1 Tag, 5 Stops und das beste Eis aller Zeiten

Gestern hatte ich noch ganz spät abends eine Golden-Circle-Bustour gebucht. Diesmal bei einem anderen Anbieter namens "Tröll Expeditions". Auf dieser Tour begleitete uns Wesley und er zeigte uns drei der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Islands. So wirklich schaffte ich es nicht, die enormen Menschenmassen auszublenden, aber trotzdem war dieser Tag ein fantastisches Erlebnis.

23. August 2019

Den heutigen Tag hatte ich ganz der berühmtesten Tagestour in Island verschrieben: dem "Golden Circle" (Goldener Kreis). Deshalb stand ich wieder morgens an der Bushaltestelle und erwartete den Tourbus. Gegen halb 10 erreichte dieser meinen Standort. Anders als gestern, war ich heute die letzte, die den Bus betrat und es war auch nur noch ein Platz frei. Der Bus war bis zum Rand gefüllt.
Und dann ging es Richtung Ringstraße. Unser Tourführer, Wesley, stellte sich kurz vor und erklärte, was wir heute vorhätten. Währenddessen fuhren wir an einem kleinen Wald vorbei und hier wurde uns erklärt, warum es eigentlich so wenig Bäume auf Island gibt. Als die norwegischen Wikinger im 9. Jahrhundert das Land besiedelten, war mindestens 40 % Islands mit Vegetation bedeckt - die Hälfte davon war Wald. Doch die Siedler nutzen eine enorme Menge an Holz für das Heizen ihrer Wohnstätten und das Bauen von Häusern sowie Schiffen. Zudem sorgten die vielen weidenden Schafe für Schäden, die Island in der kurzen Vegetationsperiode nicht wieder aufholen konnte. Heute sind nur noch 1 bis 2 % des Landes mit Wald bedeckt. Die meisten Bäume sind aber ungewöhnlich niedrig. "Wenn du dich in einem isländischen Wald verlaufen solltest, stell dich einfach hin." heißt es in einem bekannten Spruch.
Unseren ersten Haltepunkt erreichten wir gegen halb elf. Nun hatten wir etwa 40 Minuten Zeit, den bekannten Krater Kerið zu umrunden und von allen Seiten zu betrachten.  Der Krater selbst ist 55 Meter tief, das ihn umgebende Oval hat die Maße 270 mal 170 Meter. Die Form erinnerte mich an ein Amphitheater. Die Tiefe des Teiches, der sich in der Mitte des Kraters befindet, schwankt zwischen 7 und 14 Metern. Kerið diente auch schon als Veranstaltungsort eines Konzerts, als in der Mitte des Gewässers vor ein paar Jahren für einige Stunden eine Bühne eingelassen wurde. Die Akustik soll wunderbar gewesen sein. Eigentlich wird der Vulkankrater nicht offiziell zum Goldenen Kreis gezählt, doch trotzdem integrieren viele Tourveranstalter diese sehenswerte Gegend in die "Golden-Circle-Tour". 
Danach fuhren wir weiter zum Geothermalgebiet Haukadalur, welches die beiden berühmtesten Geysire Islands enthält. Einer der beiden, der Große Geysir (Stórigeysir), ist der Namensgeber für alle anderen Springquellen. Der Begriff "Geysir" wurde vom isländischen Wort "gjósa" abgeleitet, was "hervorsprudeln" bedeutet. Doch der Große Geysir schleuderte seine Wassersäulen nur sehr unregelmäßig in die Luft. Manchmal brach der Stórigeysir alle 30 Minuten aus, manchmal war aber auch wochenlang Ruhe. So verlässlich wie sein Nachbar Strokkur war er nie. Anfangs versuchte man den Geysir zum Ausbrechen zu zwingen, indem man den Wasserspiegel herabsenke und große Mengen Schmierseife in den Schlot warf. Doch zum Glück wurden diese Vorgehensweisen 1992 vom isländischen Naturschutzrat verboten.
