Man merkt, wenn man langsam routinierter bei der Arbeit im Kuhstall wird. Man entwickelt einen gewissen Instinkt für die Tätigkeit der Vierbeiner. Es ist wie eine gewisse Vorahnung, ob die Nachbarkuh gleich unkontrolliert ihren Schwanz in dein Gesicht wedelt und man sich dann vorkommt, als hätte man eine ordentliche Ohrfeige bekommen. Oder man spürt förmlich schon vorher, dass das Tier sein Gewicht auf eine Seite verlagert, um mit dem entlasteten Bein zum Tritt auszuholen. Auch ganz wichtig: Wenn die Kuh ihren Schwanz hebt, dann ist dies das Anzeichen dafür, dass sie, sagen wir mal, ihr Geschäft erledigen will. Dann heißt es wirklich besser: Reißaus nehmen! Das gleiche Spiel gilt für die Achtsamkeit während des Waschens des Euters. Wenn man von der Nachbarkuh oder dem Kalb, das am nächsten Pfahl angebunden ist, ein leises Schmatzen vernimmt, könnten es die eigenen Haare sein, die sich im Maul des Tieres befinden. Aber irgendwann hat man den Dreh raus und die Wahrscheinlichkeit, dass einem so etwas passiert, sinkt stetig. Nachdem wir also heute Mittag das Melken wieder erfolgreich hinter uns gebracht hatten, stand als Nächstes das Putzen des geliehenen Mitsubishi Galant auf dem Plan. Zuerst reinigten wir das Auto mit dem Kärcher von außen und dann ging es mit Wischlappen und Staubsauger dem Inneren des Fahrzeugs an den Kragen. Wir kamen ziemlich schnell voran und das Auto schaute am Ende, bis auf die unbehebbaren Roststellen, wieder sehr ansehnlich aus. Ich plane übrigens ab und an weiter an meiner Tour nach dem Farmaufenthalt und sah die Notwendigkeit, noch ein paar Ersatzschläuche zu besorgen. Meine beiden bisherigen Notfallschläuche hatte ich schon in der ersten Woche aufgebraucht. Für mich stand fest: Diese Frequenz musste sinken ;) Auf dem Heimweg vom gestrigen Trip hielten wir an vielen Läden, die auch tatsächlich Fahrradschläuche verkauften. Jedoch bin ich wohl nicht die einzige mit einem 26-Zoll-Fahrrad und deshalb waren alle Schläuche dieser Größe ausverkauft. Aber Guðrún machte mir Mut. In der Hauptstadt des Nordens (Akureyri) sollte es meine gewünschte Ware auch in der richtigen Größe geben. Sie schlug vor, die Schläuche einfach zur Farm senden zu lassen, weil sie nicht wusste, wann sie das nächste Mal in Akureyri sein würde. Dieses vermeintliche Problem hatte sich, dank Guðrún, für mich also auch recht schnell erledigt. Am späteren Nachmittag fütterten wir die Lämmer, die dreimal täglich ihre Milch benötigen. Kurz darauf fragten Annas Brüder Meta und mich, ob mir mit nach Sauðárkrókur kommen wollten, um bei ihrer Tante anzuhalten. Dort wollten sie Heuballen abliefern. Wir zögerten nicht und kurz darauf saßen wir vier im Auto mit Anhänger, welcher bis oben mit Heuballen befüllt war. In Sauðárkrókur angekommen, begrüßte uns eine recht große Gruppe von Islandpferden. Es stellte sich heraus, dass der Nachbar der Tante Touren mit Islandpferden anbietet und dementsprechend einige Exemplare der besonderen Tiere besitzt. Auch Annas Tante ist mit ihrem Mann Besitzerin einiger Pferde, hält diese aber im Sommer auf einer Weide, die nicht direkt in Sauðárkrókur liegt. Wir bekamen einen Rundgang durch die eigens ausgebauten Stallungen und hörten einige Geschichten von abenteuerlichen Ausritten. Nach einer Weile traten wir den Rückweg an. Beim abendlichen Melken waren wir übrigens wieder "elternlos", weil Guðrún und Vagn außer Haus waren. Nach getaner Arbeit saßen wir noch eine ganze Weile gemütlich beim Abendbrot, bis wir dann bald alle Richtung Bett entschwanden.