Als ich am Abend diesen Text zu schreiben begann, lag Meta schon träumend neben mir. Kein Wunder - sie war den ganzen Tag lang Auto gefahren. Aber ich konnte einfach noch nicht schlafen. Wir schwirrten tausende Eindrücke im Kopf herum und ich kam nicht zur Ruhe. Was für ein Tag! Was hatten wir heute alles erlebt!
Vielleicht erinnerst du dich an die gestrig beschlossene Startzeit? 7.00 Uhr? Nun ja, das ist natürlich eine erstrebenswerte Zeit, aber für mich dann doch recht schwierig umzusetzen. Sagen wir es so: Das akademische Viertel hat nicht ganz gereicht und wir verließen die Farm 7.30 Uhr. Gut gelaunt und mit einem Lächeln auf den Lippen fuhren wir unserem Abenteuer entgegen - direkt in den Nebel. Isländischer Nebel unterscheidet sich noch ein wenig von deutschem Nebel. Man sieht eben wirklich nichts mehr und muss jede Sekunde befürchten, dass ein Schaf vor die Motorhaube springt. Glücklicherweise blieb unsere Route frei von Schafen und wir konnten bald wieder besseres Wetter genießen. Von dem, was die isländischen Radiomoderatoren da sprachen, verstanden wir zwar kein einziges Wort, aber die Musik war gut. So erreichten wir auch ziemlich schnell unseren ersten Zwischenstopp: den Wasserfall Kolufossar. Die Straße bis dort hin war alles andere als schlaglochfrei, aber die investierte Zeit sollte sich lohnen. Wer beim Thema Wasserfälle übrigens der Meinung ist "Kennt man einen, kennt man alle." war offensichtlich noch nicht in Island und hat die Vielfalt der fallenden Wassermassen gesehen. Man kann nur ahnen, welche Kräfte diese Strömungen in sich tragen und wie machtlos wir gegenüber ihnen wären. Genau deshalb schwingt bei mir neben der Bewunderung dieser Naturphänomene auch immer ein bisschen Respekt für die Natur mit. Direkt neben dem Wasserfall hatten ein paar Reisende ihr Zelt aufgeschlagen - Wildcamper. Ich dachte daran, wie gerne ich das auch einmal machen würde. Irgendwie verband ich mit dieser Art von Camping immer das Gefühl von totaler Freiheit und Unabhängigkeit. Man schlägt einfach sein Zelt auf - egal wo und wann.
Nach diesem Erlebnis kehrten wir wieder auf die Ringstraße zurück und beschlossen, unseren Hunger zu stillen. Viel Auswahl gibt es da in Island übrigens nicht. Supermärkte sind rar und man muss sich meistens mit der nächsten Tankstelle zufriedengeben. Wohl genährt setzten wir unseren Roadtrip fort. Für mich war diese Fahrt auf eine gewisse Art und Weise auch eine recht deprimierende Angelegenheit. Wir fuhren hauptsächlich genau die Strecke, die ich schon (natürlich in die andere Richtung) mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte. Einen Berg, den ich mit Mühe und Not erklimmen konnte und nach welchem ich oben erst einmal einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche sowie eine mindestens 5-minütige Verschnaufpause brauchte, fährt man nun mit dem Auto eben einfach mal so hoch. Tja, das ist wohl selbstgewähltes Leid. Dafür kann mir aber auch kein Auto dieser Welt das Gefühl geben, dass ich nach Erreichen eines Gipfels mit dem Fahrrad erlebe. Deshalb würde ich auch - trotz des heutigen herrlichen Tages - nicht auf 4 Räder umsteigen wollen. Auf meinen zwei unmotorisierten Rädern kann ich meine Reise entschleunigter genießen.
Gegen halb zwölf erreichten wir unser erstes Ziel Reykholt - ein kleines, aber berühmtes Dorf östlich von der Halbinsel Snæfellsnes. Hier wohnte früher der berühmte Politiker und Schriftsteller Snorri Sturluson, dessen Spuren über den ganzen Ort verteilt sind. Auch die heiße Quelle Snorralaug, in dem ihm seine besten Ideen gekommen sein sollen und der Geheimgang zu seiner Wohnung sind noch erhalten. Die Kirche in Reykholt fällt, wie die meisten isländischen Kirchen, eher durch ihre Schlichtheit auf.
