Erneut zurück auf Kurs

Erneuter Rückschlag - erneute Rettung.
So langsam werde ich zu einer echten Überlebenskünstlerin - aber nicht ohne Hilfe...

02. Juli 2019

Voller Hoffnung startete ich in den neuen Tag. Die Nacht war sehr erholsam und das kam der Besserung meiner Erkältung nur zugute. Endlich würde ich mit einem funktionierenden Fahrrad die erste richtige Etappe bezwingen und hoffentlich an meinem geplanten Ziel, der Stadt Borgarnes ankommen. Nach einem kurzen Einkauf im Supermarkt waren mein Fahrrad und ich startklar. Der Anfang lief super. Die Straßen waren zwar recht befahren, doch trotzdem verlief die Fahrt unbeschwerlich. Teilweise ging es ordentlich bergauf, aber wenn das Fahren zu schwer war, griff ich eben auf das gute alte Schieben zurück. Und dann passierte das nächste Unglück: Mitten auf der Ringstraße gab mein Fahrrad ein Geräusch von sich. Es war nicht unbedingt laut, aber es war deutlich hörbar. Die Schaltung versagte. Ich hielt an einer Abbiegung an, um die Ursache des Problems herauszufinden. Doch ich konnte nichts erkennen. Irgendwie funktionierte gar nichts mehr an der Schaltung. Im nächsten Augenblick parkte ein großes Auto neben mir und ein paar Menschen aus dem asiatischen Raum stiegen aus, um Bilder von der spektakulären Landschaft zu machen, die mich umgab. Einer von ihnen betrachtete mich kurz und kam im nächsten Moment in meine Richtung gelaufen. Trotz, dass er das Problem auch nicht lösen konnte, war ich ihm so dankbar für seine Anteilnahme. Letztendlich riet er mir noch, die 112 zu rufen, falls ich gar keinen Ausweg mehr sehen würde. Aber so schnell wollte ich nicht aufgeben. Nach einer längeren Inspektion des Fahrrads und einem Telefonat mit Papa stellte sich heraus, dass meine Hinterachse gebrochen war. Dies war auch der Grund für das Versagen der Schaltung. Die einzige Lösung für dieses Problem wäre ein neues Hinterrad. Das einzige Problem war, dass außerhalb von Reykjavík kaum Fahrradläden existieren.
In meinem Kopf entwickelte sich ein Plan: Irgendwie zum geplanten Campingplatz kommen, von dort aus nach Reykjavík fahren, Rad kaufen, zurück zum Campingplatz, Rad einbauen und irgendwann mit Verspätung weiterfahren. Der Plan war zwar kompliziert, aber machbar und nebenbei meine letzte Hoffnung.
Aber wie komme ich am besten zum geplanten Campingplatz? Da kam mir die gute alte Variante "Daumen raushalten" am einfachsten vor. Mein Fahrrad ließ ich erstmal stehen, stellte mich an die Straße und hielt Ausschau nach Autos, in die ein Fahrrad passen könnte. Die ersten Fahrer würdigten mich nicht einmal eines Blickes, was mich eher hoffnungslos als hoffnungsvoll stimmte. Ich rechnete schon gar nicht mehr damit, als plötzlich ein großes mattgoldenes Auto in der Haltebucht stoppte. Ein älterer Mann räumte schon die Sachen vom Beifahrersitz und winkte mich in sein Auto hinein. Nun war der Moment der Wahrheit gekommen: Wie würde er auf mein Fahrrad reagieren? Ich fragte, ob mein Drahtesel auch mitkommen könnte und im ersten Moment schien er ablehnen zu wollen. Doch dann sagte er: "Na los, hol` deine Taschen, das Fahrrad wird schon irgendwie reinpassen." Während der Autofahrt kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr, dass der Mann (dessen Namen ich unglücklicherweise vergessen habe, zu erfragen) nach Borgarnes wollte. Er berichtete von einer Werkstatt, die eventuell auch gebrochene Achsen von Fahrrädern reparieren könnte. Dort angekommen wurde uns leider mitgeteilt, dass eine solche Reparatur hier nicht möglich sei. Wie abgesprochen wollte ich nun mein Gepäck aus dem Auto holen und mich zum Campingplatz in Borgarnes begeben, aber der Mann hatte noch einen Vorschlag: Der eigentliche Grund seiner Autofahrt war, sein Grundstück ein Stück weiter nördlich zu besuchen, welches er an Gäste vermietet. Dort wollte er die Pflanzen wässern und eine Baggerschaufel abholen und später nach Reykjavík zurückkehren. Er bot mir an, einfach mitzukommen und mein Fahrrad dann in Reykjavík reparieren zu lassen. Ich war erneut überwältigt davon, wie nett dieser Mensch war. Sein Stück Land ist übrigens einen Hektar groß und das Gästehaus ist wirklich schön (mit Blick aufs Meer)! Ich half ihm die Pflanzen zu gießen und die Baggerschaufel einzuladen und schon ging es zurück in Richtung Reykjavík. Dort fuhr er mich noch zum Laden seines Vertrauens ("den besten Fahrradladen, den er kenne") und half mir meine Sachen auszuladen. Das war das dritte Mal in Island, dass ich jemandem so unglaublich dankbar war. Der Fahrradladen war tatsächlich sehr gut und löste mein Problem in einer halben Stunde. Mit einem neuen Hinterrad machte ich mich auf den Weg in Richtung Bushaltestelle. Von hier aus sollte ein Bus bis nach Borgarnes fahren. Als ich den Fahrplan anschaute, bemerkte ich, dass genau der Bus, mit dem ich fahren wollte (und zwar nur dieser) auch noch ein ganzes Stück weiterfuhr. Also entschied ich, bis zur Haltestelle "Baula" zu fahren, um dann von dort aus noch 5 Kilometer bis zum Campingplatz zu radeln. Dieser Campingplatz heißt übrigens "Varmaland Camping" und ist genau der Campingplatz, auf dem ich am dritten Tag der Tour sein wollte. Trotz aller Pannen war ich also wieder voll im Zeitplan. Abends um 20.00 Uhr kam ich am Zeltplatz an, richtete mein Nachtlager her und verzehrte mein Abendessen, welches ihr auf dem Titelbild sehen könnt. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben Pommes Frites so genossen...

Nachtlager
Varmaland Camping, nordwestlich von Kleppjárnsreykir

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