Heute Morgen oder - wie ich schon andeutete - heute Mittag wachte ich auf und schaute auf die Uhr: 11:48 Uhr. Draußen war es hell - wie immer. Es konnte doch unmöglich erst kurz vor Mitternacht sein?! Nein. Ich war ja schließlich erst halb eins nachts eingeschlafen... Aber dann ist es ja tatsächlich schon fast 12.00 Uhr Mittags! Warum hat mich niemand geweckt? Gestern wurde mir extra noch mitgeteilt, dass 8.00 Uhr das Frühstück eingenommen werde, da 8.30 Uhr die Küche ihr Futter bekommen sollten.
So schnell es ging, zog ich mir einen Pullover über und rannte nach unten in die Küche. Und da saßen alle. Oh Mann... Das war peinlich! Am ersten Arbeitstag direkt verschlafen... typisch Eva. In meinen Gedanken hörte ich meine Freunde sprechen: "Ach Eva! Das ist so typisch! Du warst schon in der Schule diejenige, die den Anfang der Astroklausur verschlief oder zu spät zum Sportfest erschien... Verschlafen! Das wird sich wohl nie ändern!" Und warum auch sollte Island auf diese grundlegende Regel in meinem Leben einen revolutionären Einfluss haben? Einmal Verschläfer, immer Verschläfer...
Ich entschuldigte mich sicherlich tausendmal und die Familie gab mir zu verstehen, dass das überhaupt kein Problem für sie sei. Ich zitiere Annas Vater: "Für uns ist das mehr ein Spaß als ein Grund, sich entschuldigen zu müssen. Wir freuen uns, wenn du gut geschlafen hast!" Mit einem Augenzwinkern fügte er an: "Dann wirst du heute Abend wohl doppelt so hart arbeiten müssen." Sie zeigten vollstes Verständnis für meinen Mangel an Schlaf, den ich in der letzten Woche aufgebaut hatte. Ich war wirklich dankbar, dass sie mir die Sache nicht übel nahmen. Letztendlich war ich wohl die Einzige, die sich darüber überhaupt noch Gedanken machte.
Der Tagesrhythmus veränderte sich eigentlich nicht und richtet sich nach den Milchkühen: Am Morgen (ca. 8.30 Uhr) werden die Kühe auf die Weide gebracht und der Stall gereinigt. Dabei war ich bis jetzt also noch nicht anwesend. Am Abend (ca. 18.30 Uhr) werden die Kühe wieder in den Stall getrieben und sie werden gemolken. Zwischen diesen beiden Zeiten haben wir Wwoofer nicht wirklich etwas zu tun.
Da heute für isländische Verhältnisse unglaublich gutes Wetter war und die Sonne sich alle Mühe gab, Island in einem hellem Licht erstrahlen zu lassen, konnten wir einen Ausflug zum Wasserfall in der Nähe unternehmen: der Reykjafoss. Meta, die schon seit einer Woche auf der Farm gearbeitet hatte, war schon einmal dort und berichtete uns von einer heißen Quelle namens Fosslaug, die sich beim Wasserfall befinden soll. Also zögerten wir nicht lange, packten unsere Badesache ein, stiegen ins Auto und los ging die Fahrt Richtung Wasserfall. Dort angekommen, entdeckten wir eine ganze Reihe von Autos - wir waren also nicht die Einzigen, die diese Idee hatten. Nach ein paar Metern hörte man es schon rauschen und dann entfaltete sich das Bild mit jedem Schritt ein bisschen mehr... Und schließlich stand ich da und schaute auf einen riesigen, wunderschönen Wasserfall.
