Nach einer erholsamen Nacht wurde ich heute früh von den Geräuschen des Aufbruchs meiner Nachbarn geweckt. Ich stand also auch auf und begann, mich abfahrbereit zu machen. Dies dauerte etwa eine knappe Stunde und dann lehnte mein Fahrrad fertig bepackt an der Bank. Die Länge meiner heutigen Route hatte ich nicht wirklich festgelegt. Der nächste Campingplatz befand sich jedoch in 72 Kilometer Entfernung. Deshalb hielt ich mir die Möglichkeit offen, heute einfach wild zu campen. Meine Ressourcen würden auf jeden Fall dafür reichen.
Die ersten Kilometer meines Weges führten mich wieder an einem der Ostfjorde entlang und wieder packte mich der Wind von allen Seiten. Aber diesmal war der Weg bis zur Spitze glücklicherweise nicht ganz so weit und nach einer Stunde war der Spuk vorbei. Nach dieser weiteren Fjorderfahrung folgte nun ein Streckenabschnitt, der mich über einige Hügel führen sollte. Hierbei folgte einem steilen Anstieg immer gleich eine genauso steile Abfahrt. Das ständige Auf und Ab schulte mich darin, den perfekten Moment abzupassen, in die Pedale zu treten, um den optimalen Nutzen aus der Abfahrt zu ziehen und den folgenden Anstieg möglichst weit hochzurollen. Aller 10 Kilometer legte ich einen kurzen Halt ein und so hatte ich bald offiziell Südisland erreicht. Petra, die Steinsammlerin, war mit Recht von der Wandelbarkeit der Natur fasziniert. Wo konnte man das auch besser sein, als hier in Island, wo sich die verschiedensten Landschaftsbilder aneinanderreihen. Nachdem sich die letzten Tage hauptsächlich Wiese und sumpfige Landschaft vor dem Meer befunden hatten, genoss ich jetzt den herrlichen Blick auf das Meer und die Küste mit schwarzem Sandstrand. Nicht viel weiter im Landesinneren erhoben sich wieder die riesigen Berge, von denen es hier so viele gibt. Dann tat sich mir der Ausblick auf meinen weiteren Weg auf. Direkt am Berg entlang schlängelte sich eine schmale Küstenstraße, auf der verhältnismäßig viele Autos unterwegs waren. Es war nicht ganz einfach an einer viel befahrenen Straße zu schieben, aber letztendlich lohnte es sich, denn auf einer Anhöhe war der Ausblick wunderschön. Mittlerweile hatte ich entschieden, die Strecke bis zum nächsten Campingplatz durchzuziehen. Je weiter ich fuhr, desto mehr veränderte sich die Natur um mich. Auffällig war, dass mich auf einmal eine enorme Menge an Vögeln umgab. Besonders die grazilen Schwäne, auf den kleinen Seen neben der Straße waren in großer Anzahl versammelt.
Die Sonne sorgte für angenehme Temperaturen und 14.30 Uhr hatte ich nach 72 Kilometern endlich mein Ziel erreicht.
Ich war begeistert von dem Campingplatz, an dem ich - offensichtlich als erster Gast - angelangt war: In zwei kleinen Containern waren Waschräume und Küche eingerichtet und es war alles da, was ich brauchte. Vor allem war diese Unterkunft deutlich günstiger, als diejenigen zuvor. Ich ging also zum kleinen Haus, in dem sich die Rezeption befand, aber es war niemand da. Nach einer halben Stunde fuhr ein Auto vor und ich traf einen Mann an, der mich bestens gelaunt begrüßte. Ich berichtete ihm, wie schön ich den Ort hier fand und er reagierte besonders erfreut auf dieses Kompliment. Wir kamen ins Gespräch und bald fragte er mich, ob ich mich für Pferde interessiere. Ich erzählte ihm, von meinem Traum einmal auf einem Islandpferd zu reiten und dass ich als Kind ein echter Pferdefan gewesen war. Daraufhin fragte er mich: "Hast du Lust, etwas Verrücktes zu machen?" Was antwortet man auf solch eine Frage, wenn ein Isländer diese stellt... natürlich JA! Und er erklärte mir daraufhin, was er am heutigen Nachmittag noch vorhatte: Seine Pferde stünden auf der Weide, aber sie hätten sich mit den Pferden seines Nachbarn vermischt. Sein Ziel war es nun, die Gruppen wieder zu trennen. Dafür müsse er aber erst alle Pferde zurück in den Stall bringen. Während des Gesprächs lernte ich noch Merri kennen. Sie