Das Sportfest, die Uni
und der weinende Stein

Von einem Wochenende voller sportlicher Aktivitäten, einem Besuch der Universität in Kakamega und der Geschichte vom berühmten weinenden Stein.

14. und 15. Oktober 2023

Samstag.
Nach einer aufregenden Woche, in der ich meine ersten Unterrichtsstunden gehalten hatte und die ersten Jahresabschlussprüfungen schon stattgefunden hatten, war es nun Zeit einen traditionsreichen Entspannungstag mit den Schülerinnen der Abschlussklassen zu erleben. Bevor die Schülerinnen nämlich vollkommen in den Prüfungsstrudel eintauchen würden, sollte es heute noch einmal einen Tag zum Relaxen geben. Schon kurz nach meiner Ankunft hier in Kenia hatte mich Kathrin (Klassenleiterin einer der Abschlussklassen) gefragt, ob ich sie und die anderen 5 Klassenlehrerinnen als Aufsicht und Fotografin begleiten würde. Ich überlegte natürlich nicht lange.
Das Programm für heute war recht einfach gehalten: Nach einem Ausflug zu einem Tagungszentrum (Bishop Nicolas Stam Pastoral and Animation Center), sollte uns der Bus zu einem Hotelgelände bringen, wo ein kleines Sportprogramm stattfinden sollte. Für eine Stärkung würde es dann wieder zurück zum Tagungszentrum gehen. Auf dem Weg zurück zur Schule sollte es dann noch die Möglichkeit für einen kleinen Einkauf im Supermarkt geben.
Früh ging es also los - pünktlich um 8 erschien ich im LehrerInnenzimmer. Eigentlich war es nicht wirklich eine Überraschung, dass ich dort erst einmal die einzige war. Mittlerweile sollte ich eigentlich gelernt haben, dass ich auf jede Treffzeit immer schon einmal die kenianischen 15 Minuten addieren konnte. Weil ich selbst meine Probleme mit Pünktlichkeit habe, sollte mir diese kulturelle Besonderheit in Zukunft aber keine Probleme machen. Kathrin tauchte als erste auf und erklärte mir, dass außer ihr noch keine Klassenleiterin anwesend sei. Nach ein paar Telefonaten füllte sich dann langsam der Vorhof der Schule und Schülerinnen versammelten sich, um in die 6 großen Schulbusse einzusteigen. Die Schule hat offiziell zwei Busse, aber für den großen Ausflug hatte sich die Mukumu Girls' Schule Busse von benachbarten Schule geliehen. Auch mir wurde eine Klasse zugeordnet und ich war bereit in den zugehörigen Bus einzusteigen. Alle Schulbusse sind übrigens gelb, damit sie von Verkehrspolizisten erkannt und nicht angehalten werden. Bevor ich aber meinen Platz im Bus suchen konnte, rief mich die Schulleiterin Schwester Jane zu sich. Sie nahm mich an die Hand und fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihr im Auto zu fahren. Und ob ich Lust hatte... Ich stieg in das kleine private Auto ein und es ging Richtung Kakamega. Auf der Fahrt unterhielten wir uns kurz und Schwester Jane gab mir noch eine passende Kopfbedeckung, schließlich war pralle Sonne angesagt. "Feed a Child" war auf der rosa Sonnenkappe zu lesen. Das ist eine NGO in Kenia, die Geld von Schulen sammelt und dann an Waisenkinder verteilt. Vor einer Weile hatte die Schule in Mukumu an einer Wohltätigkeitsaktion teilgenommen, bei der 5 Kilometer gelaufen wurden, um Geld zu sammeln.


Das Gelände, auf das das Auto ca. 15 Minuten später einbog, beeindruckte mich. Alles war grün gehalten und erinnerte an eine Art Parkanlage. Neben dem Hauptgebäude in der Nähe des Eingangs, gab es noch etwa ungefähr 8 kleinere Gebäude, die sich auf dem Gelände verteilten. Dazwischen konnte man Guavenbäume, Palmen und Avocadobäume bewundern. Auch Schafe und Ziegen (die natürlichen Rasenmäher) befanden sich an Pflöcken befestigt überall verstreut auf dem Gelände. Es dauerte nicht lange bis die ersten Schülerinnen mich fragten, ob ich ein paar Fotos von ihnen machen könnte. Und von da an hieß es für mich erstmal: knipsen, knipsen, knipsen. 

Mobirise Website Builder

Einen speziellen Wunsch hatte dann noch Herr Oyango, ein Mitglied der Schulleitung.
Er wünschte sich ein Bild mit den beiden einzigen weißen Schülerinnen der Abschlussklassen.


