Eine Halbinsel zum Staunen

Auf einer 250km-Rundfahrt, die wir mit Vagn und Guðrún unternahmen, besichtigten wir die Halbinsel Tröllaskagi. Besonders die unmittelbare Nähe des Meeres zu den 1000-Meter-Bergen, die die ganze Insel überziehen, faszinierte mich. Außerdem besuchten wir Siglufjörður, das Zentrum der Heringsfischerei und einst fünftgrößte Stadt Islands.

24. Juli 2019

"Morgen beginnt das Melken pünktlich um acht!" hieß es gestern und 7.50 Uhr saßen wir Wwoofer heute Morgen zusammen beim Frühstück. Ich hatte diese Nacht tief und fest geschlafen und deshalb nichts vom nächtlichen Spektakel mitbekommen. Aber Helgi, Jóna und ihr Freund hatten das Erdbeben, dass gegen 1.00 Uhr nachts etwa 20 Kilometer entfernt von Siglufjörður stattgefunden hatte, gespürt. Nach Internetrecherchen fanden wir heraus, dass es 4,3 Magnituden aufwies und damit laut Richterskala unter die leichten Erdbeben (4. von 10 Stufen) zählte. Aber auch wenn es kein wirklich starkes Erdbeben war, wurde mir wieder bewusst, was die Natur für Kräfte entwickeln kann. Schließlich geschah das Erdbeben mehr als 100 Kilometer von uns entfernt und war hier auf der Farm noch spürbar. Später fragte ich Guðrún, ob sie schon einmal ein stärkeres Erdbeben erlebt hatte und sie berichtete von einer Nacht in Sauðárkrókur. Sie konnte sich noch genau erinnern, wo das Erdbeben herkam, weil erst ihr Kopf und dann ihr restlicher Körper von den Erschütterungen erfasst wurde. Dies war auch ein Erdbeben von mehr als 4 Magnituden, nur war Guðrún, anders als wir, fast direkt am Entstehungsort.
Nach getaner Arbeit im Kuhstall bereiteten wir noch ein paar Sandwiches für die bevorstehende Reise vor, die uns unter anderem näher zum Ort des nächtlichen Erdbebens führen sollte. Wir würden vermutlich erst am Abend zurückkehren. Am frühen Nachmittag hatten wir dann alle (Vagn und Guðrún, Meta, Pierre und ich) im Auto Platz genommen und waren bereit für diese einmalige Spritztour, die uns zu so einigen besonderen Orten führen sollte.
Zuerst fuhren wir die bekannte Strecke nach Hofsós Hier war die Straßenqulität noch gut. Doch Guðrún kündigte an, dass sich der Zustand der Straße bald verschlechtern würde. Und ungefähr 60 Minuten von Hofsós entfernt, war das der Fall. Grund dafür ist, dass die Straße immer weiter absinkt und deshalb das ganze Jahr über Verbesserungsarbeiten an dieser Küstenstrecke verrichtet werden müssen. Eine kurze Weile später durchquerten wir dann den ersten Tunnel. Dieser ist nur 800 Meter lang. Die Wände des Tunnels waren nicht begradigt und aufgrund dieser Naturbelassenheit dieses unterirdischen Ganges hatte man das Gefühl, man würde durch eine Höhle fahren. Laut meiner Fahrrad-Karte aus Reykjavik ist es erlaubt, diesen Tunnel mit dem Fahrrad zu durchqueren, aber meiner Meinung nach, sollte es verboten sein. Zu diesem Zeitpunkt war ich wirklich froh, meinen ursprünglichen Plan, hier entlangzufahren, verworfen zu haben.
Nach der Durchquerung des Tunnels erreichten wir ziemlich schnell Siglufjörður, was das Hauptziel unserer Reise war. Zuerst fuhren wir zur Kirche, die sich im Zentrum der Stadt befand. Vom höhergelegenen Friedhof aus, hatte man einen schönen Blick über das kleine Dorf und gleichzeitig konnte man die Lawinenschutzvorrichtungen sehen, die auf den Bergen angebracht waren. Die Menschen, die in den Häusern direkt am Fuß des Berges wohnen, müssen in den Wintern regelmäßig ihre Wohnstätten verlassen und im Krankenhaus oder bei Freunden Unterkunft finden. Zu groß ist die Gefahr, eine Lawine könne das Haus bedecken.
