Bergauf und bergab

Heute ging es eigentlich den ganzen Vormittag immer die gleiche Straße entlang. Ich machte Bekanntschaft mit der in Island berühmt-berüchtigten "gravel road" (Schotterstraße) und wurde später wieder von der Schönheit Islands belohnt.

04. Juli 2019

Von Búðardalur aus startete ich, wie jeden Tag, gegen 9.00 Uhr. Zuerst musste ich wieder ein paar Kilometer bis zum ursprünglichen Weg zurücklegen, aber das dauerte nur ca. 20 Minuten. Für isländische Verhältnisse hatte ich sehr gutes Wetter. Es war bewölkt und regnete nicht. Zudem hielt sich der Gegenwind in Grenzen und die Temperatur hatte sich an der 10 °C-Grenze eingepegelt. Also eigentlich recht gute Bedingungen für eine Radtour. Zudem hatte ich in den letzten Tagen festgestellt, dass es, so lange man sich bewegt, zu keinem Zeitpunkt wirklich kalt ist.
Die Straße, die ich heute befahren sollte, war die 59 und nach einigen Kilometern warnte mich ein Schild davor, dass diese Straße nun zur Schotterstraße werden sollte. Ehrlich gesagt hatte ich wirklich Schlimmeres erwartet. Klar gab es da so einige Schlaglöcher und man musste beim Fahren ein wenig mehr Acht geben als auf asphaltierten Straßen, aber sonst war alles beim Alten. Mir machte das ständige bergauf und bergab mehr zu schaffen. Da bin ich wahrscheinlich einfach noch zu sehr an die relativ flachen Fahrradwege in Deutschland gewöhnt...
Aber auch daran gewöhnt man sich - hoffentlich.
Nach einigen Stunden auf der 59 lag dann endlich der erwartete Fjord vor mir - Hrútafjörður. Zwischenzeitlich hatte die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewonnen und das Wasser schimmerte wunderschön blau. Ich sollte mich mittlerweile an die tägliche Faszination für die Landschaften Islands gewöhnt haben, aber die Natur war immer wieder unglaublich beeindruckend für mich. Leider kann man die Schönheit des Fjordes nicht gänzlich auf Bildern wiedergeben. Mein Minimalziel hatte ich dann doch relativ schnell erreicht. 14.00 Uhr war ich am kleinen Hafen in Borðeyri, der auch einen Campingplatz zu bieten hatte. Doch, dass ich auf der anderen Seite des Fjordes mein Maximalziel sehen konnte, spornte mich schließlich doch irgendwie an, noch weiterzufahren.
Die Strecke bis zum Ende des Fjordes im Landesinneren war einfach nur herrlich. Ich hatte Rückenwind und schwebte quasi die Straße entlang. Solange der Wind auf meiner Seite war, war ich auch glücklich. Doch ich ahnte schon, wie sich die Kilometer auf der anderen Seite des Fjordes anfühlen würden. Und so war es auch. Die letzten 12 Kilometer waren die reinste Qual. Selbst die Abfahrten fühlen sich an, als würde man bergauf fahren. Unglaublich, welche Kraft dieser isländische Wind mit sich brachte. Ich brauchte mindestens doppelt so lang, wie für die gleiche Strecke auf der anderen Seite. Die vielen LKWs, die mittlerweile die Ringstraße bevölkerten, machten die ganze Fahrt nicht viel angenehmer. Aber ich kann nur immer wieder sagen: Alles, was den Weg zum Ziel schlimmer macht, macht die Ankunft umso angenehmer. Und man ist einfach dankbar, am Ziel angekommen zu sein. Ich lerne mittlerweile wirklich, die kleinen Dinge zu schätzen. Wann hätte ich mich in Deutschland einmal so über fünf mit dem Fahrrad gefahrene Kilometer gefreut? Der angesteuerte Campingplatz lag direkt am Fjord und war äußerst luxuriös ausgestattet. Eine junge Frau empfing mich und wies mir meinen Platz zum Zelten zu. Ich war mit meiner Ankunft am späten Nachmittag der erste Gast und hatte somit auch alle Freiräume. Der Campingplatz war mit einem kleineren Häuschen ausgestattet, in dem ein recht großer Essensraum, Waschräume und die Küche zu finden war. Nun hatte ich Zeit, all meine Klamotten wieder einmal richtig zu trocknen und die komplette Elektronik wieder vollzuladen - und das ganze mit einem herrlichen Blick auf den Fjord. Ich hatte übrigens auch das Glück, dass in der Küche noch ein paar Nudeln von vorherigen Gästen übrig gelassen wurden. Somit konnte ich mir in der Küche heute sogar ein warmes Essen gönnen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nach einiger Zeit trafen zwei Niederländer ein, mit denen ich sofort ins Gespräch kam. Sie berichteten, dass sie das erste Mal in Island seien und mit dem Camper-Van einmal um die ganze Insel unterwegs wären - nur entgegen dem Uhrzeigersinn. Während wir aßen, führten wir ein langes Gespräch über Gott und die Welt und beschlossen dann dem "heißen Topf", der auch Teil des Campingplatzes war, einen Besuch abzustatten. Später erhöhte sich die Gästeanzahl auf den Campingplatz und drei Amerikaner aus Massachusetts gesellten sich zu uns in den Pool. Wenn man sich das so vorstellt, hätte das ganze auch der Beginn eines Witzes sein können: Saßen einmal drei Amerikaner, zwei Niederländer und eine Deutsche im Whirlpool... Lustigerweise war das Hauptgesprächsthema die Legalisierung von Cannabis...
Auf meinem Reiseführer, den ich mir ungefähr 2 Monate vor Antritt meiner Reise gekauft hatte, befindet sich ein Titelbild, auf welchem eine Frau mit einer roten Pudelmütze in einem "hot tub" sitzt. Irgendwie hatte ich mir insgeheim gewünscht, genau das zu tun. Und nun saß ich da - im heißen Topf mit meiner blauen Mütze.
Ich glaube, der heutige Tag war der bisher schönste von allen. Vielleicht bin ich ja jetzt tatsächlich in Island angekommen.


Nachtlager
Farfuglaheimili Tjaldstæðið, Campingplatz (am Hrútafjörður)

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