Manchmal sollte man eben doch nicht so viel auf den Wetterbericht geben... Zumindest stellte sich der angesagte Wind als deutlich sanfter heraus. Froh über die Bedingungen radelte ich also gen Selfoss. Nach 20 Kilometern fiel mir ein Schild am Straßenrand ins Auge, das auf einen Wasserfall in einem Kilometer verwies. Das war mir doch eine willkommene Abwechslung und ich bog in die Schotterstraße ein. Urriðafoss heißt die rauschende Menge an Wasser, die sich vor mir ihren Weg bahnte und dieser ist der wasserreichste Wasserfall Islands. Der Fluss Þjórsá, der mit seinen 230 Kilometern der längste Fluss auf der Insel ist, stürzt hier mit 360 Kubikmetern Wasser pro Sekunde auf etwa 40 Meter Breite 6 Meter in die Tiefe. Während des Tauens im Frühling kann die Fließrate aber auch auf 1000 bis 1500 Kubikmetern Wasser pro Sekunde steigen. Trotz seiner Größe bleibt dieser Wasserfall häufig unerwähnt. So hatte auch mein Reiseführer diese beeindruckende Sehenswürdigkeit verschwiegen.
Nach einer kurzen Zwischenmahlzeit ging es gleich weiter und bald erreichte ich Selfoss. Hier war ganz schön was los! Da der Ort direkt an der Ringstraße liegt, ist das auch nicht verwunderlich. Trotzdem mochte ich diese sehr kommerzielle und auf Touristen ausgerichtete Stadt nicht besonders. Wahrscheinlich wirkte sie auf mich einfach nicht so isländisch, wie beispielsweise die kleinen Dörfer in den Ostfjorden. Ich hielt mich hier also nur kurz auf, denn bis zu meinem Ziel waren es auch nur noch 14 Kilometer. Gegen um eins erreichte ich Hveragerði. Obwohl sich auch diese Stadt an der "Route 1" befindet, machte sie auf mich doch einen gemütlicheren Eindruck. Der Zeltplatz war recht gefüllt, aber ich fand eine ruhige Ecke, in der ich mich ausbreitete. Nach einer Stärkung machte ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Wie ich erfuhr, ist Hveragerði ein ganz besonderer Ort, denn er befindet sich mitten auf einem schon seit tausenden von Jahren bestehenden Hochtemperaturgebiet. Es dampfte an allen Ecken und Enden. Deshalb besuchte ich zuerst den Geothermal Park im Zentrum von Hveragerði. Leider sind seit einem Erdbeben vor einigen Jahren viele der Quellen wasserlos, aber ich konnte trotzdem die besonderen Farbverläufe an den Gesteinen bestaunen. Zudem war nicht alles trockengelegt. Ein kleinerer Bach durchzog den Park und es dampfte aus vielen Löchern des Bodens. Wer die Geduld aufbrachte, konnte an der Rezeption ein Ei in einem Netz erwerben und dieses in einer der heißen Quellen kochen. Im Zentrum des Parks gab es zudem aller 20 Minuten einen Geysir zu betrachten, der sein Wasser in die Höhe schießen ließ. Leider ist die Aufnahme nicht sehr schön geworden, weil ich mich mehr auf den Geysir als aufs Filmen konzentriert habe, aber die plötzliche Kraftentfaltung ist hoffentlich trotzdem erkennbar.
Trotz der Faszination wurde mir auch die Gefahr dieses Naturspektakels bewusst, als ich an der sogenannten Todesquelle entlanglief. 1906 war hier ein Reisender bei schlechter Sicht in den heißen Quelltopf gefallen. Seinen Begleitern gelang es, ihn wieder aus dem heißen Wasser herauszuziehen, aber er erlag seinen Verletzungen am nächsten Tag.
Hveragerði ist berühmt für seine vielen Gewächshäuser, die mit der Erdwärme beheizt werden und in denen so einige exotische Pflanzen und Früchte gedeihen. Kaum zu glauben, dass hier im kalten Island also auch Bananen gezüchtet werden. Im Geothermal Park befand sich im hinteren Teil des Rezeptionsgebäudes auch ein kleines Gewächshaus, wo Orangen, Oliven und Tomaten angebaut wurden.
Nun waren es nur ein paar Meter bis zum botanischen Garten, in dem sich auch der kleine Wasserfall des Ortes befand. Hier wurde von Ingunn Bjarnadóttir berichtet, die als Hausfrau und Gärtnerin gearbeitet hat. Sie war sehr kreativ, talentiert und interessierte sich vor allem für Dichtung und Gesang. Täglich komponierte sie Lieder für ihre Kinder oder einfach, weil es ihr Spaß machte. Heute sind viele ihrer Kompositionen in ganz Island bekannt.
Mittlerweile war schon der frühe Abend angebrochen, aber ich wollte noch eine Sache erleben. Ich hatte von einem Wanderweg gelesen, der außerhalb der Stadt beginnen sollte. Von dort aus wären es noch 3,5 Kilometer Wanderung bis zu einem geothermischen Fluss. Ich fuhr also mit dem Fahrrad bis zum Ausgangspunkt der Wanderung und legte los. Nach etwas weniger als einer Stunde erreichte ich den ominösen Fluss und tatsächlich war es nicht falsch gewesen, vorher auf dem Campingplatz noch Handtuch und Badesachen einzupacken. Der geothermisch beheizte Fluss war herrlich warm und nach der Wanderung (mit vielen nervigen Fliegen) war es eine Wohltat in diesem Fluss Platz zu nehmen und so richtig zu entspannen. Die Sonne stand mittlerweile knapp über dem Horizont und tauchte die Umgebung in ein angenehmes Licht. Dies war wieder einer dieser Momente auf meiner Reise, die ich nicht wirklich beschreiben kann. Ich fühlte mich pudelwohl und genoss die Zeit so sehr, dass ich die vergaß. Es war schon fast 20.00 Uhr, als ich meinen Rückweg antrat. Doch auch am Abend war dieser Fluss gut besucht und mir kamen noch einige Reisende entgegen, als ich mich wieder gen Tal bewegte. Auf dem Campingplatz entschied ich mich dazu, möglichst schnell ins Bett zu kommen, denn ich hatte schon einen Blick auf den Beginn der kommenden Etappe werfen können. Ein 360-Meter-Hügel, an dem sich die Ringstraße etwa 6 Kilometer entlangschlängelte. Wahrscheinlich würde ich schieben müssen oder würde zumindest nur sehr langsam fahren. Ich wollte also früh aufstehen, weil dann weniger Fahrzeuge unterwegs sein sollten. Ich stellte meinen Wecker auf 6.00 Uhr und begab mich ins Land der Islandträume.