Nicht weit von Reykholt findet man die beiden Wasserfälle Hraunfossa und Barnafossar. Hraunfossa ist eher breit gezogen und die einzelnen kleinen Wasserfälle, die aus dem dunklen Lavagestein austreten, überziehen eine beträchtliche Länge, was diesen Wasserfall auch so besonders macht. Barnafossar (Wasserfall der Kinder) hat eine dunkle Hintergrundgeschichte. Die Legende erzählt von Eltern vom Hof Hraunsás, die ihre Kinder wegen des Besuches einer Weihnachtsmesse allein zu Hause zurückließen. Weiter wird berichtet, dass die Kinder verschwunden waren, als die Eltern zurückkamen. Die Spur der Kinder führte, laut der Erzählung, zum Steinbogen am Fluss. Dort seien die Kinder in den Fluss gefallen und ertrunken. Die Mutter der Kinder hätte dann den Steinbogen zerstört, damit nicht noch weitere Kinder zu Schaden kommen würden.
Nachdem wir diesen tragischen Ort verlassen hatten, kamen wir auf dem Rückweg zur Ringstraße an der ergiebigsten Thermalquelle der Welt vorbei. Eine der Infotafeln nannte konkrete Zahlen: Die Stromerzeugungsqualität der Quelle, zusammen mit zwei Bohrlöchern in einer naheliegenden Region, beträgt ca. 62 Megawatt. Die brodelnde Quelle beeindruckte mich. Schließlich ist das Wasser tatsächlich dauerhaft 100 Grad Celsius heiß.
Nach Erkundung dieses Naturphänomens war unser kleiner Abstecher östlich unseres eigentlichen Zieles abgeschlossen und wir waren bereit, die Halbinsel Snæfellsnes zu entdecken. Vorher planten wir noch einen Zwischenstopp in Borgarnes ein, um unseren Reiseproviant aufzustocken. Wie sollte es auch anders sein, verfuhren wir uns noch auf dem Weg zum Supermarkt. Aber Meta und ich waren uns einig: Ein Roadtrip, ohne sich zu verfahren, ist kein richtiger Roadtrip!
Die erste Sehenswürdigkeit, die wir von Weitem bestaunten, war der Krater Eldborg, der vor 5000-8000 Jahren entstanden war. Auf die 2-stündige Wanderung auf den Krater verzichteten wir allerdings aus Zeitgründen. Von nun an war der Blick aus den Autofenstern ein Muss. Die Landschaft veränderte sich minütlich: Auf unserer rechten Seite zeigten sich die Berge, die zum Teil mit Gletschern bedeckt waren. Links von uns erstreckte sich der Nordatlantik. An einem kleineren Campingplatz gönnten wir uns eine kurze Essenspause. Während unserer Mahlzeit entdeckten wir nicht weit von uns entfernt, einen Sandstrand, zu welchem wir uns nach unserer Stärkung aufmachten. Bei einem gleichzeitigen Blick auf die Berge, der an die Schweiz erinnern lässt und dem Rauschen des Meeres bei dem Ostseegefühle aufkommen, genossen wir eine Weile die Sonne. Es war mittlerweile wirklich warm geworden und wir wagten es sogar, unsere Füße ins Meer zu halten. Und es war nicht kalt, aber zum Baden lud es auch nicht ein...
