend, den man wahrlich nicht hätte besser planen können.

24. August 2019

Schon kurz nach meiner Ankunft auf dem Campingplatz war der Plan in meinem Kopf entstanden, mir einen Tag Zeit für mich zu nehmen. An diesem Tag würde ich mir nichts vornehmen, schön lange ausschlafen, heiß duschen und den Tag für mein Wohlbefinden nutzen. Schließlich hatte ich meinen Körper die letzten Wochen ziemlich beansprucht.
Und den heutigen Tag wollte ich genau dafür nutzen. Letztendlich hatte ich ja Reykjavík schon vor einigen Wochen besichtigt und nachdem ich nun den Goldenen Kreis sowie Reykjanes gesehen hatte, waren die Besichtigungen erledigt.
Also schlief ich heute so richtig aus. Gestern war es nach meinem Spaziergang auch recht spät geworden und so passte das ganz gut. Im Anschluss duschte ich lange und machte es mir danach bei einem guten Frühstück im Essensraum gemütlich. Nun könnte der Tag beginnen und ich begab mich gegen um elf in die Innenstadt Reykjaviks, um meiner Shoppinglust nachzugehen. Zugegeben, Reykjavík ist ein ziemlich teures Pflaster und deshalb nicht unbedingt als Shoppingparadies zu bezeichnen. Aber "gewusst wo" ist hier das Motto. Der berühmte Flohmarkt Kolaportið zum Beispiel bietet Waren auch zu günstigeren Preisen an und hier findet man von Souvenirs über Wollpullover bis hin zu Schallplatten und alten Straßenschildern eigentlich alles. Die liebevolle Gestaltung der Tische und die freundliche, sympathische Art, mit der die Isländer an die Gäste des Flohmarktes herantreten, ist herrlich. Meistens heißt Shopping für mich übrigens nicht unbedingt gleich kaufen. Anschauen oder anprobieren kann auch Freude bereiten und so durchforstete ich noch so einige Läden in der Hauptstadt. Dann ging es weiter auf die Shoppingstraße der Stadt: der Laguavegur. Hier ist alles zu Hause, was Souvenir heißt: Islandmagnete- und anstecker, Seife aus Vulkangestein, Schlüsselanhänger mit Islandflagge, Marmelade aus isländischen Beeren, Papageitaucherkuscheltiere, Trollfiguren, Ketten mit Wikingerrunen - hier gab es alles, was das Touriherz begehrt und das in tausendfacher Ausführung. Ich schlenderte also die Einkaufsmeile entlang und kam irgendwann zu der großen Kreuzung, von der aus man die Harpa-Konzerthalle betrachten konnte. Und hier traf ich auf eine riesige Menge an Menschen. Alle standen um eine von Geländern eingezäunte Rennstrecke, die dort einen Bogen machte und jubelten laut. Ich kam näher und sah, dass es sich wohl um einen Marathon handeln musste. Die Läufer besaßen allesamt Startnummern und von jung bis alt war fast jedes Alter vertreten. Eine der Läuferinnen, die schon den Zieleinlauf hinter sich hatte, erklärte mir, dass dies ein großer jährlich stattfindender Marathon für einen guten Zweck sei. Jeder könne teilnehmen und es gäbe Strecken bis zu 10 Kilometer. Viele der Teilnehmer nutzten aber die Spaßläufe, die 600 Meter lang sind. Der Enthusiasmus, mit dem die Menschen am Rand der Strecke den Läufern zujubelten und sie antrieben, war ansteckend. Ich beobachtete den Trubel noch eine Weile, bis ich mir in einem Supermarkt mein Mittagessen besorgte und gleichzeitig meinen letzten Einkauf hier tätigte. Anschließend vernahm ich laute Musik vom Zentrum der Stadt und erreichte den berühmten großen Wiesenhügel in der Nähe des Hafens. Dort war eine große Bühne aufgebaut worden und ein gerade testete eine Musikgruppe den Ton. Ich recherchierte im Internet, was der Grund für die vielen Programmpunkte war. Schon am Morgen war mir aufgefallen, dass überall in der Stadt Stände aufgebaut waren und an jeder Ecke Musik lief, aber bis dahin führte ich das auf den Charakter einer Hauptstadt zurück. Erst nach einem Blick auf die Internetseite Reykjavíks erfuhr ich, dass hier ein großes Festival über das Wochenende stattfand. Nachdem der Soundcheck der Band zu Ende gegangen war, las ich im Programm, dass ein Karaokefest in meiner Nähe stattfinden würde. Also machte ich mich auf den Weg dorthin. In einem kleinen Park hatte sich eine große Gruppe von Menschen um eine Art Kinderspielplatz versammelt, der von einem bunten Zaun kreisförmig umgeben war. Nun war dieser Spielplatz zur Bühne umfunktioniert worden. Zwei junge Frauen moderierten die Show. Vermutlich hatten sich die Sänger schon vorher angemeldet, denn sie wurden nacheinander mit ihrem Namen aus dem Publikum aufgerufen und zeigten dann ihre Performance. Ich bewunderte das Selbstbewusstsein der Sänger und Sängerinnen. Die jüngste Künstlerin war gerade einmal 10 Jahre alt gewesen. Vollkommen in den Bann dieses Events gezogen, fand ich mich nach nur 10 Minuten selbst jubelnd und rufend wieder. Die zwei Stunden, die ich auf dieser Wiese verbrachte, kamen mir vor wie zehn Minuten. Die Verschiedenheiten der Künstler und derer Stimmen sorgte für die perfekte Abwechslung und auch die Moderatoren sangen ab und zu ein paar Lieder. Mein persönlicher Höhepunkt war der Auftritt einer jungen Frau, die "At Last" von Etta James mit ihrer hinreißenden Stimme wunderbar interpretierte. Ich war vollkommen begeistert. Dann kündigten die beiden Frauen an, das die Show in den nächsten Minuten zu Ende gehen würde. Zum Abschlus stimmte sie ein isländisches Lied an, das offensichtlich jeder auf der Wiese kannte. Es war ein Liebeslied und wie ich später erfuhr, ein Lied, mit dem Island vor einigen Jahren beim ESC angetreten war. Wieder einmal kam mir die Gänsehaut, als jeder auf der Wiese in den Refrain des Stückes einstimmte. Hier eine kleine Hörprobe:


