Wow! So eine angenehme Nacht hatte ich lange nicht mehr... So langsam waren die hellen Nächte kein Problem mehr. Denn es wird tatsächlich zu keinem Zeitpunkt dunkel. Wenn ich einschlafen will, ist es taghell. Das ist immer wieder erstaunlich für mich :D Aber ich hatte mich daran gewöhnt, mit einer über die Augen gezogenen Mütze zu schlafen. Außerdem hatte ich das Gefühl jetzt wirklich im Urlaub angekommen zu sein, weil ich begonnen hatte, auf Englisch zu denken.
Mit einem guten Gefühl startete ich also in den Tag. Die Erkältung war zwar noch nicht abgeklungen, aber aus irgendeinem Grund hatte ich wieder mehr Energie. Also schnell das Zelt abgebaut und los. Ich fragte noch einen weiteren Gast des Campingplatzes, wo man denn hier bezahlen müsste. (Normalerweise kamen gegen Abend die Besitzer des Campingplatzes und verlangten die Bezahlung.) Sie sagte nur: "Wenn sie nicht kommen, hast du Glück gehabt. Jetzt hast du noch die Chance einfach abzuhauen!" Ich bin ja sonst immer ein ehrlicher Mensch, aber diese Möglichkeit wollte ich mir nicht entgehen lassen... Und schon war ich wieder auf dem Weg. Die ersten sechs Kilometer verbrachte ich damit, wieder auf die Ringstraße zurückzukehren. Auf meiner Reise lohnt es sich tatsächlich, früh aufzustehen, weil dann auf der Ringstraße noch nicht so viel los ist. Ich legte also weitere 12 Kilometer des Tages auf der Ringstraße zurück, bis ich an einem kleinen Haus einen Mann traf, der mir netterweise meine Wasserflasche auffüllte. In einem kurzen Gespräch schilderte ich meine Route und der Mann beschrieb mir den Verlauf meines kommenden Weges: Ich sollte noch ca. 45 Minuten bis zum Abzweig brauchen und dann würde ich direkt auf einen Berg zufahren, den ich auch überqueren müsse. Das sollte mich mindestens eine bis zwei Stunden kosten. Danach käme aber auch eine Abfahrt und ab dann sei alles wieder sehr flach. Damit hatte ich eine ungefähre Vorstellung des Weges und eine vollgefüllte Wasserflasche. Was sollte also noch schiefgehen?
2 Stunden später: Ich hatte 400 Höhenmeter erreicht. Das ist so hoch wie 5 mal das Rauhenthal aufeinandergestapelt. Mit Regen und einigen Kilos Gepäck fühlte es sich an, als wären es 20 Exemplare gewesen... Der Weg war ziemlich beschwerlich und am Ende kam ich nur noch schiebend im 3-Grenzpfeiler-Rhythmus voran. Aber Stück für Stück erreichte ich eben doch das Ziel. Dann wurde die Straße langsam nicht mehr so steil und mir kam ein Auto entgegen. Der Fahrer zeigte mir einen Daumen hoch. Das konnte ja nur bedeuten... Sollte das wirklich wahr sein? Sollte die lang ersehnte Abfahrt endlich folgen?!
200 Meter später begann ich zu rollen. Es mag arrogant klingen, aber in diesem Moment war ich einfach nur noch stolz auf mich. Ich hatte es tatsächlich geschafft! Noch nie im Leben habe ich eine Abfahrt so genossen, wie diese. Ich grinste wie bekloppt (entschuldigt, aber kein Wort trifft es besser) vor mich hin und genoss, wie sich meine potenzielle Energie in kinetische umwandelte. Höchstgeschwindigkeit: 50 km/h. Der Mann an der Ringstraße hatte meine Route wirklich ziemlich exakt beschrieben. Ab jetzt war die Gegend sehr flach und ich konnte mit der Abfahrt meine Durchschnittsgeschwindigkeit um 2 km/h steigern. Ein kleiner Anstieg noch und dann war ich am Ziel angekommen. Mein Campingplatz lag wieder direkt am Meer. Er war ausgestattet mit luxuriösen Duschen und direkt gegenüber gab es einen Supermarkt. Perfekt.
Problematisch war, meine Klamotten wieder trocken zu bekommen. Es hatte fast die ganze Etappe geregnet und alles war durchnässt. Aber wenn etwas ein Trockner ist, dann der eigene Körper. Ich zog die wichtigsten nass gewordenen Sachen einfach im Schlafsack an. Es dauerte zwar eine Weile, bis es wieder warm wurde, aber am nächsten Morgen sollten zumindest diese Klamotten wieder trocken sein.
Ich lag im Zelt und dachte darüber nach, dass die heutige meine erste richtige Etappe gewesen war. 65 Kilometer Fahrrad fahren ohne Panne. So hatte ich mir das ganze von Anfang an vorgestellt. Aber durch die Pannen hatte ich so einige Menschen kennengelernt und vielleicht auch mich ein bisschen mehr...