Während Meta und ich die vielen Sehenwürdigkeiten besuchten, fiel uns die Menge an Touristenbussen auf. Diese Art zu reisen hatten wir für uns schon lange ausgeschlossen. Die Busgäste werden durchs Land gefahren und an bestimmten Sehenswürdigkeiten ausgeschüttet. Dann werden Bilder geschossen und nach einer festgelegten Zeit wird sich wieder am Bus getroffen und dann geht es weiter. Teilweise stehen an den Highlights Islands dann 3 bis 4 Busse gleichzeitig. Wir können mit dieser Art von Sightseeing nicht viel anfangen. Auch am nächsten Ziel - einer der ältesten Holzkirchen Islands - standen schon so einige Busse. Die Berühmtheit der Kirche geht auf ihre Entstehungsgeschichte zurück. Eine Frau namens Steinunn Sveinsson hat tapfer für die Errichtung der Kirche gekämpft und sie letztendlich 1848 - auch ohne Unterstützung der Landeskirche - errichtet.
Teilweise ist Island so weitläufig, dass man trotz einer Menge anderer Touristen schnell Plätze findet, die Ruhe ausstrahlen. Das Lavafeld um die Kirche und den nahegelegenen Krater Búðaklettur hatte etwas von einer Mondlandschaft und Meta und ich verbrachten eine ganze Weile in der Nähe des Strandes.
So langsam merkten wir, wie uns dieser Tag schon geschafft hatte und wir demnächst ein Nachtlager suchen sollten. Also steuerten wir den nächsten Campingplatz an. Vorher verfuhren wir uns erneut. Da die falsche Route aber auf einen Berg führte, bescherte uns der vermeintliche Fehler eine herrliche Sicht über die südliche Küste der Halbinsel. Nach einer halben Stunde erreichten wir unsere Bleibe für die Nacht. Wir stellten das Zelt auf und aßen Abendbrot. Nach einer kurzen Zeit stellten wir jedoch fest, dass dieser Campingplatz einen ungewöhnlich hohen Preis verlangte und dabei nicht einmal die Möglichkeit zu duschen inklusive war. Der Platz war uns generell nicht sehr sympathisch und wir beschlossen, doch noch einmal umzuziehen. Der Weg bis zum nächsten Campingplatz sollte eine halbe Stunde Autofahrt betragen, gleichzeitig zogen wir auch in Betracht, wild zu campen, falls uns eine schöne Stelle auffallen würde. Doch vorher war da noch die Sache mit der Tankstelle. Die isländische Tankstelle, die wir auf Google Maps gesehen hatten, war zum einen schwer zu finden. Wir mussten eine ganze Weile suchen, bis wir die Zapfsäule erblickten. Zum anderen war die Tankstelle nicht mit Personal bestückt. Das erste Problem offenbarte sich uns, als wie auf der Zapfsäule nicht "Benzin" zu lesen bekamen. Die Wahl bestand lediglich zwischen Diesel (was wir ausschließen konnten) und dem sogenannten Oktan 95. Es dauerte ein paar Textnachrichten und Anrufe in Richtung unserer isländischen Familie, bis wir sicher sein konnten, dass Oktan 95 sich mit unserem Auto vertragen würde. Den Zapfhahn dann richtig anzuwenden, brauchte auch noch ein bisschen Übung und Hilfe von einem amerikanischen Touristen, aber nach einer halben Stunde saßen wir im erfolgreich betankten Auto. Hurra! Näher möchte ich diesen klischeehaften Vorfall nicht ausführen... :D
Nach etwa 10 Minuten Fahrt fiel uns dann ein Rastplatz auf, auf welchem wir perfekt unser Auto für die Nacht abstellen konnten. Etwa 100 Meter Fußweg weiter offenbarte sich uns die perfekte Stelle zum Campen und wir beschlossen also, hier und jetzt unser Zelt aufzuschlagen und den Campingplatz nicht mehr aufzusuchen. Der Standort war der Traum eines jeden Campers: Ein Zeltplatz mit Blick aufs Meer und drehte man sich um 180 Grad, konnte man den Snæfellsjökull und seine Gletscher bewundern - es war einfach nur perfekt! Nicht ohne Grund gilt der Snæfellsjökull als der schönste Berg Islands. Es dauerte nicht lange und wir waren bettfertig sowie bereit, die Eindrücke des Tages zu verarbeiten. Schließlich würde es morgen gleich munter weitergehen... Gute Nacht vom wohl schönsten Nachtlager Islands!