Der Wetterbericht hatte mir ja schon angedeutet, dass heute ein schöner Tag werden könnte, aber dass ich solch ideale Bedingungen zum Radfahren vorfinden würde, hatte ich nicht erwartet. Als ich den Campingplatz in Skaftafell verließ, spürte ich einen leichten Rückenwind. Die Temperaturen befanden sich geschätzt bei etwa 15 °C und die Sonne schien gewillt, diese Zahl noch etwas zu steigern. Als ich auf die Ringstraße einbog, hatte ich eine noch bessere Ausrichtung zum Wind und ich bewegte mich auf der Geraden mit 20 bis 22 km/h. Das hatte ich die gesamte Tour noch nie über eine längere Distanz erlebt. Bald näherte ich mich einer der regelmäßig platzierten Informationstafeln an der Ringstraße. Hinter dieser konnte ich eine Art demolierten Stahlträger erkennen. Ich ahnte, worüber die Texte berichten würden. Zuerst gab es noch ein paar faszinierende Fakten über den Hvannadalshnúkur, den höchsten Berg Islands.
Dieser ist 2120 Meter hoch und eine Spitze des 5 Kilometer breiten Vulkankraters Öræfajökull. Der Öræfajökull ist ein aktiver Vulkan. Sein letzter Ausbruch ist nun aber schon 300 Jahre her.
Bei meiner gestrigen Wanderung hatte ich neben dem Hvannadalshnúkur auch die riesige Sanderfläche Skeiðarársandur betrachten können, die sich über 1000 Quadratkilometer erstreckt und welche von vielen kleineren Flüssen durchzogen ist. Am 5. November 1996 kam es hier zu einem echten Naturspektakel. Nach einem Vulkanausbruch des Grimsvötn, der sich im Vatnajökull befindet, sammelte sich immer mehr Schmelzwasser im Gletschersee des Vulkans. Dass die Flut, die anschließend den gesamten Skeiðarársandur mit Wasser überzog, stattfinden würde, war bekannt. Doch die Geschwindigkeit der Ströme überraschte die Experten trotzdem. Die Fließgeschwindigkeit befand sich bei 50.000 Kubikmeter pro Sekunde und war somit mehr als doppelt so hoch, wie ursprünglich erwartet. Im gesamten Gebiet wurde alles, von Menschenhand gebaute, vollkommen zerstört. Keine Brücke, keine Straße blieb erhalten. Zur Erinnerung wurde neben den Infotafeln die ehemalige Brücke platziert. So kann man erahnen, welche enormen Kräfte die Fluten entwickelten.
Die Ringstraße führte mich weiter durch den Sander über die vielen kleinen Bäche und Flüsse. Die Überquerung dieser erfolgt mittels sogenannter Einbreið brú (einspuriger Brücken), die in Island einmalig sind. Problematisch ist, dass wie der Name sagt, nur ein Auto auf die Brücke passt, was kein Problem wäre, wenn es eine klare Vorfahrtsregel gäbe. Aber es gibt keine. Vermutlich war aufgrund des äußerst spärlichen Verkehrs in der Vergangenheit nie eine Regel nötig. Wie ich erfahren musste, gab es schon einige Unfälle, auch weil die Brücken teilweise schlecht einsehbar sind. Doch in der Regel gibt es keine Schwierigkeiten, weil die meisten Touristen vorsichtig sind. Ich erlebte eigentlich auch deutlich öfter, dass beide Seiten warteten, als dass beide Seiten fuhren.
