Reykjanes wird von den meisten Touristen völlig übersehen, dabei ist diese Halbinsel eine Gegend mit vielen Besonderheiten und wunderschönen Orten. Aber ich war ganz froh darüber, denn so wurde meine erste Bustour ein echter Genuss. Meine größte Befürchtung war eigentlich, nicht genug Zeit zu haben, die Landschaften auch wirklich zu betrachten und nicht nur zu überblicken. Mit dem Fahrrad war ich immer in meinem ganz eigenen Tempo unterwegs gewesen und wenn ich dann eben eine halbe Stunde einfach nur auf einer Kirchenbank sitzen wollte, konnte ich das machen. Nun wartete ich nach einem völlig entspannten Morgen mit heißer Dusche und einem ausgedehnten Frühstück gegen 8.45 Uhr vor dem Campingplatz auf den Tourbus. Und dann kam der weiße Transporter angefahren. Mit einem Lächeln auf den Lippen stieg der gut gelaunte Fahrer aus und gab mir zur Begrüßung die Hand. "Hallo, ich bin Tronte. Ich bin der Tourführer für heute." Welch eine freundliche Begrüßung! Der Handschlag und das typisch isländische Duzen machten diesen sehr nordisch aussehenden Mann sehr sympathisch. Wie wir später erfuhren, stammt Tronte ursprünglich aus Norwegen und lebt seit 10 Jahren in Island.
Als ich in den Bus einstieg, merkte ich, dass ich die erste im Fahrzeug war. Das bedeutete für mich: Freie Platzwahl! Ich setzte mich nach ganz vorn, um die beste Sicht zu genießen. Nach und nach füllte sich der Bus und als der Abholprozess in Hafnarfjörður beendet war, saßen 11 gespannte Reisende im Bus - bereit diese besondere Halbinsel zu erkunden.
Reykjanes heißt übersetzt "Rauchspitze" oder "Rauchhalbinsel" und dass dieser Name durchaus passend ist, sollte im Laufe des Tages noch deutlich werden. Zudem ist die Halbinsel auch ein Vogelparadies, denn neben Möwen brüten auf den Klippen noch verschiedene Lummenarten, Tordalke und Eissturmvögel.
Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir schon unser erstes Ziel: den See Kleifarvatn. Dieser zehn Quadratkilometer große Bergsee war die perfekte Einstimmung auf den wunderschönen Tag. Denn laut Wettervorhersage sollte es heute bewölkt und düster sein. Doch die Sonne schien und die warme Luft versprach einen schönen Tag. Die Oberfläche des Kleifarvatn jedenfalls glänzte und glitzerte ohne Ende und strahlte im schönsten Blau. Tronte erklärte uns, dass dieser See aber auf eine Weise auch rätselhaft sei. Er hat kaum Zu- und keine sichtbaren Abflüsse, trotzdem hebt und senkt sich der Wasserspiegel in regelmäßigen Abständen. Nach einem Erdbeben im Jahr 2000 sank der Wasserspiegel rapide, stabilisierte sich aber nach einigen Monaten wieder. Dieser Wasseransammlung scheint also ihren eigenen Willen zu haben... Weiter ging es zum Geothermalgebiet Seltún in der Landschaft Krysuvík. Auch hier brodelt und blubbert es, wie ich es schon in Hveragerði und am Mývatn gesehen hatte. Doch leider konnte ich mit der Kamera nicht den Geruch aufnehmen, sonst würde bei dir wohl jetzt eine schöne Brise Schwefel in der Luft liegen. Den Dampf und die damit verbundene Schwüle zu spüren, ist eine einzigartige Erfahrung und überhaupt nicht unangenehm, wie man vermuten könnte. Spannend und außergewöhnlich trifft es wohl eher. Ein Mitreisender aus Hongkong wanderten mit mir noch auf eine Anhöhe, von welcher man den Kleifarvatn und Seltún überblicken konnte. Besonders beeindruckt war ich immer wieder von den Farben dieser Geothermalgebiete. Diese sind so intensiv und völlig anders, als man es von der Erde gewohnt ist. Hier fühlt man sich tatsächlich wie auf dem Mars oder einem anderen fremden Planeten. Und das ist gar nicht so abwegig, denn die Lavafelder auf Reykjanes wurden schon häufig für Testläufe von NASA-Projekten genutzt.
