Ausläufer eines Riesen

Mittlerweile fühlt sich der Fahrradsattel wie ein zweites Zuhause an und ich legte heute 81 Kilometern zurück. Nach einem Zwischenstopp in Höfn fuhr ich direkt auf die Ausläufer des Vatnajökull zu. Die unglaubliche Größe dieses Gletschers ließ sich von der Küstenperspektive aus kaum erahnen.

09. August 2019

Heute Morgen verließ ich um 8.00 Uhr den Campingplatz. Während Gunnlaugur noch schlief, verabschiedete ich mich von Merri und wir tauschten unsere Nummern aus, um in Kontakt zu bleiben. Und dann ging es wieder los. Als mir der bekannte leichte Gegenwind ins Gesicht blies, musste ich an Vagns Bemerkung denken, als wir zusammen meine Tour besprachen: "Dort im Süden ist es immer ziemlich windig." Und er hatte recht. Im Norden waren die Windverhältnisse tatsächlich angenehmer gewesen. Während in den Ostfjorden für eine überschaubare Zeit sehr starker Gegenwind auftrat, blies mir hier im Süden leichter, aber beständiger Wind entgegen. Ich weiß nicht wirklich, was ich besser finden soll. Mein Weg führte mich in Richtung der kleinen, aber steilen Granitberge an der Küste. Kurz vor dem Erreichen dieser dunklen Erhebungen bog die Ringstraße ab und ich erblickte bald einen Tunnel, der mir die Fahrt nach Höfn erleichtern sollte. Die 1300 Meter durch den Tunnel waren schnell erledigt und als mich das Tageslicht wieder begrüßte, sah ich am Horizont schon die kleine Stadt direkt am Meer. Nach einer guten Stunde erreichte ich Höfn und besuchte zuerst den örtlichen Supermarkt, um meine Vorräte aufzufüllen. Danach fuhr ich noch ein wenig zwischen den Häusern entlang bis ich zum Hafen gelangte. Der östlichste Punkt der Stadt befindet sich auf der kleinen Halbinsel Ósland direkt hinter dem Hafen, die sich wunderbar für einen kleinen Spaziergang eignet. Ich fuhr mit dem Fahrrad ein wenig die Wege entlang und beschloss dann, langsam die Weiterfahrt anzutreten. Gesagt, getan. Die folgende Strecke war nicht mehr unbedingt abwechslungsreich. Immer wieder zogen Farmen an mir vorbei, aber ließ ich den Blick schweifen, sah ich links von mir am Horizont einen blauen Streifen des Meeres schimmern und rechts befanden sich drei Ausläufer des 2500 Jahre alten Gletschers: Fláajökull, Heinabergsjökull und Skálafellsjökull. Vatnajökull bedeutet übrigens "Wassergletscher" und er bedeckt 8100 Quadratkilometer, also 8% der Fläche Islands. Die Fahrt gestaltete sich recht mühsam und ich kam nur langsam voran. Nach zwei Stunden erreichte ich dann einen der Campingplätze, die ich als mögliches Tagesziel markiert hatte. Aber ich wollte weiter. Nach weiteren 2,5 Stunden und somit insgesamt acht Stunden, die ich mittlerweile unterwegs war, spürte ich langsam eine dezente Müdigkeit. Doch bis zum Campingplatz müsste ich noch weitere 30 Kilometer zurücklegen. Ich sammelte meine Kräfte und fuhr noch 10 Kilometer bis zu einem Hotel. Dann wollte ich wirklich nicht mehr weiter. Ein junger Mann an der Rezeption versuchte die Chefin des Hauses zu erreichen, nachdem ich um Asyl für mich und mein Zelt gebeten hatte. Nachdem er sie nicht erreicht hatte, bot er mir eine andere Möglichkeit: Hinter dem Hotel gäbe es einen Berg, dessen Spitze man leicht über eine Schotterstraße erreichen könne. Oben würde sich ein See befinden, der vom Gletscher gespeist werde und an dem man wunderbar wild campen könne. Ich war begeistert und sammelte meine letzten Kräfte, um diese Höhenmeter zu bewältigen. Nach etwa einer Stunde auf der Straße, die sich steiler als gedacht herausstellte, hatte ich den Bergsee erreicht und der Platz war tatsächlich wunderschön. Ich war völlig allein und stellte mein Zelt auf der Wiese neben dem Ufer auf. Zwischenzeitlich hatten doch noch ein paar Touristen den Weg zu diesem Ort gefunden, aber am Abend war ich dann tatsächlich die Einzige. Ich genoss das Sein mitten in der Natur und den schönen Blick auf den See. Am späten Abend kam ziemlicher Wind auf und rüttelte an meinem Zelt. Aber auf eine gewisse Art und Weise beruhigte es mich, nicht in vollkommener Stille zu liegen. Als ich mich genauer über den neben mir befindlichen Gletscher informierte, stellte ich fest, dass ich neben etlichen aktiven Vulkanzentren nächtigen würde, die sich unter der Eiskappe des Gletschers befinden. Jetzt erklärte sich mir auch das Campingverbot über weite Strecken auf dem Gebiet zwischen Gletscher und Küste: Bricht ein Vulkan aus, schmilzt die Eiskappe und das Tal wird von dem Gletscherlauf überflutet. Da dieser auch giftige Gase mit sich führen kann, muss das Skeiðarársandur (Sander) zeitweise bei einer Eruption evakuiert werden.
Bei solch einem Spektakel nebenan wird das Einschlafen gar nicht so einfach...


Nachtlager
Wildcamping am Bergsee Fremstavatn

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