Nach einigen Momenten des Staunens liefen wir über eine kleine Brücke und erreichten hinter dem Wasserfall die heiße Quelle Fosslaug. Hier gab es mal wieder einen "heißen Topf", den wir auch sofort in Gebrauch nahmen. Das Wasser war ziemlich heiß und irgendwie erinnerte mich dieser Moment an die Zeiten als kleines Kind, als das Wasser in der Wanne noch zu heiß war und man nicht wirklich hinein wollte. Schon nach einer kurzen Weile im Topf beginnt man zu spüren, wie der Körper entspannt und träge wird. Das ist dann der perfekte Zeitpunkt gekommen, den eiskalten Fluss zum Wasserfall aufzusuchen und sich aufzuwecken. Valentin und ich wagten es und tauchten im etwa 4 °C kalten Wasser unter. Und ja, man ist dann tatsächlich wach. Wir wiederholten diese Prozedur dreimal, bis wir den Nachhauseweg antraten.
Zurück auf der Farm gab es erst einmal Mittagessen. Danach fragte Anna uns, ob wir mit ihr nach Hólar fahren wollen, da sie dort etwas zu erledigen hätte. Natürlich lehnten wir kein Angebot ab, bei dem wir die Gegend erkunden konnten, und so fuhren wir zu viert in das kleine Dorf etwa 30 Minuten von der Farm entfernt. Dort besichtigten wir die Kirche und wurden von der Geschichtsträchtigkeit des Ortes überrascht. Bis die Refomation begann war Hólar seit 1106 ein katholisches Bistum gewesen. Jón Arason, der katholische Bischof des Ortes, weigerte sich die Reformation zu akzeptieren und widersetzte sich strikt. Doch er wurde von den Dänen hingerichtet. Beim Trauermarsch für den Bischof - so besagt die Legende - begannen die Glocken der Kirche von selbst zu läuten und zwar so stark, dass sie anschließend zerbrachen.
Direkt neben der Kirche hatten wir dann Zutritt zum Auðunarstofa. Dieses Gebäude wurde 2002 eingeweiht und ist die originalgetreue Nachbildung des Hauses, in welchem der norwegische Bischof Auðun der Rote von 1313 bis 1322 lebte und arbeitete. Außerdem verfügt Hólar über eine Hochschule, in der neben Fischzucht, Fischbiologie und Tourismus auch die Pferdewissenschaften studiert werden können. Die Háskóli hat sogar ein kulturhistorisches Institut des Islandpferdes, das sich mit den Besonderheiten und dem Einfluss des isländischen Pferdes auf das Land beschäftigt.
Nach diesem interessanten Ausflug beeilten wir uns, zurück zur Farm zu kommen, weil es mittlerweile schon nach 18.00 Uhr war. Nach unserer Rückkehr ging es anschließend gleich los. Hier eine grobe Beschreibung des Ablaufs:
Die Kühe werden in den Stall getrieben und jedem Tier wird sein "Stammplatz" zugewiesen. Danach wird zuerst der Stall auf Hochglanz gebracht und im Anschluss daran werden nach und nach die Euter einer jeden Kuh gesäubert, um sie dann nacheinander zu melken (Das übernimmt dann die Melkmaschine). Das Säubern der Euter verlangt ein wenig Geschick, ansonsten tritt eine Kuh auch gerne mal zu, wenn ihr etwas nicht gefällt (bisher noch nicht passiert). Am witzigsten ist, wenn die Kuh nebenan dann noch meinen Pferdeschwanz mit Heu verwechselt und genüsslich auf ihm herumkaut. Die Reihenfolge des Melkens folgt einem System, welches ich noch nicht durchblickt habe. Es scheint sich aber auch jedes Mal zu ändern... Im Anschluss wird den Kühen Heu und Getreide gegeben.
Diese Arbeit dauert in der Regel insgesamt ca. 3 Stunden.
Den Geruch des Stalles bekommt man übrigens weder aus den Haaren noch von den Händen, aber das hat mich bisher noch nicht gestört. Ich mag es eigentlich sogar ein bisschen. Schließlich weiß man dann immer, dass man etwas gemacht hat ;)
Ich hoffe sehr, morgen auch bei der Frühschicht dabei zu sein, deshalb sag ich mal: Gute Nacht!