Nachdem dieses wunderbare Erlebnis vorbei war, erblickte ich auf dem Programm, dass in etwa 30 Minuten verschiedene Musikgruppen auf der Hauptbühne spielen würden. Ich beschloss also, erst einmal meine Sachen zum Campingplatz zu bringen, um dann ohne Gepäck in die Innenstadt zurückzukehren. Später suchte ich mir einen guten Platz auf der Wiese und lauschte der Livemusik. Einige Bands gefielen mir wirklich gut. Nach etwa 1.5 Stunden zog es mich noch einmal auf die Einkaufsmeile, weil dort so unglaublich viele Menschen entlangströmten. Da es mein letzter Abend war, gönnte ich mir zum Abendbrot Pommes Frites. Um diese zu genießen, kehrte ich noch einmal auf die Konzertwiese zurück. Dort hatten mittlerweile zwei neue Künstler die Bühne betreten. Als sie zu spielen begannen, musste ich sofort schmunzeln. Das war doch tatsächlich die Musik, die Anna im Kuhstall gespielt hatte und zu der Vagn so herrlich getanzt hatte. Stjörnin heißt die Band und die Fröhlichkeit der Lieder ist tatsächlich sehr ansteckend. Und zudem waren auch alle Isländer um mich herum durchweg gut gelaunt und schunkelten vor sich hin. Ich tat es ihnen gleich, auch um mich warmzuhalten. Dann stimmten sie ihr letztes Musikstück an - Es schien das berühmteste ihrer Lieder gewesen zu sein, denn alle sangen mit. Im Anschluss begann die Sängerin einen Countdown herunterzuzählen und das Publikum zählte mit. Ich schaute nach rechts und dort waren die Zahlen auf die Wand der großen Harpa-Konzerthalle porjeziert. Als dort die Null zu sehen war, begann der perfekte Abschluss meines Abends: ein Feuerwerk. Ich stand da und staunte. Besser hätte man es nicht planen können. Heute Mittag wollte ich eigentlich nur zu einem Stadtbummel nach Reykjavík und nun stand ich umringt von Isländern auf einer Wiese und betrachtete die explodierenden Feuerwerkskörper im dunklen Nachthimmel. Nach knapp 10 Minuten entfalteten sich die finalen und größten Lichterformen über den Häusern der Stadt und ein begeisterter Applaus folgte. Was für ein Abend! Was für ein Abschluss! Was will man mehr?
Nun machten sich die meisten Festivalbesucher auf den Heimweg und auch ich suchte mein Fahrrad auf und fuhr zurück zum Zeltplatz. Ich fiel förmlich auf die Isomatte und schlief gleich ein.


Nachtlager
Tjaldsvæði í Laugardal, Campingplatz Reykjavík

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