Blandende Schönheit

Ich hatte die Wechselhaftigkeit des isländischen Wetters viel zu schnell negativ verurteilt. Ich glaube, heute wollte mir Island zeigen, dass es da ja auch noch die Wechsel zum Guten gibt. Und ich verliebte mich wieder ein bisschen mehr in die Schönheit des Landes. 

06. Juli 2019

Als ich heute aufwachte, war da nichts - kein Rauschen. Das war eigentlich der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam. Hatte der Wind sich etwa zur Ruhe gelegt? Im ersten Moment verwarf ich das Gedachte - so schnell konnte das doch gar nicht gehen. Ich stieg also aus dem Zelt und da war tatsächlich nur eine ganz sanfte Brise. Anschließend ging ich ins Gästehaus, um mich für die heutige Etappe bereitzumachen. Heute konnte ich mir sogar das erste Mal am Morgen einen heißen Kaffee brühen - perfekter Start in den Tag! Nach dem Frühstück packte ich das Zelt und alle anderen Sachen zusammen und war 8.30 Uhr startbereit. Bewusst ein wenig eher, als die anderen Tage, damit ich auch bei anhaltendem Gegenwind ankommen würde. Doch ihr werdet es nicht glauben, aber auch als ich wieder auf der Ringstraße war, empfing mich nichts außer Sonnenschein und Windstille. Innerhalb der ersten 1,5 Stunden legte ich über die Hälfte meiner Etappe zurück. Ich meine es übrigens tatsächlich ernst, dass ich mich nach 30 Minuten fragte, ob ich träumen würde. Ich habe mich wirklich gezwickt. Das war unglaublich. Auf der gleichen Straße, auf welcher ich gestern um jeden Zentimeter Fortschritt hatte kämpfen müssen, raste ich nun mit 20 km/h entlang.
Ich legte ungefähr drei Zwischenstopps ein, bis ich nach 46 Kilometern Fahrt 12.30 Uhr Blönduós erreichte. Ich hatte so einiges erwartet, aber nicht eine solch unproblematische Tour. Island hatte mich überrascht.
Blönduós ist eine kleine Stadtgemeinde mit 866 Einwohnern. Das wohl schönste Highlight in diesem Dorf bildet die Mündung des Gletscherflusses "Blanda" (Im Titel ist kein Schreibfehler). Ich verbrachte den restlichen Tag damit, einen kleinen Wanderweg oder besser gesagt einen Trampelpfad zu verfolgen, der die schönsten Blickwinkel auf den Fluss preisgab. Zuvor musste ich noch eine Brücke überqueren, die ziemlich instabil aussah und lediglich für "ein bis zwei" Personen ausgelegt war. Der Rettungsgurt, der an einem Ende der Brücke befestigt war, verbesserte mein Gefühl auch nicht unbedingt. Aber was sollte die Angst? Kurz und schmerzlos! Ich bewegte mich vorsichtig, aber recht zügig über die schwankende Brücke und... ich hatte überlebt!
Der immer noch strahlende Sonnenschein ließ das Wasser des Flusses glitzern und Blanda nahm ein herrliches Türkis an. Ich konnte mich nicht mehr losreißen.
Natürlich wollte ich auch unbedingt noch einen Blick auf das Meer werfen. Und auch der Nordatlantik glitzerte vor sich hin. Ich genoss die sommerlichen Temperaturen für einen Moment und blieb eine Weile am Meer sitzen.
Als Nächstes wollte ich die seltsam geformte Kirche besuchen, die ich schon von Weitem auf der Anhöhe stehen sehen hatte. Diese erst 1993 geweihte Kirche wurde von einem Architekten entworfen, der ganz in der Nähe eine Farm besitzt. Glücklicherweise verfügt Blönduós außerdem über eine gute Infrastruktur und so konnte ich später im Supermarkt einkaufen gehen. 
Ich mag die Isländer aufgrund der Art und Weise, wie sie mit der Natur umgehen. Weil "Blanda" nicht ein bisschen kommerziell vermarktet wird und solch eine Schönheit und generell die meiste Natur fast unberührt bestehen kann. Aber mit einer Sache könnte ich mich auf Dauer nicht anfreunden: das nach Schwefel stinkende heiße Wasser. Das heiße Wasser im fast ganzen Land wird aus den heißen schwefelhaltigen Quellen bezogen. Ich finde diese Symbiose mit der Natur total super, aber wenn man sich geduscht hat, fühlt man sich immer noch nicht sauber, weil man stattdessen nach Schwefel riecht. Zu Beginn hatte ich keine Ahnung davon und dachte nach meiner ersten heißen Dusche, dass ich vielleicht auf einen nicht ganz so gepflegten Campingplatz geraten war. Bis ich nach der zweiten Dusche dann skeptisch wurde. Hoffentlich ist die Schwefeldusche wie das Wetter hier: eine Gewöhnungssache...



Nachtlager
Tjaldsvæði Camping, Blönduós

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