Am ersten Tag im August wachte ich halb sieben auf und kurz vor 8.00 Uhr war ich startbereit. Ich verließ die Ásbyrgi-Schlucht und fuhr die Straße entlang, auf der ich eine Rarität in Island betrachten konnte: einen Wald. Bisher hatte ich in diesem Land keine wirkliche große Ansammlung von Bäumen entdecken können. Vagn hatte mir stolz seinen selbst gepflanzten "Wald" präsentiert, der etwa 20x20 Meter groß war. In den letzten Jahren sind viele Initiativen gestartet worden und viele Isländer versuchen aufzuforsten, damit nicht mehr so viel Holz importiert werden muss.
Deshalb ist der Mischwald aus Birken und Fichten, der sich neben mir erstreckte, auch so eine Seltenheit. Vor allem, wenn die Bäume teilweise höher als 4 Meter sind.
Die Strecke auf der anderen Seite des Jökulsá á Fjöllum stellte sich als deutlich bessere Wahl heraus, was die Qualität der Fahrbahn anging. Anfänglich fuhr ich zwar auch eine Schotterstraße entlang, aber nach etwa 15 Kilometern gelangte ich wieder auf Asphalt. In ein paar Wochen würde hier nur noch asphaltierte Straße existieren. Zumindest deuteten die Baufahrzeuge darauf hin. Nun kam ich besser voran, aber langsam merkte ich, wie sich meine Wasserflasche schneller geleert hatte, als ich erwartet hatte. Ich schaute auf die Karte und plante also einen Zwischenstopp an der Westseite des Dettifoss ein, um meine Flasche wieder auffüllen zu können. Bis dahin hieß es, Wasser zu sparen. Auf einmal kam mir jeder Tropfen in meiner Flasche unglaublich wertvoll vor. Normalerweise ist man es eben gewohnt, ständig Wasser zur Verfügung zu haben. Am Wasserhahn drehen und schon fließt es. Heute konnte ich am eigenen Leib erleben, wie es ist, wenn das Wasser knapp wird. Nur hatte ich noch verschiedenste Notfall-Wege im Hinterkopf, um letztendlich an Wasser zu gelangen. Es gab da ja noch eine Menge Autofahrer, die man hätte anhalten können. Oder man trinkt eben doch das Wasser, das der große Fluss Jökulsá á Fjöllum zu bieten hat. Das eine Mal wird einen ja nicht gleich krank machen. Und in der allergrößten Not, gäbe es dann immer noch den Notruf. Auf meiner Fahrt zum Dettifoss dachte ich an die Menschen, die tatsächlich kein Netz aus Notfallplänen haben. Mein Verlangen nach Wasser war ja noch nicht einmal richtiger Durst. Jeder kennt wahrscheinlich das Gefühl, nach dem Sport oder einer langen Wanderung ohne Wasser "beinahe zu verdursten". Aber was wirklicher Durst ist, kann man, kann ich mir gar nicht vorstellen. Die Möglichkeit, immer und überall an fließendes Wasser zu gelangen sollte ich tatsächlich mehr zu schätzen lernen.
Der Abstecher zum Wasserfall war 3 Kilometer lang und ich rollte den gesamten Weg nach unten. In meinen Gedanken sah ich mich schon, den ganzen Weg wieder nach oben schieben, aber dann wenigstens mit gefüllter Wasserflasche!
Als ich unten ankam, wurde ich aber bitterlich enttäuscht: Hier gab es keinerlei Zugang zu Wasser. Ich traf eine junge Frau an, die hier täglich nach dem Rechten schaut. Sie erklärte mir die Wassersituation in dieser Gegend: "Du befindest dich auf eine Art in der Mitte einer Wüste. Hier gibt es kein Wasser. Es ist ein bisschen komisch, wenn man beachtet, dass neben uns solch ein riesiger Fluss fließt. Aber hier ist es tatsächlich schwer, an Wasser zu gelangen.
"
Da ich gestern auf der anderen Seite fließendes Wasser hatte genießen können, fragte ich sie, wie das möglich sei. Sie erklärte mir, dass auf der anderen Seite wohl eine kleine Quelle entdeckt wurde und diese mit einem sehr einfachen Pumpsystem angezapft würde. Im Winter sei dort aber auch kein Wasser vorhanden, weil die Leitungen dann einfrieren würden.
In mir machte sich dezente Beunruhigung breit, weil ich die nächsten 35 Kilometer nicht ohne Wasser auskommen würde. Ich erklärte der Frau meine Situation und sie bot mir an, mir von ihrem Wasser zu geben. Sie hob einen roten Kanister vom Auto und sagte, dass dies ihr "Wasser für Notfälle" wäre, dass sie immer dabei hätte. Ohne sie hätte ich ganz schöne Probleme bekommen. Mein letzter Plan wäre gewesen, die Menschen auf dem Parkplatz nach Wasser zu fragen. Mit vollgefüllter Wasserflasche und viel Dankbarkeit im Herzen machte ich mich auf zur Hauptstraße. Der Rückweg war nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte und die folgenden 25 Kilometer gestalteten sich völlig unproblematisch, da es hauptsächlich bergab ging und mir kein Wind entgegen blies. Zwischendurch machte ich kurz Halt, um zum Fluss zu wandern und mein Gesicht zu waschen. Bald traf ich dann wieder auf meine gewohnte "Route 1" und legte die letzten 10 Kilometer bis zum Campingplatz in Grímsstaðir zurück. Aus einem bestimmten Grund mochte ich diesen Zeltplatz jetzt noch mehr, da er auf mich so isländisch wirkte. Es gab keine Duschen, kein Internet und keinen Strom und doch oder genau deshalb, genoss ich es hier zu übernachten. Neben der Wiese zum Zelten plätscherte ein kleiner Bach und meine erste Handlung war, meine Füße in diesen Bach zu strecken und erneut mein Gesicht abzuwaschen. Ich glaube, die Einfachheit und der Versuch, die Natur so wenig wie möglich zu verändern, reizte mich an diesem Campingplatz so.
Nachdem ich mein Nachtlager aufgestellt und meine Wäsche gewaschen hatte, kam eine deutsche Familie aus Esslingen an. Sie hatten die Reise nach Island mit dem Schiff zurückgelegt und ihren eigenen Camper-Van dabei. Mit der kleinen 1,5-jährigen Tochter wollten sie nun für 2 Wochen die Insel erkunden. Wir kamen ins Gespräch, weil ich sie um heißes Wasser für mein Fertiggericht "Risotto Funghi" gebeten hatte. Ich bedankte mich herzlich und genoss mein warmes Abendessen. Was konnte es Besseres geben?
Morgen werde ich 9:45 Uhr den Bus nach Egilsstaðir nehmen und dann wird es höchste Zeit meine Essensvorräte aufzufüllen.