Auch die restliche Etappe blieb der Wind in meinem Rücken und ich genoss dieses Privileg in vollen Zügen. Wie oft hatte ich gegen diesen Wind ankämpfen müssen und jetzt war er auf meiner Seite! Nachdem sich auf meinem Weg noch ein paar schöne Wasserfälle und ein riesiger Felsen namens Lómagnúpur gezeigt hatten, kam ich in Kirkjubæjarklaustur an. Ich fuhr zum Campingplatz und ließ mein Zelt trocknen, dass ich in Skaftafell nach nächtlichem Regen nass hatte einpacken müssen. Dann ließ ich mir mein Mittagessen schmecken und genoss anschließend eine erfrischende Dusche, für die ich das erste Mal isländisches Münzgeld nutzte. Jetzt waren meine Grundbedürfnisse wieder erfüllt und ich konnte mich den Schönheiten der Gegend widmen. Ich folgte mit dem Fahrrad der Hauptstraße des Ortes und kam bald an einem Denkmal vorbei, das zwei Nonnen zeigte, die einen große Felsen trugen. Kirkjubæjarklaustur (Isländer nennen die Stadt auch gerne nur "Klaustur") hat eine lange Geschichte und viele Sagen und Erzählungen ranken sich um diesen Ort. Laut des Landnahmebuches waren die ersten Siedler irische Mönche, die einen Fluch über die Stadt legten: Heiden hätten von nun an in dieser Stadt keine Existenzberechtigung mehr. Hildir Eysteinsson, der keinem Glauben zugehörig war, soll auf der Stelle tot umgefallen sein, als er die Grenzen zur Stadt übertrat. 1186 wurde hier ein Nonnenkloster des Benediktinerordens gegründet und bestand bis zur Reformation. Die Namen der bekannten Sehenswürdigkeiten des Ortes sind auf die Nonnen des Klosters zurückzuführen. Ich folgte dann einem schmalen Wanderweg und erreichte bald einen erstaunlich großen Wald. Zu Beginn war das Aufforsten dieses Gebietes ein Privatprojekt der Familien in Klaustur und der umliegenden Farmen, weil diese Erosionen am Hügel befürchteten und so ihre Grundstücke schützen wollten. 1945 wurde hier die ersten Setzlinge gepflanzt, die sich heute zu großen Birken, Lärchen, Kiefern und Fichten entwickelt haben. 1966 wurde dieser Wald vom isländischen Waldservice übernommen. Heute wächst hier der höchste Baum Islands, der 2016 eine Größe von über 27 Metern vorzuweisen hatte.
Ich stellte mein Fahrrad ab und folgte dem schmalen Wanderweg, der sich durch den Wald schlängelte. Nach einem recht steilen Aufstieg stand ich vor dem Systravatn (deutsch: "See der Schwestern"), in welchem die Nonnen regelmäßig ihre Bäder nahmen. Eine Erzählung berichtet von zwei Nonnen, die hier einst badeten, als nicht weit von ihnen eine Hand die Wasseroberfläche durchdrang. In der Hand befand sich ein wunderschöner goldener Kamm. Die beiden ergriffen die Hand und wurden ins Wasser gezogen. Niemand hatte sie seitdem je wieder gesehen...
Der See war nicht weit von der Kante des Felsens entfernt und ich konnte von dort einen Blick auf die Stadt werfen.
Auch der Vatnajökull war von hier aus wieder gut zu erkennen. Nachdem ich zurück am Fuß des Hügels angekommen war, fuhr ich mit dem Fahrrad noch ein Stück weiter und erreichte einen beinahe zylinderförmigen Felsen, der direkt neben dem Gletscherfluss Skaftá herausragte. Vor fast 250 Jahren bewegte sich hier ein Lavastrom auf Klaustur zu.
Während dieser Ausbrüche der Skaftáreldar im Jahre 1783 soll der Pfarrer Jón Steingrímsson in Kirkjubæjarklaustur gelebt haben. Er sah diese Naturkatastrophe als eine Strafe Gottes für des lasterhaften Lebens der Isländer. Deshalb veranstaltete er einen Gottesdienst und hielt seine berühmten Feuerpredigten. Der Legende nach soll der Lavastrom im Flussbett während des Gottesdienstes zum Stehen gekommen sein. Eine kleine Kapelle (1974 errichtet) am Friedhof des Ortes, wo sich auch das Grab des Pfarrers befindet, erinnert an den "Retter in der Not".
Meine letzte Station führte mich östlich von Klaustur zum sogenannten Kirkjugólfið (deutsch: "Kirchenpflaster"). Tatsächlich könnte man denken, dieser kleine scheinbar gepflasterte Bereich, sei nichts Besonderes und von Menschenhand gemacht, aber diese Ansammlung von Steinen ist natürlich entstanden. Die vermeintlichen Pflastersteine sind in Wahrheit sechseckige Lavasäulen aus Basalt.
Nun war es für mich Zeit, zu meinem Zelt zurückzukehren. Morgen werde ich dann mit dem Bus weiterfahren, denn die 70 Kilometer lange Strecke bis nach Vík í Mýrdal zeichnet sich vor allem durch trockene Lavafeldern aus.
Der Bus verlässt Kirkjubæjarklaustur erst 10.30 Uhr. Das heißt für mich: Ausschlafen. Gute Nacht!