Eine Stunde und 184 Bilder später versammelten sich dann alle wieder an den Bussen. Das nächste Ziel: Das Golf Hotel. Das Hotelgelände streckt sich ziemlich weit und schloss unter anderem eine große Wiese ein, die ein idealer Ort für sportliche Aktivitäten war. Doch bevor das Sportprogramm starten sollte, überraschten die Schülerinnen ihre Schulleiterin noch mit einem Geschenk, um Danke zu sagen. Nach ein bisschen Organisationszeit ging es dann los. Wir begannen mit einer kleinen Erwärmung, die unter anderem auch die Übungen "menschliche Schubkarre" und "Huckepack" beinhaltete. Mit "wir" meine ich übrigens mich mit eingeschlossen, aber nach der Erwärmung nahm ich dann irgendwann doch meine Rolle als Fotografin ein. Anschließend konnten die Mädchen in Gruppen individuell Erwärmungsspiele spielen. Die Stimmung war fantastisch und der Lautstärkepegel dementsprechend hoch. Für die Wettläufe in verschiedenen Disziplinen waren alle Feuer und Flamme. Ab hier sagen wohl Bilder mehr als Worte...


Der Staffellauf, in dem auch ein LehrerInnen-Team antrat, bildete den Abschluss der sportlichen Aktivitäten. Doch eigentlich war es nicht der letzte Programmpunkt, aber der sich durch Donner ankündigende Regen setze dem Programm ein natürliches Ende. Nun bahnten sich alle ihren Weg zum Hotel, um Unterschlupf zu finden und sich zudem eine Erfrischung (in Form eines Getränks) abzuholen. Der Regen vermieste aber niemandem die Stimmung. Im Gegenteil: Es wurde Musik angemacht und im Regen getanzt. Als dann alle erfrischt waren, ging es zurück zu den Bussen und zum Tagungszentrum, wo sich die Mädchen und die Lehrkräfte dann stärkten. Die Essensauswahl war riesig. Für mich gab es Chapati mit Kohl und Rührei. Bevor wir dann den Rückweg antraten, war noch genug Zeit für eine weitere Fotosession, was die Gesamtzahl der Bilder auf 400 ansteigen ließ.


Es ist immer schwierig solche Tage in Worten zu beschreiben, deshalb soll hier ein Video als Zusammenfassung dienen. Bitte erwartetet keine krassen Videobearbeitungskünste, ich bin keine YouTuberin. :P


Sonntag. 
Um einen Einblick in das kenianische Bildungssystem zu bekommen, fehlte mir noch die Universitätsperspektive. Ophilo wollte mir schon länger die Uni in Kakamega zeigen und diesen Sonntag hatten wir Zeit dafür gefunden. 
Die Masinde Muliro Universität der Wissenschaft und Technologie (kurz: MMust) ist nach Masinde Muliro benannt, der ein berühmter Politiker in Kenia war. 
Ophilo zeigte mir die verschiedenen Gebäude auf dem ziemlich großen und auffällig grünen Campus. Auch ein großer Sportplatz war auf dem Gelände zu finden. Wir trafen ein paar seiner FreundInnen und schauten uns auch das kleine medizinische Versorgungsgebäude an, in welches Ophilo nach dem Überfall auf seine Studentenbude eingeliefert wurde. Von dort aus wurde er dann ins Krankenhaus in Kakamega gebracht. Ich bin immer wieder überrascht wie offen Ophilo über den Vorfall spricht, obwohl das Ganze nicht mal ein Jahr her ist. 
Neben der großen Bibliothek sahen wir auch die Labore für die Physikstudierenden und die Wohnheime sowie das große Hauptgebäude. Außerdem liefen uns ein paar Kühe über den Weg, die für die Landwirtschafts-Studierenden zur Forschung gedacht sind. Ich erfuhr von Ophilo, dass diese Kühe - im Gegensatz zu den Kühen, die ich bisher gehen hatte - nicht als Essen eingeplant sind. Wir spazierten für etwa 30 Minuten über das Gelände und ich war begeistert davon, wie naturbelassen der Campus gehalten war. Überall gab es Grünflächen mit Bäumen und Bänken, wo gelernt werden kann. Trotzdem erklärte mir Ophilo, dass es für die meisten ein Privileg sei, hier studieren zu können. Seit Kenia einen neuen Präsidenten hat, sind alle Kosten in die Höhe geschnellt. Menschen leiden unter der aktuellen Situation. Es ist immer wieder aufs Neue eine Herausforderung, die Studiengebühren aufzubringen. Er ist zum Beispiel aus seinem Schuljahrgang einer von 4 Absolventen, die studieren. Die restlichen 90% beendeten ihren Bildungsweg eher oder konnten sich ein Studium nicht leisten.