Nach diesem Erlebnis kündigte Tronte an, nun Grindavík anzusteuern, wo wir in einem Kaffeehaus namens Bryggjan ein frühes Mittagessen einnehmen könnten. Ich für meinen Teil hatte meine Verpflegung im Rucksack und zudem 11.00 Uhr noch nicht ansatzweise Hunger. Also setzte ich mich an den Hafen von Grindavík und genoss die Sonne, die noch immer von keiner Wolke verdeckt wurde. Nach einer Weile ging ich zum Bus zurück, in dem Tronte schon auf uns wartete. Weil ich schon immer mehr über die berühmten Nordlichter wissen wollte, fragte ich ihn danach und erfuhr, dass er vor etwa einer Woche schon welche beobachten konnte. In Hafnarfjörður, wo er lebt, sei es nachts dunkler als in Reykjavík, was die beste Voraussetzung für die Beobachtung der Lichter sei. Er meinte, dass es definitiv möglich sei, die Lichter schon Ende des Monats August zu sehen. Man brauche aber viel Geduld und muss sich eben öfter mal an der frischen Luft bewegen. Er gab uns den Tipp, einfach jede Nacht zum Hafen in Reykjavík zu gehen, da man dort die Lichter der Stadt im Rücken hätte, und in den Himmel zu schauen. Wenn die Sterne zu sehen wären, dann hätte man auch (mit ein bisschen Glück) die Chance, die berühmten Lichter zu entdecken. Aber heute Abend sollte die Hauptstadt mit Wolken bedeckt sein. Einen Abendspaziergang wollte ich die nächsten Tage sowieso noch machen und dabei den Himmel zu beobachten, kann ja nicht schaden...
Nach dem Besuch der winzigen Hafenstadt machten wir einen kleinen Abstecher zu einem Seitenarm der berühmten blauen Lagune - einem blauen See inmitten einer schwarzen Lavawüste. Direkt nebenan befindet sich das Geothermalkraftwerk Svartsengi, welchem die Top-Sehenswürdigkeit Islands ihren Ursprung zu verdanken hat. Es versorgt weite Teile der Halbinsel Reykjanes mit Strom und Heizwärme. Aus 2000 Meter tiefen Bohrungen schießt eine 242 °C heiße Mischung aus Dampf und Wasser an die Erdoberfläche. Dieses Gemisch ist salzig und voller Mineralien, da der poröse Lavaboden das Meerwasser des Atlantiks in den Untergrund sickern lässt. Das heiße Wasser ist somit für Stromturbinen und Heizrohre unbrauchbar, erhitzt aber klares Quellwasser.
Das genutzte Heizwasser fließt dann, nun auf 70 °C abgekühlt, als "Abwasser" weiter in die umliegende Lava. Bis in die 1980er-Jahre kümmerte sich keiner um diesen blauen See, der sich in der abgekühlten Lava gebildet hatte. Erstmals waren es Jugendliche, die nach dem nächtlichen Feiern auf die Idee kamen, hier ein Bad zu nehmen. Auch die Arbeiter des Kraftwerks verbrachten ihre Pause ab und zu im warmen Nass. Als einer von ihnen nach regelmäßigen Baden eine Besserung seiner Schuppenflechte bemerkte, änderte sich die Situation schlagartig. Aus dem unbekannten Badesee wurde die Badeanstalt "Bláa Lónið" mit einer Kurabteilung. So entstand die meistbesuchte Touristenattraktion Islands mehr oder weniger zufällig.
Als nächstes erreichten wir die beeindruckenden "Lavapools" an der Küstenlandschaft Brimketill. Die scheinbar von Menschenhand geschaffenen Pools sehen aus wie natürliche Hot Pots, sind aber in Wahrheit deutlich frischer. Die Formen wurden durch die Wellen geschaffen, die stetig auf die Küste treffen. Als ich an der Felsenkante vor dem Meer stand, konnte ich sehen, welch immense Kraft die Wassermassen teilweise entwickeln können. Ich hätte diesem Spektakel stundenlang zusehen können.
Übrigens hat Tronte uns fast nie Zeiten vorgegeben. Als wir fragten, wie lange wir an einem Standort bleiben würden, sagte er häufig: "So lange, wie es eben braucht." So war meine größte Befürchtung von Anfang an wie weggeblasen, denn unser Tourführer war so entspannt, dass man diese Tour einfach nur genießen konnte.
Weiter westlich wurden wir von einem lauten Rauschen begrüßt, als wir den Tourbus verließen. Wir hatten ein Hochtemperaturgebiet mit der sagenumwobenen Gunnuhver (Gudrunsquelle) erreicht. Ein Teil der Energie wird in der nahegelegenen Fabrik zur Salzgewinnung verwendet.
Sagenumwoben ist das Gebiet, weil eine Erzählung von dem Gespenst Guðrún Önundardóttir, kurz Gunna, berichtet: