Der Gedanke, einen der Berge hinter der Farm zu erklimmen, reizte mich eigentlich schon seit der Ankunft in Varmahlíð. Doch da ich auf meiner Tour gemerkt hatte, wie einfach man sich hier in Island mit Höhen und Weiten verschätzen konnte, verwarf ich die Idee vorerst. Aber während ich mich in den ersten Wochen mit Anna und Vagn unterhielt, erfuhr ich, dass schon einige Wwoofer dieses Abenteuer gewagt hatten. Warum sollte ich es also nicht auch versuchen?
Vagn zeigte mir, wo der Aufstieg vermutlich am besten wäre und nach einem ausgiebigen Mittagessen verließ ich mit Kamera und Reiseproviant die Farm. Ich wusste, dass mir ein weiter Weg bevorstand, aber das, was wirklich kommen würde, hatte ich nicht erwartet. Vorerst galt es nur durch Wiesen und Sümpfe zu stiefeln und über ein paar Zäune zu klettern. Schafe, Pferde und Kühe waren dabei meine ständigen Beobachter. Wie besprochen, erreichte ich nach kurzer Zeit ein Tor, nach dessen Durchquerung ich nach rechts schwenken sollte. Und dann wurde mein Weg langsam immer steiniger. Trotzdem kam ich recht schnell voran und hatte zügig eine gewisse Höhe mit einem schönen Ausblick erreicht. Je höher ich kam, desto steiniger wurde es dann. Zwischendurch legte ich kurze Pausen ein und staunte, dass mich noch immer Schafe begleiteten und dass sie in dieser Höhe ein Netz aus Trampelpfaden geschaffen hatten. Der Untergrund, auf dem ich ging, veränderte sich im 10-Minuten-Takt. Schnell waren die Moose verschwunden und wurden von grauen Felsbrocken ersetzt. Am Morgen hatte mir Vagn noch angekündigt, dass wohl das letzte kleine Stück bis zum Gipfel das schwierigste werden sollte. Und das bekam ich dann auch recht schnell zu spüren. Plötzlich war ich im Vierfüßlergang unterwegs, weil sich das letzte Stück als ausgesprochen steil herausstellte. Ich kam dementsprechend langsam voran. Smachte sich der Anstieg in meinen Beinen bemerkbar, die ja nun auch schon ein beträchtliches Stück zurückgelegt hatten. In diesem Moment erinnerte mich an meine Fahrradetappe bis Búðardalur. Da ging die Überquerung des Berges auch nur nach dem Motto "Stück für Stück". Langsam hangelte ich mich von einem Stein zum anderen. Ich hatte nicht bemerkt, wie hoch ich mittlerweile schon gekommen war. Beim Blick über die Schulter bekam ich schon ein bisschen wackelige Knie und deshalb ließ ich das mit dem Blick nach unten erstmal sein. Zwischendurch zog ab und zu eine Wolke vorbei und alles wurde in weißen Nebel getaucht. Erst zu diesem Zeitpunkt realisierte ich, dass ich im Begriff war, über die Wolken zu klettern. Jetzt gab es kein zurück mehr. In meinem Hinterkopf entwickelten sich schon Gedanken, die sich mit dem Abstieg beschäftigten: Es stand fest, dass mein Hinweg nicht mein Rückweg sein würde. Dafür war diese Felsenwand einfach zu steil. Ich wusste, dass sich hinter dem Berg ein Fluss bis ins Tal schlängelte. Ich entschied mich also, beim Abstieg diesem Fluss zu folgen. Aber um mich vom Berg herabzubewegen, müsste ich ihn erst einmal erklimmen. So langsam fühlten sich meine Beine an wie Pudding und meine Angst, es nicht zu schaffen, stieg beträchtlich. Ich riss mich noch ein letztes Mal zusammen und das letzte Stück war nicht mehr so weit, wie ich dachte. Ich feierte ein Fest, als ich die Gipfelplattform erreichte. Voll automatisiert riss ich meine Arme in die Höhe und rief "JA! Ich hab's geschafft!" Auf einmal war jede Erschöpfung vergessen. Ich fühlte mich, als hätte ich die Tour de France gewonnen. Beobachter hätten mich vermutlich als seltsam eingeschätzt, nur, dass man auf der Spitze eines unbekannten Berges in Island nur selten auf Gesellschaft stößt. Ich erkundete eine Weile den Gipfel des Berges und erblickte eine Schneespur etwas weiter von mir entfernt. Auf dem Weg dorthin sah ich auch den zweiten Gipfel des Berges, der noch ein bisschen höher lag. Und dann packte es mich: "Also wenn, dann richtig!" war mein Gedanke und ich investierte noch eine Viertelstunde, um letztendlich tatsächlich am höchsten Punkt des Berges anzukommen. Der Ausblick belohnte die Anstrengung. Das Wetter ließ eine herrliche Sicht zu und ich konnte sogar das Meer betrachten. Nach einer Weile auf dem Gipfel trat ich den Rückweg an. Schließlich wollte ich zum abendlichen Melken wieder zurück sein. Von der Gipfelplattform herunterzukommen, war wieder eine Herausforderung. Es gab keine Möglichkeit, einem steilen Abstieg zu entgehen. Also setzte ich mich hin und versuchte mir rutschend Stück für Stück meinen Weg nach unten zu bahnen. Das funktionierte ziemlich gut und ich gelangte schnell zum angesprochenen Fluss. An diesem ging es dann recht flach weiter bis ich an einen Wasserfall gelangte, der zu hoch war, um ihm herunterzuklettern. Doch rechts und links von mir befanden sich zwei ziemlich hohe Hügel. Einen der beiden musste ich also erklimmen, um dann an der anderen Seite auf einen flacheren Weg zu hoffen. Ich wurde nicht enttäuscht. Hinter dem Berg hatte ich endgültig das Tal erreicht und der restliche Weg zur Farm gestaltete sich nicht mehr problematisch. Als ich die Farm erreichte, war ich seltsamerweise nicht einmal erschöpft. Das Melken verzögerte sich, weil die Familie den zweiten Geburtstag von Annas Sohn nachfeierte. Es waren einige Gäste gekommen und es gab herrlichen Kuchen. Gegen 19.45 Uhr erledigten wir unsere Pflicht im Kuhstall und wurden danach noch von einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt. Zufrieden und ziemlich erschöpft stieg ich in mein Bett. So schnell bin ich lange nicht eingeschlafen...