Im Anschluss besuchten wir das mehrfach ausgezeichnete Heringsmuseum im Hafen von Siglufjörður. Hier erfuhren wir alle Details über den großen Einfluss der Heringsfischerei auf Island und deren Technisierung um die Jahrhundertwende 1900. Ohne den Hering hätte Island womöglich nicht so schnell die Unabhängigkeit von Dänemark erreicht. Siglufjörður war dabei die Hauptstadt der Heringe und jahrelang machten die Fischexporte dieses Ortes 20% der Gesamtexporte aus. Die Stimmung damals ist wohl am besten mit der der Goldenen Zwanziger in Deutschland zu vergleichen. Das Museum bestand aus 5 Häusern, das jeweils verschiedene Ausschnitte des Lebens und Arbeitens in Siglufjörður zeigten. Wir lernten einiges über die Verarbeitung der Heringe und erhielten einen Einblick in die Wohnverhältnisse der Arbeiter um 1940. Die Wohnräume in der Róaldsbrakki sind noch mit allen Einrichtungsgegenständen, Klamotten sowie Haushaltswaren der damaligen Zeit ausgestattet. Durch die vielen kleinen Details, wie den Magazinen von 1940, die auf dem Nachttisch lagen oder dem alten Radio auf dem Küchentisch, fühlt man sich tatsächlich in der Zeit zurückversetzt. Ein paar Eindrücke aus dem Museum sind unter diesem Text zu finden. Nach dieser Zeitreise beschlossen wir, unseren Roadtrip fortzusetzen und durchfuhren noch weitere Tunnel Richtung Ólafsfjörður. Zwischen zwei der Unterführungen erstreckt sich der Héðinsfjörður, wo sich heute ein kleiner Rastplatz befindet, auf dem wir eine kurze Weile Halt machten und unsere mitgebrachten Speisen verköstigten. Eine Informationstafel beschreibt eine Tragödie, die hier 1947 stattfand. Am 29. Mai flog damals ein Flugzeug mit 25 Passagieren aufgrund schlechter Wetterverhältnisse zu tief über den Fjord und kollidierte mit einem der Berge, die das Tal begrenzen. Alle 25 Menschen starben. Am Unfallort befindet sich heute ein Denkmal und am Rastplatz die Informationstafel, die die Umstände des Flugzeugabsturzes beschreibt. Da Guðrún ursprünglich aus Ólafsfjörður stammt, kennt sie sich hier ziemlich gut aus und erzählte uns im Tunnel von einer wahren Geschichte einer tapferen Frau namens Guðrún Þórarinsdóttir, die du weiter unten lesen kannst.
Guðrún zeigte uns auch das Dorf, in dem sie aufgewachsen war und erzählte uns davon, wie sie das Stück, was wir fuhren, früher laufen musste, weil auf dem Weg zu viel Schnee lag. Generell hatte sich vieles verändert - vor allem die Straßenqualität. Nachdem wir auch den letzten Tunnel durchquert hatten, erreichten wir bald den Fischerort Dalvík. Dort erblickten wir eine ungewöhnlich hohe Bank, die an den größten Isländer erinnern soll: Jóhann Kristinn Pétursson. Er war stolze 2,34 Meter groß. Vagn und Guðrún spendierten uns hier noch Eiscreme, die in Island übrigens überall köstlich ist. Besonders empfehlen, kann ich Vanilleeis mit Karamellsoße - Ein Traum!
Den restlichen Weg legten wir ohne Zwischenstopp zurück, aber Vagn und Guðrún zeigten und erzählten uns noch einige wissenswerte Dinge. Beispielweise sahen wir das Bier-Spa, welches sie auch schon besucht hatten oder den ältesten Kuhstall Nordislands. Außerdem bekamen wir einen Eindruck, wo die 200 Schafe der Familie sich jetzt aufhielten. Vagn zeigte uns die riesigen Täler und Berge, wo seine Schafe grasen. Für mich ist es jetzt noch unvorstellbarer, wie sie diese Schafe im Winter alle wieder einfangen. Dies sei wohl ein Prozess von 5 Tagen und etwa 70 Helfer wären daran beteiligt. Aber wenn dieses Spektakel stattfindet, werde ich mich schon wieder in der Heimat befinden.
Zu Hause angekommen waren wir glücklich und begeistert von all den Eindrücken des heutigen Tages. Noch während des Melkens unterhielten wir uns über die beeindruckende Landschaft der Halbinsel.
Wie schon angesprochen hat sich meine Tourplanung durch diesen Ausflug noch einmal verändert. Da Vagn mich sogar noch nach Akureyri bringen möchte, habe ich beschlossen, erst am Freitag (26.07.) gegen Mittag die Farm zu verlassen. So werde ich mir dann am Freitag die Hauptstadt des Nordens anschauen und am Samstag den zweiten Teil der Fahrradtour starten. Ich bin jetzt schon ziemlich wehmütig, wenn ich an den Abschied denke. Letztendlich sagt man das wohl immer, aber die Zeit hier verging wirklich unglaublich schnell. Ich werde das Farmleben und die Menschen hier ziemlich vermissen...

