Aufgrund von Schmatzgeräuschen, die die Kühe während des Verspeisens meines Zeltes von sich gaben, wachte ich auf. Tatsächlich hatten die Tiere begonnen auf meinen Abspannleinen herumzukauen und gerade wollte ein Kalb versuchen, sich am Zelteingang zu schaffen zu machen. Ich verscheuchte die neugierigen Tiere und machte mich anschließend abfahrbereit. 9.00 Uhr war ich wieder auf der Ringstraße. Ich war froh den Rückenwind gestern noch ausgenutzt zu haben, denn nun war davon nichts mehr zu spüren. Jetzt waren es aber auch nur noch 8 Kilometer bis zum ersten Zwischenstopp, dem Seljalandsfoss. Eigentlich hatte ich diesen schon beim Trampen von Maurizio gezeigt bekommen, aber trotzdem wollte ich mir den 66 Meter hohen Wasserfall noch einmal in Ruhe ansehen. Erneut schlenderte ich den schmalen Weg hinter dem Wasserfall entlang und wieder faszinierte mich diese ganz andere Perspektive. Anschließend setzte ich meinen Weg in Richtung Norden fort und erreichte einen weiteren Wasserfall, der aber weitaus versteckter liegt, als sein berühmter Nachbar. Der Gljúfrabúi (übersetzt "Schluchtenbewohner") ist tatsächlich verborgen hinter einer hohen Felswand. Um einen Blick auf den Wasserfall werfen zu können, muss man sich zuerst flussaufwärts bewegen und dabei von einem Stein zum anderen balancieren, weil man sonst nasse Füße bekommen würde. Aber die Mühe lohnt sich definitiv. Hat man erst einmal das innere der Schlucht erreicht, bekommt man beinahe das Gefühl, man könne jeden Moment von den Wassermassen überschüttet werden. Als ich nach oben blickte, strahlte mir das Tageslicht entgegen. Trotzdem fühlte ich mich wie in einer Höhle. Das Rauschen hallte von den Felswänden wider und produzierte eine dementsprechend laute Geräuschkulisse. Nach diesem kleinen Abenteuer blieb ich noch eine Weile auf dem nahegelegenen Campingplatz, denn die Sonne sorgte für angenehme Temperaturen und ich hatte noch eine mehrere Stunden Zeit, bis die Fähre den Hafen verlassen würde. Auf dem Informationsschild des Seljalandsfoss war von einem Wald die Rede, der weiter südlich liegen würde. Dort sei wohl auch eine Höhle zu finden. Ich entschloss mich dazu, diesen Wald zu besuchen. Als ich ankam, fuhr gerade ein Wohnmobil auf das Gelände, obwohl am Eingang ein großes Schild mit der Aufschrift "Campen verboten" zu lesen war. Erst später erfuhr ich, dass das Ehepaar die Besitzer des Waldes sind. Das Grundstück hatte neben dem kleinen Wald auch eine Wiese mit Sitzbänken und Tischen zu bieten und auch hier ließ ich die Sonne einen Moment in mein Gesicht scheinen. Im Anschluss erkundigte ich mich bei den Besitzern nach der Höhle. Sie deuteten auf einen kleinen Waldpfad und drückten mir eine Taschenlampe in die Hand. Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg. 4 Minuten später war ich an der winzigen Höhle angekommen. Diese führte etwa 15 Meter in den Berg hinein und war nicht sonderlich spektakulär. Da fand ich die Aussicht vom Felsen, der sich auf dem hinteren Teil des Grundstücks befand, noch ein bisschen lohnenswerter. Von hier aus konnte man die Westmänner Inseln sogar schon sehen und hatte einen guten Blick über das Mündungsgebiet des Flusses Markarfljót.
Schließlich entschied ich, nun den Weg zum Hafen einzuschlagen, auch wenn ich eigentlich viel zu früh ankommen würde. Die Fähre hatte ich vorgestern gebucht und zu diesem Zeitpunkt schien auf jeder früheren Fähre kein Platz mehr frei zu sein. Ich erreichte den Hafen, als gerade eine Fähre den Hafen verließ. Es war 15.45 Uhr und meine Verbindung würde 20.45 Uhr ablegen. Im Hafengebäude bat ich die Mitarbeiterin darum, mir mein Ticket auszudrucken. Als sie verstand, dass ich mit dem Fahrrad gekommen war und noch so lange warten müsste, bot sie mir an, das Ticket auf die frühere Fähre umzuschreiben. Ich war überrascht, dass das überhaupt noch möglich war, bedankte mich aber herzlich und nahm das Angebot natürlich an. Somit reihte ich mich gegen dreiviertel sechs in die Reihe wartender Autos ein und 18.00 Uhr stand ich auf dem Deck des Schiffes und blickte auf den kleinen Hafen. Wir legten pünktlich eine Viertelstunde später ab. Trotz einer ziemlich kühlen Brise auf dem Schiff, wollte ich unbedingt an Deck bleiben und die Fahrt an der frischen Luft erleben. Der Wellengang war ziemlich deutlich spürbar, auch weil die Fähre nicht besonders groß war. Die Möwen flogen nahe am Bug des Schiffes und die Sonne tat ihr bestes, den leichten Nebel auf dem Meer zu beseitigen. Schon nach der Hälfte der dreißigminütigen Fahrt zogen die ersten kleinen Inseln an der Fähre vorbei. Es dauerte nicht lange und die Hauptinsel Heimaey baute sich vor dem Schiff auf. Die letzten 10 Minuten fuhren wir an spektakulären Felsen vorbei und schon jetzt merkte ich, dass sich dieser Ausflug gelohnt hatte. Vom Hafen fuhr ich nur 10 Minuten bis zum Campingplatz. Dieser befand sich zwischen zwei Hügeln und wirkte sehr einladend auf mich. Ich baute mein Zelt auf und erkundete Stück für Stück den Luxus des Zeltplatzes: eine Küche, Duschen, herrliche Lage und nicht zu teuer. Ich freute mich darauf, hier zwei Nächte zu verbringen. Aufgrund der späten Ankunft wollte ich nämlich den gesamten morgigen Tag nutzen, um die Insel an der Insel zu entdecken. Erst am 18.08. würde ich dann 7.00 Uhr meinen Rückweg antreten.
Nun freute ich mich auf eine schöne, heiße Dusche. Und von nun impliziert der Begriff "Warmduscher" keine schlechte Eigenschaft mehr. Jeder Mensch, der warm duscht, ist völlig im Recht und folgt nur dem natürlichen Instinkt eines normalen Menschen. Die Dusche war kalt. Doch nun war ich in der Duschkabine und es gab kein zurück mehr. Also nahm ich heute eine kalte Dusche... nie wieder! Wenn ich eins nicht kann, dann ist es kalt duschen.
Ich kuschelte mich in meinen Schlafsack und versuchte, das Trauma aufzuarbeiten. Gute Nacht!