Als ich heute Morgen erwachte, wollte ich eigentlich lieber noch eine Weile liegenbleiben. Und das machte ich dann auch einfach. Ich gönnte mir noch eine Stunde im Schlafsack und überlegte ein bisschen, wie ich meine Restzeit hier in Island noch gestalten könnte. Schließlich hatte ich bisher keinen einzigen der "Notfalltage" benötigt, weil alles nach Plan gelaufen war. Im Gegenteil: Ich war dem Plan sogar noch einen Tag voraus...
Nachdem ich also einen gemütlichen Morgen verbracht hatte, frühstückte ich und packte meine Sachen zusammen. Pünktlich zur Abfahrt fielen ein paar Regentropfen vom Himmel. Meine ersten 10 Kilometer führten mich um den gestern bestiegenen Reynisfjall herum. Im Anschluss bog ich von der Ringstraße ab, um den berühmten Reynisfjara-Strand zu besichtigen. Trotz bewölktem Himmel und vereinzelten kurzen Schauern erkundete eine Menge anderer Touristen die von Basaltsäulen ausgekleidete kleine Höhle. Von diesem Strand aus waren die Reynisdrangar (Trollfelsen) noch besser sichtbar. Richtete man den Blick auf die Küstenfelsen, entdeckte man auf einem Felsvorsprung mehrere Papageientaucher, von denen ab und zu einer einen spektakulären Sturzflug aufs Meer startete.
Der Rückweg auf die Ringstraße kostete mich eine ganze Weile, aber dann ging es mit Rückenwind wieder schnell voran. Bald erblickte ich einen Parkplatz, der völlig mit Autos bedeckt war. Aber weit und breit war keine Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Dann fiel mir ein, dass es sich hier wohl um den Ausgangspunkt der Wanderung zum Flugzeugwrack des DC-3 handeln musste. Meta hatte diesen Ort schon einmal erwähnt und auch Maurizio hatte mir während des Trampens davon berichtet. Ich las auf dem Informationsschild, dass keine motorisierten Fahrzeuge erlaubt seien, um zum Flugzeug zu gelangen. Der Weg sei 3,5 Kilometer lang. Ein Shuttle-Bus verkehrte regelmäßig, welcher sich seinen Service aber auch ordentlich kosten ließ. Die meisten Touristen waren deshalb zu Fuß unterwegs. Ich betrachtete die Schotterstraße, die ziemlich kerzengerade durch die wüstenähnliche Landschaft führte und kam zum Schluss, dass ich es mit dem Fahrrad versuchen könnte. Während mich auf der Ringstraße die meisten Autofahrer bemitleidend aus ihrem Gefährt beobachteten, spürte ich auf diesem Weg häufiger neidische Blicke. Ich glaube, viele der Wanderer hätten sich eine effizientere Fortbewegungsart durch die monotone Landschaft gewünscht. Zugegeben: Hätte ich mein Fahrrad nicht gehabt, wäre ich definitiv nicht bis zum Flugzeug gelaufen. Eine insgesamt 2-stündige Wanderung für ein Bild von einem verunglückten Flugzeug... Da wäre mir meine Zeit denke ich zu kostbar gewesen. Aber mit dem Fahrrad brauchte ich etwa eine halbe Stunde für Hin- und Rückweg.
Am 21. November 1973 stürzte hier das Militärflugzeug DC-3 der US-Army im Anflug auf Höfn í Hornafirði ab. Grund war unter anderem das schlechte Wetter und der deshalb abgebrochene Funkkontakt. Zudem zeigte die Tanknadel wohl gen Null. Der Pilot traf die Entscheidung, eine Notlandung am Strand von Sólheimasandur vorzunehmen. Das Wrack wurde dann am Strand zurückgelassen. Heute ist es mit Graffitis und eingeritzten Namen übersät. Berühmt wurde das Wrack auch durch den Sänger Justin Bieber, der hier eine Szene eines seiner Musikvideos drehte.
Ich muss zugeben, dass dieses Wrack inmitten des schwarzen Sandes schon ein spektakuläres Bild abgibt.
Nach einem 15 minütigen Aufenthalt kehrte ich zu Ringstraße zurück und setzte meine Reise fort. Bis zum Tagesziel, dem Campingplatz am Skógafoss, waren es noch knapp 10 Kilometer. Da ich den Wasserfall schon mit Maurizio besucht hatte, fiel meine Besichtigung kürzer aus. Doch in dieser Zeit blickte die Sonne kurz hinter den Wolken hervor und ließ einen Regenbogen entstehen.
Im Anschluss entschied ich mich, weiterzufahren. Zum einen gefiel es mir nicht, an einem Ort zu zelten, an dem sich ein nicht aufhörender Touristenstrom befand, zum anderen wollte ich den herrlichen Rückenwind ausnutzen. Schließlich könnte morgen alles schon wieder ganz anders aussehen. Gegen halb drei verließ ich den Skógafoss und nach weiteren 30 Kilometern (insgesamt 70 Kilometern) hätte ich beinahe den nächsten Campinglagen erreicht. Doch dann hatte ich irgendwie Lust, mal etwas anderes zu machen. Ich hatte gerade Halt an einem Rastplatz gemacht, an dem sich auch eine Art winzige Lehmhütte befand. Diese wurde 1948 gebaut und zum Schutz der Milchkannen genutzt. Teilweise warteten auch die isländischen Kinder darin auf den Bus. Die meisten dieser Hütten existieren heute nicht mehr. Diese hier wurde aber erhalten. Direkt neben dem Rastplatz befand sich ein Bauernhof. Ich fragte also auf dieser Farm, ob ich eventuell auf dem Gelände für eine Nacht campen könnte. Der Besitzer hatte nichts dagegen und so fand ich meinen Platz für die Nacht. Ich baute mein Zelt auf der Wiese neben dem Farmhaus auf. Die Kühe, die dort weideten, beobachteten mich aufmerksam und kamen immer näher. Bald begannen sie, mein Zelt und mein Fahrrad abzulecken. Ich ließ sie gewähren. Schließlich waren sie einfach nur neugierig und irgendwie war es auch ein bisschen witzig, wie ich da inmitten dieser Traube von Kühen mein Zelt aufbaute. Viel gab es hier nicht zu tun, also ergab ich mich meiner Müdigkeit und legte mich in mein Zelt. Gegen 20.00 Uhr wachte ich wieder auf. Anscheinend hatte ich das gebraucht. Ich putzte mir meine Zähne, las noch ein wenig in meinem Buch und setzte dann meinen Schlaf fort. Gute Nacht!