Heringsmuseum Siglufjörður 

Die Geschichte von Guðrún Þórarinsdóttir


In den Jahren von 1854-1859 lebte Guðrún Þórarinsdóttir mit ihrem Mann Einar Ásgrímsson auf der Farm Hvanndalir. Anfang des Frühlings im Jahre 1859 musste Einar auf See fahren, um Haie zu jagen und Guðrún blieb zu Hause, um sich um die Farm zu kümmern und ihre drei kleinen Töchter Guðlaug (1 Jahr alt) und Ástríður (7 Jahre alt) sowie Hólmfríður (9 Jahre alt) zu versorgen. Es gab genügend Nahrung auf der Farm, aber bald war das Feuerholz fast aufgebraucht. Guðrún war schwanger, also war es für sie schwierig Feuerholz herbeizuschaffen. Eines Tages war das Feuer im Ofen schon ausgegangen und sie wusste, dass sie zur Farm Vík im Héðinsfjörður gehen musste, um Feuer und mehr Feuerholz zu holen. Sie wartete für zwei Tage, bis sich der Wind in die südliche Richtung gedreht hatte. Eines Nachts entschied Guðrún, es sei nun die beste Zeit, um die Reise zu beginnen. Sie weckte Hólmfríður auf und beauftragte sie damit, auf Ástríður aufzupassen. Außerdem entschied sie, Guðlaug mit sich zu nehmen. Weil sie schwanger war, wollte sie nicht den Weg über die Berge nehmen, sondern an der Küste entlangwandern, was normalerweise niemand zu dieser Jahreszeit tat. Sie formte mit ihrem äußeren Rock eine Art Tasche, in der sie das Kind transportierte, nahm einen Wanderstock und machte sich auf den Weg. Die Wanderung war sehr schwierig, weil sie schwanger war und gleichzeitig ein einjähriges Kind zu tragen hatte. Zweimal wurden die beiden fast vom Meer erfasst, aber Guðrún lief weiter - gewillt ihr Ziel zu erreichen. Letztendlich erreichte sie die Farm frierend und besorgt, wegen ihrer Kinder, die sie zurücklassen musste. Die Farmbesitzer von Vík nahmen sie mit offenen Armen auf, trockneten ihre Kleider und gaben ihr etwas zu essen. Der Bauer Björn brachte sie sowie Feuer und Feuerholz mit seinem Boot sicher nach Hvanndalir zurück. Guðrún ließ ihr Kind Guðlaug auf der Farm Vík, bis zum Sommer als die Familie nach Ámà zog.


Unterkunft
Farm Minni-Akrar 561, Varmahlíð

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