Sisyphos-Aufgaben

Es gibt eben auch auf einer Farm Dinge, die immer und immer wieder gemacht werden müssen. Unkraut jähten, Fenster putzen, Heu aufbereiten und vieles mehr. Wir nutzten den heutigen Tag, um genau solche Aufgaben zu erleidigen - mit Erfolg. Und die Mühe sollte sich lohnen...

23. Juli 2019

Es gibt so einige Dinge im Alltag, die nicht unbedingt Spaß machen, aber die eben einfach gemacht werden müssen. Das sind die typischen Sisyphus-Aufgaben, wie zum Beispiel die leidige Pflicht, die Fenster zu putzen. Warum sehe ich jetzt meine Brüder vor mir, wenn ich das schreibe? Sie würden mich halb grinsend, halb mit "Ist das dein Ernst?"-Blick anschauen und sagen: "Das musstest du doch noch nie für längere Zeit machen." Und wie recht sie damit hätten. Zu genau wissen sie, dass ich solche Aufgaben noch nie wirklich über einen langen Zeitraum erledigen musste. Und zugegeben: Ich habe oft in meinem Zimmer im Bett gelegen und mich anderweitig beschäftigt, während Mama alles im Haushalt erledigte. Natürlich hilft man ab und an mal, aber die Stetigkeit mit der Mütter den Haushalt schmeißen, ist dann doch noch einmal eine andere Angelegenheit. Ich frage mich, warum mir solche Gedanken immer erst kommen, wenn ich eine Weile von zu Hause weg war. Vielleicht beginne ich erst dann, nicht mehr alles für selbstverständlich zu halten. Eigentlich schade, dass es dafür eine Insel braucht. Wie leicht die Gewohnheit die Dankbarkeit verdrängt, ist mir aber schon öfter in den Sinn gekommen. Letztendlich ist es doch aber gerade die Stetigkeit, mit der etwas immer und immer wieder geleistet wird, ein Beweis dafür, wie wichtig der Person die Tätigkeit ist beziehungsweise die Person, der damit Gutes getan wird. Es ist schon Wahnsinn, was Mütter so leisten. Letztendlich sollte Liebe wohl tatsächlich an Taten und nicht immer nur an Worten gemessen werden.
Ich merke, dass ich vom eigentlichen Thema abkomme: Fenster putzen.
Die Fenster des Kuhstalles waren wirklich eine Hausnummer. Da die anderen Wwoofer andere Dinge erledigen sollten, stand ich allein vor der Aufgabe, 15 völlig verdreckte Fenster wieder auf Hochglanz zu bringen. Die Fenster, die sich nicht in den Kuhboxen befanden, waren schnell von innen und außen gereinigt. Ich war damit eine gute Stunde beschäftigt, als Pierre hereinkam und mich zum Eis essen abholte. Die Großmutter von Anna lebt in einem separaten Haus auf der Farm und hatte uns zum Eis eingeladen. Als wir das Haus betraten, standen auf dem Tisch ein riesiger Eisbehälter, Waffeln und Birnenkompott. Wir alle waren sehr dankbar für die Pause und diese so liebe Geste.
Im Anschluss widmete ich mich den Fenstern, die sich in den Kuhboxen befanden. Hier war das Reinigen der Scheiben dann nicht mehr ganz so einfach, weil die Kühe - neugierig wie sie sind - ständig versuchten, meine Klamotten zu essen oder mich ableckten. Zudem war es mir nicht ganz geheuer hinter den Kühen zu stehen, die ja aufgrund einer ungewohnten Situation auch gerne mal zum Tritt ausholen könnten. Ich beeilte mich also, fertig zu werden. Anschließend kam Pierre mir zur Hilfe, die letzten Fenster von außen zu putzen und dann war es auch schon geschafft.
Nach einer kurzen Verschnaufpause auf der Couch stand die nächste Aufgabe an: Die Heuballen waren auf dem Feld verpackt worden und nun mussten die Enden des Verpackmaterials an den Heuballen befestigt werden, damit es sich nicht wieder abrollen würde. Anschließend sollten die Heuballen mit einer Nummer markiert werden, um zu wissen, von welchem Feld sie stammen. Bei der großen Anzahl an Heuballen hatte ich eine längere Arbeitszeit erwartet. Aber es war wie immer: Viele Hände, schnelles Ende. Vagn teilte uns dann mit, dass jetzt nur noch das Melken bevorstünde und dass wir morgen einen Ausflug machen könnten, weil wir heute so viel erledigt hätten.
Der Ausflug, den er ansprach, sollte morgen stattfinden und uns nach Siglufjörður führen. Nicht zufällig ist das eine Stadt, die sich ursprünglich in meiner Tourplanung befand. Vagn hatte mich gefragt, wo ich als Nächstes entlangfahren würde, nachdem ich die Farm verlassen würde. Ich erzählte ihm von meinem Plan, die Halbinsel nordöstlich von Varmahlíð erkunden zu wollen. Er erwiderte, dass dies ein ziemlicher Umweg sei, um letztendlich Akureyri zu erreichen und dass es auf diesem Weg drei Tunnel gäbe, die mit dem Fahrrad nicht gut zu durchfahren sind. Dann bot er an, Siglufjörður einfach an einem Tag gemeinsam mit allen Wwoofern zu besuchen und daraus einen kleinen Ausflug zu machen. Ich war begeistert. Wie nett von Vagn, uns die Umgebung zeigen zu wollen.
Nach dem abendlichen Melken gab es Hotdogs. Das isländische Hotdog-Brot ist übrigens köstlich und reicht völlig als vegetarische Variante. Mit ein paar Soßen und Röstzwiebeln verfeinert und fertig ist das perfekte Abendessen.
Bestens gesättigt und auch recht erschöpft von den heutigen Aufgaben ließ es sich gut einschlafen...


Unterkunft
Farm Minni-Akrar 561, Varmahlíð

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