ist ein Mädchen aus Finnland, das hier den Sommer lang arbeitet und mit den Pferden sowie dem Campingplatz hilft. Der Mann hat übrigens einen unaussprechlichen isländischen Namen, weshalb ich auch nach mehreren Hörversuchen keine Ahnung habe, wie man ihn schreibt. Ich durfte ihn deshalb einfach nur bei seinem Anfangsbuchstaben "G" (englisch ausgesprochen) nennen. Meira hatte noch Dinge zu erledigen und so fuhren G und ich auf die riesige Weidefläche, um die Pferde zuerst einmal zu suchen. Nach einer halben Stunde hatten wir sie entdeckt. Das Abenteuerliche an der ganzen Sache war, dass es keinerlei Wege auf dieser Weide gab. Die Wiese war durchzogen von Erdhügeln und mittig verlief eine Art Flussbett, das weitestgehend ausgetrocknet war. Es ließ sich hier auf jeden Fall nicht besonders gut fahren. Trotzdem trieb der isländische Farmer die Pferde mit seinem Auto Richtung Stall. Ich glaube, ich bin in einem Auto noch nie so durchgerüttelt worden. Jetzt erklärte sich mir auch das recht ramponierte Aussehen des Wagens. Bis die Pferde auf der eingezäunten Wiese standen, auf der wir sie haben wollten, vergingen mehr als zwei Stunden. Zwischendurch stieg ich immer mal wieder aus und versuchte die Pferde im Laufschritt anzutreiben. Doch der Weg war relativ weit und die Pferde etwas träge. Als dann alle Vierbeine auf der Wiese standen, hieß es sie in den Stall zu treiben. Doch das war zu zweit gar nicht so einfach, auch weil die Tiere gar nicht daran dachte, sich jetzt in den Stall zu bewegen. Erst mit der Hilfe von anderen Touristen, die aus Neugierde angehalten hatten (2 Franzosen und 2 Deutsche) war es möglich, alle Pferde in den Stall zu bewegen. Dann ging es ans Aussortieren. Dies war auch keine einfache Angelegenheit und dauerte mehr als eine Stunde. Als wir wieder am Campingplatz ankamen, war es schon halb 6. Aber wie ich dann mitbekam, waren wir nur gekommen, um Merri abzuholen. Jetzt sollten die 6 Pferde des Farmers auf eine andere Weide nahe des Campingplatzes gebracht werden. G entschied sich dazu, die Pferde entlang des Zaunes neben der Straße zu treiben und mit dem Auto hinter ihnen herzufahren. Dies hatte schon oft funktioniert, aber heute wollten die Pferde nicht so, wie er wollte. Sie wechselten die Straßenseite und galoppierten wieder raus auf die Weide. Nun ging das ganze Spiel also von vorne los - nur mit ein paar weniger Pferden. Da wir nach einer halben Stunde immer noch keinen Erfolg hatten und die Pferde nach wie vor näher am Stall, als am Campingplatz waren, entschlossen wir uns, die Aktion abzubrechen und die Pferde zurück in den Stall zu bringen. Der geplante Ausritt fiel ins Wasser, da es so langsam spät wurde und eine Gruppe angemeldeter Gäste den Campingplatz erreicht hatte. So fuhren wir gegen halb 8 wieder zurück zum Zeltplatz. Langsam hatte ich wirklich Hunger bekommen, aber zuerst wollte ich nur noch duschen. Nach diesen angenehmen 10 Minuten in der Dusche, kehrte ich zum Zelt zurück und entdeckte das kleine Dankeschön dafür, dass ich mit den Pferden geholfen hatte. Wie lieb von den beiden! Ich kochte ich mir in der Küche Nudeln und genoss mein Abendessen. Jetzt waren meine Grundbedürfnisse wieder erfüllt. Was für ein Tag! Nach der längsten Etappe hatte ich nun auch noch einen Ausdauerlauf hingelegt. Das spürte ich so langsam auch in meinen Beinen. Ich ging noch einmal zur Rezeption und bedankte mich für diesen schönen Nachmittag. Wir verstanden uns so gut, dass ich beschloss noch einen weiteren Tag hierzubleiben. Merri sagte, sie würde mit mir eine Wanderung unternehmen und wir könnten auch - wenn Zeit sei - den verpassten Ausritt nachholen. Bei solchen Aussichten konnte ich nur bleiben. Bis Höfn war es zudem nicht mehr weit und ich entschied, dass es gut sei, einen Tag freizunehmen. Morgen war also Ausschlafen angesagt... Perfekt! Ich kroch erschöpft in meinen Schlafsack und schlief in Rekordzeit ein.