Mobirise Website Builder

Masinde Muliro

1922-1992, kenianischer Politiker, berühmt in den 1980ern für seinen Einsatz für ein Multiparteiensystem in Kenia, unterstützte die Gründung der Universität 


Nach unserem Ausflug an die Uni und einem kleinen Einkauf wollten wir anschließend noch einmal zum Haus in Mukumu zurück, um die Einkäufe abzustellen. Dort warteten schon unsere treuen FreundInnen auf uns. Leider konnten wir uns diesmal nur kurz unterhalten, denn Ophilo und ich hatten noch weitere Pläne: Wir wollten die zweite große Attraktion (neben dem Kakamega-Regenwald) in der Gegend besuchen:
The Crying Stone of Ilesi (der weinende Stein von Ilesi).
Der 8 Meter hohe Stein, in der lokalen Sprache übrigens "Ikhongo Murwi" genannt, wird deshalb als weinender Stein bezeichnet, weil er aussieht wie eine Figur, die mit hängendem Kopf bitterlich weint. Warum dieser Stein nun aber weint, sollten wir auf unserem Ausflug erfahren... Auf dem Weg zum Stein waren einige kleinere Höhlen zu sehen. Wir erfuhren, dass die Gegend früher von den Isukhas bevölkert war, einem Volksstamm zugehörig zu dem Luhya-Stamm, einer der ca. 40 immer noch bestehenden Stämme in Kenia.

Mobirise Website Builder

https://maps-kenya-ke.com/kenya-tribes-map

Ethnische Gruppen in Kenia

In Kenia gibt es ca. 40 ethnische Gruppen mit unterschiedlichen Kulturen und insbesondere unterschiedlichen Sprachen. Suaheli ist die Sprache, die alle Stämme vereint, aber die Alltagssprache bleibt immer die Stammessprache. In Kakamega leben hauptsächlich Luhyas, die die gleichnamige Sprache Luhya sprechen. Ein Stamm, der in Europa geläufig ist, ist der Stamm der Masai. Sie sind berühmt für ihre spezifische Kultur (ihre Kleidung, Tänze und Ohrenschmuck).


Wir erfuhren dann, dass die Höhlen früher genutzt wurden, um Opfer zu bringen oder um Beschneidungen und andere Rituale durchzuführen. Ein spezifischer Brauch vor vielen Jahren betraf zum Beispiel Stammesmitglieder, die einen Mord begangen hatten. Sie mussten ein schwarzes Schaf in die Höhle bringen und sich mit dem Schafblut einrieben und sich dann abwaschen, um sich vom Geist des ermordeten Menschen zu befreien. Früher war dieser Ort also eine Art Kultstätte für die Einheimischen in der Gegend. Heute ist der Stein eine Sehenswürdigkeit und interessierte TouristInnen werden von Tourguides begleitet. So bleiben die jahrhundertealten Geschichten erhalten... Von den beiden Guides, die uns zum Stein begleiteten, erfuhren wir dann drei Varianten der Geschichten, die über den mysteriösen Stein erzählt werden...

Kenya wird durchzogen vom großen afrikanischen Grabenbruch (Great Rift Valley). Im Verlauf der Bildung des Grabenbruchs entstanden zahlreiche Vulkane. Uns wurde erklärt, dass der weinende Stein durch einen Vulkanausbruch von einem dieser Vulkane nach Kakamega geschleudert wurde.

Es wird erzählt, dass es sich bei dem Stein um einen König handelt, der einst in Kakamega über das Isukha-Volk herrschte. Er war so stur und grausam, dass er von der dortigen Gemeinde für eine Zeit nach Ägypten verbannt wurde. Dort blieb er für 4 Tage. Danach kam er mit einem Schiff nach Ilesi zurück. Das Schiff und auch sein Gepäck sind in Form von Steinen neben und hinter dem König zu finden. In Ilesi musste der König aber feststellen, dass seine Frau und Kinder ihm nach Ägypten gefolgt waren, ohne ihn zu finden. Der König wurde traurig und wütend, aber weil er sich nicht gebessert hatte, wurde er von den Göttern versteinert. Im Moment als er versteinert wurde, schaute er in Richtung Ägypten und weinte um seine Frau und Kinder.

Auch wenn die wahre Geschichte dem Stein wohl ein wenig seinen Zauber nimmt, soll sie hier erwähnt werden: Unter dem kleineren Stein (dem Kopf der Figur) befindet sich eine kleinere Kuhle, die sich bei Regen mit Wasser füllt. Jedes Jahr im August (zur Fledermaussaison) kommen dann Fledermäuse in die Gegend und baden in dieser kleinen Wasserlache. Die Geräusche, die die Tiere von sich geben und das Wasser, das dann überläuft und am Stein herunterfließt, ließ die Menschen früher glauben, dass der Stein tatsächlich weinen würde.

Website Building Software