Per Anhalter durch Island

Den heutigen Tag verbrachte ich damit, mir meinen Weg zurück nach Skaftafell zu bahnen. Ich versuchte es auf dem abenteuerlichen Wege und "hielt meinem Daumen raus". Dass Trampen so bereichernd sein kann, hätte ich allerdings nicht erwartet.

12. August 2019

Trotz der nächtlichen Ankunft im Gasthaus, ließ ich mich heute Morgen schon 6.30 Uhr vom Weckerklingeln wecken. Schließlich galt heute "Je früher, desto besser", was meinen Plan betraf, wieder zurück nach Skaftafell zu reisen. Diesmal stand mir nämlich kein persönliches Taxi zur Verfügung. Ich hatte also nun zwei Möglichkeiten: Bus fahren oder trampen.  Mit dem Bus gefühlt die halbe Insel abzufahren ist aber recht teuer, letztendlich aber eine sichere Variante. Beim Trampen wiederum hatte ich die Befürchtung, niemanden zu finden, der in meine Richtung will. Gestern hatte ich mir deshalb schon einen Mittelweg überlegt: Es fahren montags genau zwei Busse von Reykjavik nach Skaftafell - einer morgens und einer nachmittags. Der spätere Bus würde aber auch erst kurz vor Mitternacht in Skaftafell ankommen. Ich entschied also, mich am früheren Bus zu orientieren und den späteren Bus als Notfallvariante im Auge zu behalten. Mein Plan war dementsprechend per Anhalter zu fahren, mich aber jeweils nur an Bushaltestellen absetzen zu lassen, um im Notfall auf das öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen zu können. 
Gunnlaugr brachte ich mich nach einem kurzen Frühstück extra noch von Mosfellsbær an die Route 1, von der aus ich bessere Chance hatte, mitgenommen zu werden. An der Tankstelle besorgte ich mir ein Pappschild und beschriftete es mit meinem gewünschten Ziel "Skaftafell" - denn wenn schon per Anhalter, dann richtig.
Gegen 8.00 Uhr stellte ich mich also an die Ringstraße, hielt mein Schild vor mich und streckte ganz klassisch den Daumen raus. Es dauerte keine 5 Minuten und ein LKW-Fahrer hielt an. Er war auf dem Weg nach Selfoss und bereit mich mitzunehmen. Glücklich stieg ich ein, denn so waren mir die ersten 50 Kilometer sicher und in Selfoss könnte ich theoretisch wieder den Bus nehmen. Da der Fahrer des roten LKWs einen Stecker im Ohr hatte, wollte ich ihm kein Gespräch aufdrängen und so blieb es die 40-minütige Fahrt ruhig. In Selfoss angekommen, versuchte ich erneut mein Glück. Diesmal dauerte es etwas länger, aber nach etwa 10 Minuten hielt Eddie an. Eddie war auf dem Weg zu den Vestmannaeyjar, einer Inselgruppe in Südisland. Er brachte mich weitere 50 Kilometer näher zu meinem Ziel. Diese Fahrt war deutlich kommunikativer als die erste. Eddie erzählte mir, dass er Fluglotse sei und sich auf dem Weg zu einer Art Fortbildung oder Training auf dem Flughafen befände. Wir unterhielten uns angeregt und bald diskutierten wir über die isländische Krone und wie instabil diese sei. Er erklärte mir, dass man als Isländer für ein Haus in Island viermal so viel zahlt wie ein Deutscher für ein vergleichbares Haus in Deutschland. Zudem sei es nicht einfach als Isländer in beispielsweise Mitteleuropa ein Haus zu kaufen, weil der Wert der Krone sich so schnell und stark verändert.
Später kamen wir auf seine Familie zu sprechen und Eddie berichtete von seiner Tochter, die Lehramt studiert. So erfuhr ich grob, wie das Schulsystem in Island aufgebaut ist. Bald schon waren wir in Hvolsvöllur angekommen, wo eine sich eine Bushaltestelle befand. Ich verabschiedete und bedankte mich bei meinem netten Fahrer und wieder stellte ich mich an die Ringstraße, um eine Mitfahrgelegenheit zu erhaschen. Und wieder hielt nach kurzer Zeit ein Auto an und ich stieg ein. Diesmal war es ein Italiener namens Maurizio, der 1991 das erste Mal nach Island gekommen war und nun jährlich für 20 Tage Urlaub auf der Insel macht. Er war auf dem Weg zu einer Felsenschlucht im Hochland nahe der Stadt Kirkjubæjarklaustur, weshalb er sich heute ein Fahrzeug mit Allradantrieb ausgeliehen hatte. Mit Maurizio unterhielt ich mich weniger über Ökonomie, sondern mehr über Islands Tourismus und die natürliche Schönheit der Insel. Ich spürte schnell die grenzenlose Begeisterung für das Land, die dieser Mann hegte. Er erzählte mir von den früheren Zeiten, als Island tatsächlich noch fast touristenfrei war. Als ein Wasserfall neben uns auftauchte, fragte Maurizio, ob ich dort eine Pause einlegen wolle. Ich könne ein paar Fotos machen und er wolle einen Freund anrufen. Diese Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Der Seljalandsfoss ist ein 66 Meter hoher Wasserfall, hinter welchen man mittels eines kleinen Pfades gelangen kann. So sieht man die fallenden Wassermassen von einer ganz