So ist der Strokkur-Geysir wohl der beliebtere der beiden, da er zuverlässig mindestens aller 10 bis 12 Minuten Fontänen entstehen lässt. Doch auch die Umgebung der Geysire ist faszinierend. Überall dampft es und im rot schimmernden Boden taucht hier und da ein milchig blauer Teich auf. Ich spazierte eine Weile im Gebiet herum und fand mich dann für den Rest der Zeit vor dem Strokkur ein, um ein paar Bilder und Videos aufzunehmen. Im Anschluss hatte ich sogar noch Zeit, die Kamera auszuschalten und die Ausbrüche einfach so zu betrachten. Immer war es der gleiche Ablauf: Die Menschen standen im Kreis um den Strokkur und hielten ihre Handys und Kameras der sprudelnden Quelle entgegen. Gab es eine Wasserfontäne, reagierte die Menge mit einem erstaunten "Oooh" und dann liefen einige weiter und der Rest wartete auf den nächsten Ausbruch. Ein bisschen wie an einem Fließband, dachte ich. Gerne hätte ich mehr Zeit gehabt, um das Gebiet zu erkunden. Die anderen Tourgäste, die sich ihr Essen nicht mitgebrachten hatten, konnten in dieser Zeit zudem Mittagessen. Ich war froh meine Spagetti später im Bus essen zu können, denn so konnte ich die komplette Zeit für die Besichtigung der faszinierenden Wasserspeier nutzen.
Nach exakt einer Stunde saßen alle Reisenden wieder im Bus. Nun war der Namensgeber der Tagestour unser nächstes Ziel. Der Goldene Kreis trägt seinen Namen, weil der Wasserfall "Gullfoss" übersetzt "Goldener Wasserfall" heißt. 1979 wurde dieser Wasserfall mitsamt seiner Umgebung zum Naturschutzgebiet erklärt, damit die besondere Gegend besser geschützt werden konnte. 1907 wollte ein Engländer die Naturschönheit zur Energiegewinnung nutzen. Der damalige Bauer lehnte das Angebot mit den Worten "Ich verkaufe meinen Freund nicht!" aber ab. Auch die Tochter des Bauern namens Sigríður Tómasdóttir kämpfte ihr ganzes Leben hart für den Erhalt des Wasserfalls. Häufig arbeitete sie Tag und Nacht. Heute gilt sie als die erste Umweltschützerin Islands und neben dem Wasserfall erinnert ein Denkmal an sie und ihre Bemühungen. Mit diesem Wissen spazierte ich nun den Pfad zum Fluss entlang, den Sigríður mit den ersten am Wasserfall interessierten Reisenden prägte. Erst jetzt erkannte ich, dass der Gullfoss eigentlich aus zwei Teilwasserfällen besteht. Die Höhe von 31 Metern setzt sich also aus den Höhen der beiden Kaskaden zusammen. Ich versuchte die enorme Menge an Menschen ein wenig auszublenden und mich auf die Schönheit des Momentes zu konzentrieren. Schließlich wird dieser Wasserfall nicht ohne Grund als golden bezeichnet. Die Kombination der grünen Wiesen, die sich rechts und links neben dem Fluss befinden, und der felsigen Spalte mit den reißenden Wassermengen war einfach wunderschön. Zudem schien zu meinem Glück wieder einmal die Sonne. Nicht selbstverständlich, denn heute Morgen war ich bei Regen in den Bus gestiegen. Für die Besichtigung des Gullfoss hätte ich mir noch ein bisschen mehr Zeit gewünscht, aber wir hatten ja noch ein zwei andere Sehenswürdigkeiten vor uns.
Als ich die Tour gestern buchte, musste ich schmunzeln, denn ich hatte in den letzten Tagen immer wieder geplant, ein Eis essen zu gehen. Doch irgendetwas kam immer dazwischen und so war ich bis jetzt nicht zu meinem Eis gekommen. "Tröll Expeditions" hatte ich gewählt, weil ich während der gestrigen Reykjanes-Tour beim Abholprozess in Reykjavík einen Bus dieses Anbieters gesehen hatte. Und am Abend sah ich prompt das Tourangebot, das eben zufälligerweise auch einen Zwischenstopp auf einer Farm enthielt, wo es eine Kugel Eiscreme umsonst geben würde. Zufall? Ich glaube nicht...
Die Farm, auf der wir hielten, trug den Namen "Efstidalur". Mit Wesley gingen wir in den kleinen Laden und jeder durfte sich eine Kugel aussuchen. Irgendwie ahnte ich, dass dieses Eis gut schmecken würde und beschloss, mir noch eine zweite Kugel zu gönnen. Und wenn sich etwas in den letzten Wochen gelohnt hat, dann diese Entscheidung. Mannomann! Hat dieses Eis gut geschmeckt! Es schon eine ganze Weile her, als wir bei einem Familienurlaub Ravenna besuchten. Damals waren wir uns alle einig, dass dies das beste Eis war, welches wir jemals gegessen hatten. Ich muss sagen, dass diese Köstlichkeit auf der Farm sehr nah an die italienische Erfahrung heranreichte. Man könnte sagen, dass ich die Frische der Milch beinahe schmecken konnte, mit der das Eis zubereitet wurde. Es war einfach nur der pure Hochgenuss!
