Eigentlich hatte meine Besichtigungstour der Insel schon gestern begonnen, weil ich mein Zelt direkt im Herjólfsdalur aufgestellt hatte. Berichtet wird, dass zu Beginn des 9. Jahrhundert hier der erste Siedler der Westmänner Inseln lebte. Sein Haus sei zudem das erste aus Stein erbaute Gebäude auf ganz Island. 2005 wurde das ehemalige Gebäude rekonstruiert. Wenn man die Hütte betritt und die Holzbänke und -tische betrachtet, hat man tatsächlich das Gefühl ins 9. Jahrhundert einzutauchen. Doch so richtig startete ich gegen 9.00 Uhr. Vorher hatte ich meine Zeit damit verbracht, meine Inselbesichtigung grob zu planen. Dann ging es mit einem morgendlichen Spaziergang los. Dabei sollte das Fahrrad vorerst am Zelt stehen bleiben, denn die zweite Sehenswürdigkeit befand sich direkt neben dem Campingplatz: die beiden Berge Moldi und Háhá. Der steile Anstieg auf den Gipfel hatte den Vorteil, dass ich schon nach kurzer Zeit eine beträchtliche Höhe erreicht hatte und sich mir eine wunderbare Aussicht bot. Auf der einen Seite die Weiten des Meeres mit vereinzelten kleinen Felsen und auf der anderen Seite der Campingplatz sowie der benachbarte Golfplatz. Die vielen beinahe monströsen Felsen machen die kleine Insel einzigartig. Gegen 11.00 Uhr war ich wieder zurück am Zelt und bewegte mich - nun wieder zweirädrig - in die Stadt zum Hafen fort. Dort erkundete ich das Gebiet Skansinn, das den ältesten Teil der Stadt bildet und auf dem unter anderem das zweitälteste Gebäude, Landlyst, steht. Zudem konnte ich hier Reste der englischen Festung aus dem 16. Jahrhundert betrachten. Neben dem Hafen befindet sich außerdem eine Stabkirche, die Island im Jahr 2000 von Norwegen anlässlich der 1000-jährigen Christianisierung geschenkt bekam. Doch dieser Ort stand auch in Verbindung mit dem nächsten spannenden und wohl zugleich tragischsten Punkt auf meiner Inselerkundung: die Geschichte des Vulkanausbruchs 1973. Hier kam bei der Katastrophe vor fast 50 Jahren der Lavastrom zum Stehen.
Um 2.00 Uhr morgens am 23. Januar 1973 öffnete sich plötzlich eine rund zwei Kilometer lange Spalte am östlichen Rand der Insel und aus dieser traten gewaltige Lavamengen aus. Bald bewegte sich ein Lavastrom direkt auf die Stadt zu. Glücklicherweise waren in dieser Nacht wegen eines Sturms alle Fischerboote im Hafen geblieben, sodass die Evakuierung der Inselbewohner sofort beginnen konnte. Innerhalb weniger Stunden wurden die fast 5000 Menschen zum rettenden Festland gebracht. Die Bewohner der Insel nahmen das mit, was ihnen gerade in die Hände fiel. Ein Kind flüchtete im Schlafanzug, ein Schüler nahm seinen Schulranzen mit. In den Folgetagen des Ausbruchs wurde die ganze Insel Heimaey unter einer bis zu 160 Meter dicken Schicht Asche begraben. Da der sich der Lavastrom auch Richtung Hafen bewegte, wurden Pläne entwickelt, diesen zu retten. Mit Pumpen wurde kaltes Seewasser genutzt, um die heiße Lava abzukühlen. Nach dem Ausbruch war die Insel um mehr als zwei Quadratkilometer gewachsen, aber nur zwei Drittel der ehemaligen Bevölkerung kamen wieder zurück. Etliche Menschen hatten in dieser einen Nacht ihr gesamtes Hab und Gut verloren. 400 Häuser hatte die Lava unter sich begraben.
Doch wirklich greifbar wird eine solche Geschichte erst anhand von Einzelschicksalen, von denen im Museum Eldheimar berichtet wird. Auf meinem Weg zum Museum kam ich noch an der Landakirkja vorbei, deren Türen leider verschlossen waren. Gegenüber der Kirche befindet sich der Friedhof, vor dem sich eine Säule befindet, die an die Menge der Vulkanasche erinnern soll. Dann betrat ich das berühmte Museum, das erst vor fünf Jahren eröffnet wurde. Im Rahmen des Projektes "Pompeji des Nordens" wird schon seit Jahren versucht, wenigstens einige der versunkenen Häuser wieder auszugraben. Gelungen ist dies bisher nur beim Haus mit der Adresse "Gerðisbraut 10". Hier wohnte Guðni Ólafsson mit seiner Familie. In einem bewegenden Film berichtet die Familie selbst von ihrem Schicksal und wird bei den Ausgrabungen ihres Hauses begleitet. Was diese Familie dabei gefühlt haben muss, will ich mir gar nicht vorstellen. Sie berichteten davon, dass die noch das Licht ausschalteten, da sie sich sicher waren, zurückzukehren. Alle befragten Personen bedauern am meisten den Verlust von Fotografien und persönlichen Gegenständen, die ihnen niemand ersetzen kann. Insgesamt ging ich mit gemischten Gefühlen durch das Museum. Durch einen Audioguide erfuhr ich interessante Fakten zu den Umständen der Katastrophe und war immer wieder von der unglaublichen Naturgewalt beeindruckt, die sich in diesen Monaten auf dieser kleinen Insel entfaltet hatten. Auf der oberen Etage des Museums wurde zudem über die 1963 entstandene Insel Surtsey berichtet. Für Wissenschaftler ist Surtsey besonders interessant, weil hier die Entwicklung der Vegetation auf neu entstandenem Land verfolgt werden kann.
Mein anschließender Aufstieg auf den Vulkan Eldfell war mit dem gewonnenen Hintergrundwissen nun noch eindrucksvoller. Der Boden, auf dem ich lief und dieser Berg, den ich erklimmen würde, waren innerhalb von Wochen gewachsen und nur knapp 50 Jahre alt. Das faszinierte mich. Vom Eldfell aus konnte man auch die Insel Surtsey erkennen.
Nach diesen eindrucksvollen Stunden kehrte ich erst einmal zum Campingplatz zurück. Nach einer Stunde Pause setzte ich gegen Abend meine Tour fort und legte 5 Kilometer bis zum südlichsten Punkt der Insel zurück. Das war gar nicht so einfach, denn mittlerweile hatte sich ein starker Nordwind entwickelt. Trotzdem sollte diese letzte Sehenswürdigkeit meinen persönlichen Höhepunkt des Tages bilden. Ich brauchte zwar etwas länger, als gedacht, doch dann erreichte ich den Ort, an dem sich besonders viele Papageitaucher befinden sollten. Und tatsächlich flog ein Vogel nach dem anderen vor meiner Nase entlang. Die meisten der Exemplare hatten gerade Fische im Schnabel. Dieses Spektakel genoss ich eine ganze Weile und schoss dann noch ein paar Fotos von den niedlichen Tieren.
Der Tag neigte sich langsam seinem Ende entgegen und so war es für mich Zeit, meine Abendroutine zu starten. Ich hatte gestern noch herausgefunden, dass genau eine Dusche auf dem Campingplatz warm ist und so musste ich nicht wieder leiden. Da die Fähre morgen früh 7.00 Uhr den Hafen verlässt, versuchte ich ein wenig eher schlafen zu gehen... Bis morgen!