neuen Perspektive. Aber Achtung: Der Weg hinter den Wasserfall ist ziemlich rutschig und wenn der Wind es so will, wird man leicht von einem Regenguss überrascht. Nach einem etwa 20-minütigen Halt setzen wir unsere Tour fort. An einem weiteren berühmten Wasserfall namens Skógafoss fragte mich Maurizio wieder, ob ich diesen besichtigen wolle. Wir machten also noch einen kleinen Abstecher und eine Pause. Der Skógafoss begeistert durch seine Breite von 25 Metern. Mein italienischer Fahrer riet mir den kleinen Pfad bis zum Punkt hinaufzugehen, wo die Wassermassen zu fallen beginnen. Ganz der Italiener war er völlig entspannt und einmal sagte er: "Du und ich wir sind hier im Urlaub und nicht auf der Flucht. Ich zeige dir gerne, die Schönheiten Islands." Nach 30 Minuten fuhren wir weiter. Den gesamten Tag hatte ununterbrochen die Sonne geschienen und ich merkte, wie glücklich Maurizio über das gute Wetter war. Wahrscheinlich wollte er deshalb noch einen dritten Umweg fahren, um mir seinen Lieblingsaussichtspunkt auf Island zu zeigen: die 115 Meter hohe Halbinsel Dyrhólaey direkt an der Küste. Der Ausblick war einfach nur herrlich. Neben uns erstreckte sich der schwarze Strand und vor uns schlugen die Wellen des Nordatlantik gegen die Felsen, die aus dem Wasser ragten. Die Sonne sorgte wieder für einen wunderschönen Blauton des Meeres. Als wir zurück auf der Ringstraße waren, wurde mir vorgeführt, wie schnell sich das Wetter in Island tatsächlich ändern kann. Vor uns trieb ein Sandsturm sein Unwesen. Wir fuhren hinein und plötzlich war da keine Spur mehr vom Sonnenschein. Die Landschaft verdunkelte sich und die Pflanzen neben der Straße wurden vom Wind mitgerissen. Doch als wir den Sturm hinter uns gelassen hatten, war plötzlich alles wieder wie zuvor. Die friedliche, sonnige Landschaft lag wieder vor uns. Ganze 170 Kilometer nahm mich Maurizio insgesamt mit und so war ich nur noch 70 Kilometer von meinem Ziel entfernt. Ich bedankte mich herzlich vor allem für seine Freundlichkeit, mir Island zu zeigen. Er wünschte mir weiterhin viel Erfolg und so befand ich mich mittlerweile in Kirkjubæjarklaustur. Auch hier hatte ich wieder Glück und wurde von Michael und seiner Tochter Mira mitgenommen. Die beiden kommen aus Deutschland und Mira hatte diese Reise von ihrem Vater zum Abitur geschenkt bekommen. Michael ist ein absoluter Islandexperte und hat sogar einen eigenen Reiseführer veröffentlicht. Auch er kannte "das Island von früher", da er in den 80er Jahren das erste Mal die Insel besuchte. Michael erzählte mir von der Flut 1996, die die Landschaft, durch die wir gerade fuhren, vollkommen zerstörte. Gerne hätte ich noch mehr gehört, aber wir hatten den Campingplatz Skaftafell schon erreicht. Die beiden hatten geplant, ihre Tour im Hochland fortzusetzen. Ich wünschte ihnen viel Spaß und wir verabschiedeten uns.
Und da war ich nun - zurück in Skaftafell und es war noch nicht einmal 14.00 Uhr. Wieder hatte alles so wunderbar funktioniert!
Ich holte meine Sachen aus dem Spind und baute mein Zelt wieder auf. Nun sortierte ich mich eine Weile und plante dann meine kleine Wanderung zum Svartifoss, dem schwarzen Wasserfall auf einem Hügel hinter dem Campingplatz.
16.30 Uhr machte ich mich auf den Weg und schon bald hatte ich den Vorboten des Svartifoss erreicht: den Hundafoss. Ein paar Meter weiter erblickte ich einen Wegweiser, der einen mir ziemlich bekannten Namen enthielt. Natürlich musste ich diesem Schild nachgehen. Der "Kristinartindar" ist ein Berg im Skaftafell-Nationalpark. Leider lag er zu weit weg, um ihn zu erreichen, aber gesehen hatte ich ihn. Auf meinem Weg zum Svartifoss befand sich neben mir das beinahe malerische Panorama des höchsten Berges Islands - dem Hvannadalshnúkur. Nach einstündiger Wanderung erreichte ich den schwarzen Wasserfall und bestaunte die geometrischen Basaltsäulen, die entstehen, wenn Lava oder Magma abkühlt und die Kontraktion des neu entstandenen Gesteins dazu führt, dass es in sechseckige Säulen splittert.
Nachdem sich mir auf dem Rückweg ein schöner Blick über den Nationalpark und den Skeiðarársandur geboten hatte, erreichte ich gegen 18.00 Uhr wieder mein Zelt. Nun begann die bekannte Abendroutine und bald lag ich im Schlafsack. Morgen würde eine neue Etappe mit dem Fahrrad vor mir liegen. Hoffentlich würde ich nicht in einen Sandsturm geraten... Ich prüfte noch einmal den Wetterbericht und was ich zu lesen bekam, beruhigte mich. Und so konnte ich unbesorgt einschlafen.

Halbinsel Dyrhólaey
Skaftafell-Nationalpark

Nachtlager
Skaftafell Camping, Campingplatz

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