Nach diesem Gaumenschmaus machten wir uns zur letzten Sehenswürdigkeit auf. Der Þingvellir-Nationalpark ist zwar auf der Insel der kleinste seiner Art, aber gleichzeitig der wohl bedeutsamste. Hier wurde isländische Politikgeschichte geschrieben. Aber auch die Geologie dieses Gebietes ist spannend. Mit dem Bus hielten wir direkt neben der Allmannagjá (Allmännerschlucht) und hatten vom Felsen einen herrlichen Blick über den gesamten Nationalpark. Direkt fiel der riesige Þingvallavatn ins Auge, welcher der größte See Islands ist. Þingvellir ist umgeben von vier aktiven Vulkansystemen und liegt direkt auf der Grenze zwischen der eurasischen und der nordamerikanischen Platte. Ähnlich wie in Reykjanes ist das Gefühl, wenn man inmitten der klaffenden Felsspalte steht, wirklich beeindruckend. Man kann beinahe spüren, wie sich die Platten voneinander wegbewegen...
Þingvellir bedeutet "Ebene der Volksversammlung" und ist für die Isländer von extrem großer Bedeutung. Denn hier, auf dem Þingplatz in der Nähe der Almannagjá-Schlucht, wurde um 930 einmal jährlich  im Juni die traditionelle Versammlung Althing abgehalten. Dabei wurden Gesetze beschlossen und Gerichte abgehalten. Es handelt sich um eines der ältesten Parlamente der Welt – nach denen in Griechenland und im Römischen Reich.
Ich lief die Schlucht entlang und kam zu einem großen Felsen, auf dem eine isländische Flagge wehte. Wie ich erfuhr, war ich am Logberg, dem Gesetzesstein, angelangt. Genau hier hatten die ersten Siedler Islands große Reden geschwungen, Gesetze erlassen und Schuldige verurteilt... Oder eben auch Unschuldige. Wie berichtet wird, wurden hier im 16. und 17. Jahrhundert einige Frauen hingerichtet. Sie wurden in die kalten und reisenden Strömungen des Flusses Öxará geworfen - ertranken sie, war das ein Zeichen ihrer Schuld.
Gegen 16.00 Uhr verließen wir diesen historisch bedeutenden Ort und fuhren wieder in Richtung Reykjavík. Bald schon stieg ich vor dem Campingplatz aus dem Bus und hatte nun so einige Erinnerungen mehr im Gepäck. Den Abend verbrachte ich damit, meine bald anstehende Abreise vorzubereiten. Ich musste noch die Mitnahme des Fahrrads hinzubuchen, weil ich zu Beginn noch nicht wusste, ob ich meinen Drahtesel auch wieder mit zurücknehmen würde. Doch jetzt würde ich meinen besten Kumpel der letzten Wochen auf keinen Fall mehr zurücklassen. Nachdem dies erledigt war, organisierte ich noch den Bus zum Flughafen. Zwischendurch kam mir der Gedanke in den Sinn, noch einen kleinen Abendspaziergang durch Reykjavík zu unternehmen. Gesagt, getan. Als es dunkel war, schnappte ich mein Fahrrad und fuhr Richtung Hafen. Dort stellte ich mein Rad ab und ging zu Fuß weiter. Mich wunderte es ein bisschen, dass an einem Freitagabend in der Hauptstadt Islands so wenig los war. Doch die Ruhe war auch schön zu genießen und der Blick vom Hafen auf die Lichter der Stadt war herrlich. Als ich vor zwei Monaten hier ankam, war es um diese Zeit noch taghell gewesen. Wieder machte ich mir bewusst, welch langer Zeitraum nun zu Ende ging..
Bald wurde es mir aber zu frisch und ich kehrte zum Zeltplatz zurück. Nun ging wieder ein langer Tag mit einer ganzen Menge Eindrücken zu Ende. Doch um diese zu verarbeiten, könnte ich mir diese Nacht länger Zeit lassen. Morgen hatte ich, außer einem gemütlichen Einkaufsbummel durch die Stadt, nichts weiter geplant.
Gute Nacht...

1. Halt: Kerið-Krater
2. Halt: Geothermalgebiet Haukadalur (Geysir)
3. Halt: Wasserfall Gullfoss
4. Halt: Farm Efstidalur
5. Halt: Þingvellir-Nationalpark
Mobirise

Nachtlager
Tjaldsvæði í Laugardal, Campingplatz Reykjavík

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